Hoyerswerda: Stadt des Bergbaus und der Wohnkomplexe
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Morgens um sechs verlasse ich mit meinem Schachfreund Bodo, 1963 in Hoyerswerda geboren, Leipzig. Wir sitzen in einem heruntergekommenen Opel, den ich mir bei einer Bekannten geliehen habe. Im Kofferraum sind Möhren, alte Brote und Sattelzeug, es riecht nach Pferden. Auf der Autobahn klappert unser Westauto, als beschleunigten wir einen alten Trabi.
Von trauriger Berühmtheit zum persönlichen Augenschein
Über Hoywoy, wie die Einwohner:innen ihre Stadt liebevoll nennen, sind – vor allem in den Neunzigern, als Hoyerswerda wegen ausländer:innenfeindlicher Ausschreitungen durch den medialen Fleischwolf gedreht wurde – viele Sätze gefallen. Viele Sätze habe ich in den letzten Tagen gelesen und in Grit Lemkes Dokumentarbuch «Kinder von Hoy» (2021) sogar reale Menschen wie «Pfeffi» kennengelernt, ohne je da gewesen zu sein. Hoyerswerda war zu DDR-Zeiten eine provinzielle Boomtown. Hoyerswerda ist der Inbegriff sozialistischen Städtebaus – mit seiner revolutionären Tristesse. Hoyerswerda sorgte nach der Wende für Schlagzeilen.
Mittlerweile ist es ruhig geworden um Hoyerswerda und ich will mir selbst ein Bild machen. Wie Franziska Linkerhand, Protagonistin in Brigitte Reimans gleichnamigem Roman (1974 posthum veröffentlicht), fahre ich einem Versprechen entgegen. Reimann, die in den Sechzigern selbst in Hoyerswerda gelebt hatte, schickte die junge Architektin Linkerhand nach Neustadt, damit diese – nach dem Willen der Parteileitung mehr mit Sach- als mit Kunstverstand – den Aufbau vorantrieb. Nach dem sogenannten Bitterfelder Weg der DDR-Kulturpolitik von 1959 sollten Künstler:innen auch werktätig sein und in den Werken die Arbeiter:innen bei deren kultureller Bildung unterstützen. Ich dagegen verspreche mir letzte Eindrücke einer sozialistischen Plansiedlung im Rückbau. Am Frühstückstisch bei Bodos Eltern tauche ich in die Vergangenheit ein.
Von einem Dorf im Mittelalter zu einer Stadt in der DDR
Die Geschichte Hoyerswerdas reicht weit ins Mittelalter zurück, lange Zeit geschieht im Bauerndorf allerdings wenig. Zwar wird das Städtchen am Ende des Zweiten Weltkriegs zur Festung erklärt und in der Folge teilweise abgebrannt. Vergleichbar mit der Zerstörung der umliegenden Grossstädte wie Cottbus oder Dresden, zwischen denen Hoywoy liegt, ist die Situation dennoch nicht.
Aber Mitte der Fünfziger Jahre bestimmt die DDR-Regierung Hoyerswerda zum Zentrum des ertragreichen Kohlebergbaugebiets in der Oberlausitz. Nach Eisenhüttenstadt bei Frankfurt a. d. Oder wird Hoyerswerda die zweite sozialistische Planstadt. Wie eine Blase an der Börse dehnt sich vor allem die Neustadt in den kommenden Jahrzehnten neben dem Altstadtkern aus: eine gigantische Spekulation auf den Sozialismus. Von rund 7’000 Einwohner:innen nach dem Zweiten Weltkrieg schwillt die sogenannte Wohnstadt innerhalb von dreissig Jahren auf über 70’000 Einwohner:innen an und verschluckt die umliegenden sorbischen Dörfer wie Kinajcht (Kühnicht). Aus dem deutschen (Hoyerswerda) und dem sorbischen Ortsnamen (Wojerecy) ist auch der Kosename «Hoywoy» zusammengesetzt.
Die euphorische Aufbruchsstimmung, die mir aus Büchern und Filmen wie der später verbotenen DEFA-Produktion «Spur der Steine» (1966) nach einem Roman des Schönebecker Schriftstellers Erik Neutsch entgegenschlägt, fesselt mich. Von Anfang an verfolgt der Film jedoch auch die Spuren von Materialmangel, ideologischer Verbohrtheit und bürokratischer Starre. Wer mit seiner Brigade auf den Grossbaustellen der neuen Riesenkombinate nicht um sein Material kämpft, geht leer aus, führt die Schauspiellegende Manfred Krug als Brigadeleiter Hannes Balla vor. In Hoyerswerda verkommen die frühen Arbeiter:innenhäuser der Fünfziger und Sechziger, die mit Liebe zum Detail nahtlos an die Architektur der Zwanziger anknüpfen, bis in die Achtziger zu eilig hingeklatschten Hochhäusern im Plattenbau. – Die Türen seien schlecht montiert gewesen, hätten von den Bewohner:innen beim Einzug nachjustiert werden müssen, erzählt Bodo etwa. – Die Kohlegruben und Kraftwerke brauchen im Produktionswettlauf mit dem Westen einzig und allein Arbeitskräfte. Und die müssen nunmal irgendwo wohnen. Das geplante Stadtzentrum hingegen bleibt in Reimanns Roman genauso ein Phantom wie in Lemkes Dokumentation:
Die neue Stadt – wenn sie denn erst erblüht ist – wird einen Kern urbaner Geschäftigkeit haben: Er heißt das Stadtzentrum. […] Dort wird es ein Kulturhaus geben mit einer großen Bühne, vor der wir in tiefen, weich gepolsterten Sesseln sitzen. […] Doch statt des Kulturhauses und Cafés wird im Stadtzentrum ein Hochhaus gebaut. Auf seinem Dach verkünden große Leuchtbuchstaben, worum es einzig und allein geht: Kohle Energie Gas. Davor erstreckt sich eine riesige Brache, die wir Wüste Sahara nennen.
Die Lausitzhalle, das Haus der Berg- und Energiearbeiter, als Konzert-, Theater- und Veranstaltungsort nimmt ihren Betrieb erst im Oktober 1985 auf – nach knapp zehnjähriger Bauzeit ausserhalb der volkswirtschaftlichen Bilanzierung. Versprechen, die über das unmittelbar Nötigste hinausreichen, löst die Parteibürokratie spät oder gar nicht ein. Nur das grosse Centrum Warenhaus, das heute als Aldi in die Einkaufspassage Lausitzer Center integriert ist, besteht schon seit 1965. Ob der Eintönigkeit von Schichtbus und Einkauf – essen und arbeiten, einzig darum scheint sich Hoyerswerda zu drehen – droht das Leben schon früh zu ersticken.
Von der Hochkultur ins Selbermachen
In solcher Trostlosigkeit allerdings blühen – wie die «blasse Blume auf Sand» im Hoywoy-Lied der Liedermacherikone Gerhard Gundermann – auch Improvisationsgabe und Eigeninitiative. Die Stadt ist mit ihrem steten Zustrom junger Arbeitskräfte und Familien viel zu jugendlich, um sich in einem zusehends desillusionierteren Hoyerswerda einfach der Freudlosigkeit hinzugeben. Für grosse Konzerthäuser reichen zwar die Mittel nicht, aber für die zahlreichen Jugendclubs wie den «Laden» oder das «Einstein» in dieser Stadt der Zugezogenen. Der Bergbau lockt selbst unter sozialistischen Bedingungen mit hohen Löhnen, die Neubauten im Gegensatz zu den urbanen Altbauten mit Komfort: private Bäder statt Gemeinschaftstoiletten auf halber Treppe, Zentralheizungen mit Fernwärme aus den Kraftwerken statt Kohleöfen in jedem Zimmer. So sind auch Bodos Eltern Anfang der Sechziger nach Hoyerswerda gekommen: er als Ingenieur für Kohlebagger, sie als Wirtschaftsmathematikerin im Rechenzentrum des Gaskombinats Schwarze Pumpe, wo Braunkohle zu Gas, Fernwärme und Strom verarbeitet wurde.
Lemkes Worte führen mir die Zerrissenheit Hoyerswerdas zwischen jugendlichem Zukunftsversprechen gebaut auf die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung und einen unausweichlichen Fortschritt der Technick einerseits und planwirtschaftlicher Aussichtslosigkeit andererseits deutlich vor Augen:
Später wird es heißen, unsere Stadt sei nicht nur die kinderreichste des Landes, sondern auch die mit den meisten Selbstmorden. Wer hier nicht in der Grube umkommt, springt vom Dach oder dreht den Gashahn auf. Wer sollte in Hoy auch einfach so sterben?
Wer in dieser gigantischen Gasproduktion dem Gashahn entkommen will, muss offenbar wie die legendäre «Brigade Feuerstein» mit ihren Theaterstücken auf eigene Faust für Stimmung sorgen. Aus dieser Brigade wird der dichtende Kohlebaggerführer mit Hang zur Arbeitssucht und Drang zur Verbesserung des Sozialismus (auch als inoffizieller Mitarbeiter der Stasi), Gerhard Gundermann, hervorgehen. In den 90ern erlangte Gundermann in den neuen Bundesländern als Solokünstler Berühmtheit, während er in den alten Bundesländern nahezu unbekannt blieb. Jüngst erschienen um seinen 20. Todestag sowohl ein Spiel- (Gundermann, 2018) als auch ein Dokumentarfilm (Gundermann Revier, 2019) über ihn.
Andere finden Raum für dadaistisch inspirierten Humor, ohne dabei in erster Linie an Politik zu denken. Den meisten Besucher:innen des Ladens dürfte Dada ohnehin kein Begriff gewesen sein. Die Kulisse des ewigen Versprechens Hoyerswerda lässt dennoch fast wie von allein jede künstlerische Intervention, jede Skulptur zur Satire auf den Einparteienstaat werden. Vieles scheint in der Provinz hingegen möglich, was in Städten wie Leipzig oder Berlin politisch verfolgt würde. Die Obrigkeit hält die Provinz mit Versprechen hin, umgekehrt kriegen die provinziellen Parteisekretär:innen die Direktiven aus Berlin oder Leipzig nicht mit. So treten verbotene Bands dann plötzlich in Hoywoy auf: Jahr für Jahr unter neuem Namen.
Hoywoy heute
Heute ist von der grauen Trostlosigkeit vor allem der Achtziger- und Neunzigerjahre, wie ich sie mir vorstelle, kaum mehr etwas übrig. Ich spaziere mit Bodo an einem sonnigen Donnerstag im Frühling durch die riesigen Wohnkomplexe. Sie strukturieren mit ihren Nummern anstelle von Vierteln die Neustadt bis heute. Das Kosmonautenviertel etwa, schreibt Lemke, das die DDR-Staatsführung zu Ehren der Pioniere im Weltall gern gehabt hätte, blieb im Volksmund WK VI: Wohnkomplex VI.
Im WK VIII zeigt mir Bodo den Block seiner unbeschwerten Kindheit umgeben von vielen Altersgenoss:innen im gedeihenden Sozialismus. Ein wuchtiger Riegel mit hunderten von Wohnungen baut sich vor uns auf. Zwischen die Hochhäuser schieben sich in der ganzen Neustadt gedrungene, zweistöckige Plattenquader. Manche, wie die Kaufhalle vor Bodos altem Zuhause, beherbergen noch Läden oder Spielkneipen. Viele, gerade die kleineren, sind leer. Keine Kund:innen, keine Flickschuster oder Friseurinnen beleben die sogenannten Nahversorgungskomplexe mehr. Die Vereinsräume in den Obergeschossen verlottern. Aber die Idee dieser städtebaulichen Struktur jenseits bürgerlicher Repräsentationskultur, muss ich gestehen, leuchtet mir heute noch ein. Sie nahm die mittlerweile vieldiskutierte «Stadt der kurzen Wege», wie der Soziologe Steffen Mau das Plattenviertel Lütten Klein in Rostock beschreibt, vorweg. Wenn nur die Versprechen zur Entwicklung Hoyerswerdas schon etwas früher eingelöst worden wären…
Sie werden nie mehr eingelöst. Im Gegenteil: Einige der Plattenbauten aus den Achtzigern sind schon abgebrochen. Wo sie einst standen, zeichnen Blumenrabatten ihre Grundrisse nach. Die Stadt wirkt – auch im Zentrum – grosszügig und luftig. Die einstmals brachliegenden Flächen zwischen den Wohnblocks sind begrünt. Aus der Wüste ist tatsächlich eine ‹blühende Landschaft› geworden, wie Kohl sie zur Wiedervereinigung versprochen hat.

Wiederum eine spannende Reportage – gerade im Kontext meiner soeben absolvierten fünfwöchigen Reise durch Rumänien und Polen mit Abschluss in Leipzig. Vielen Dank und weiter so!
Stephan Schwitter
Danke für die interessante Reportage ergänzt mit schönen, ansprechenden Bildern. Hoffentlich kann sich die sorbische Sprache erhalten!
Eine spannende Reportage, die vor Augen führt, wie jede Generation um ihre Identität und dabei auch immer wieder mit sehr ähnlichen Fragen ringt, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Bravo! Sokrates lässt grüssen. Es ist – aus meiner Sicht – die beste Art, über uns Menschen nachzudenken.
Hoyerswerda – ein Name, der mir zwar bekannt war, aber nichts sagte – wird hier zum roten Faden durch einige Jahrzehnte deutscher Entwicklung. Manches, was man ganz allgemein und so ungefähr über diese Zeit schon weiss, mischt sich mit einzigartigen Ereignissen, Geschehnissen, Konstellationen dieser Region. Diese machen den Text einmalig.
So empfinde ich beispielsweise die Entstehung des Kosenamens «Hoywoy» aus dem Nebeneinander von sorbischen und deutschsprachigen Menschen als so reizvoll, dass ich beginne diese Leute unbekannterweise zu mögen…
Die stimmungsvollen oder so trist stimmungslosen Fotoaufnahmen bereichern und vertiefen den nachdenklichen Blick auf die Stadt, auf ihre Menschen und ihre Geschichte.
Danke für diese dichte, beeindruckende Zeitreise!
Wunderbar geschrieben, vielen Dank für diesen tollen und berührenden Text!