Cottbus: Einst eine energetische Stadt
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Das Zentrum der Energiewirtschaft Ostdeutschlands ist hinter der Landeshauptstadt Potsdam die zweitgrösste Stadt Brandenburgs. Seit der Wende fungiert die einstige DDR-Boomtown nicht selten nur noch als Durchgangsstation für junge Menschen wie Robert auf dem Weg nach Berlin oder Leipzig.
Alle Namen der Privatpersonen im Text sind geändert.
Lange bevor ich zum ersten Mal von weit grösseren Städten im Osten wie Chemnitz hörte, wusste ich von Cottbus. Energie war der ebenso verwunderliche wie einprägsame Name, den ich in den kicker-Heften eines Nachbars aus der Kindheit – er kam aus Langenhagen bei Hannover – gelesen haben musste. Trotz Hannover 96 war besagter Freund natürlich Fan des Rekordmeisters FC Bayern München und ich damals noch der Zürcher Grashoppers. Ob er sich je für einen Ostverein wie Energie Cottbus interessierte, wage ich heute zu bezweifeln. Damals – es war Ende der 90er – wusste ich von ‹Ostvereinen› auch noch nichts. Und Energie Cottbus diente Mannschaften wie Bayern München allerhöchstens als Punktelieferant.
Im Zug in den Osten des Ostens
Rammelvoll ist der Zug, seit die Leute dank des Deutschlandtickets günstig auf der Regionalbahnstrecke nach Berlin fahren können. In Doberlug allerdings – einem kleinen Bahnknotenpunkt im Nirgendwo – trennen sich die Wagen nach Hoyerswerda von denjenigen nach Cottbus. Und wer nach Berlin fährt, muss umsteigen. Nur alle zwei Stunden fährt ein Zug von Leipzig über Cottbus und Eisenhüttenstadt nach Frankfurt an der Oder. Zu gering der Takt für die Zahl der Leute, zu gering offenbar die Zahl der Leute für einen häufigeren Takt.
In unserem Zugabteil stimmt uns eine zufällige Unterhaltung mit dem Wolgadeutschen Otto aus Kirgistan in die Beschäftigung mit dem ‹Osten› ein. Seit 25 Jahren in Weisswasser, einer kleinen Stadt im Tagebaugebiet der Oberlausitz, arbeitete er erst in der Drogenprävention. Seit Corona ist der bullige Mittvierziger Sicherheitsmann. Schnell kommt das Gespräch auf die politische Situation. Der Ukrainekrieg, Neonazis im Donbass, die Katastrophe des Zerfalls der Sowjetunion. «Kirgistan», sagt er, «ist immer noch abhängig vom russischen Militär, das die Grenzen zu Afghanistan schützt.» Bis Cottbus wird er mit uns fahren und ich versuche seine Sichtweise zu verstehen, auch wenn Kirgistan und Afghanistan gar keine gemeinsame Grenze haben.
Geschichte und Geschichten
Namen wie Molotow und Ribbentrop fallen. Ungenannt droht hinter Ottos Aussagen immer Putins atomarer Vergeltungsschlag. Provokationen des Westens gegenüber Russland führten Europa in den Untergang, höre ich Otto sagen, und Russland zur triumphalen Selbstauslöschung, ergänze ich im Stillen. Russland sei uneinnehmbar, hätte enorme Bevölkerungsressourcen im Osten. Ich bin nicht einverstanden. Gut, Napoleon und Hitler, aber wer will denn heute Russland einnehmen? Und woher genau sollen die vielen Leute kommen? Immer wieder meint Otto vielsagend: «Du musst die Geschichte kennen. Und den Leuten vor Ort zuhören.»

Diese Forderung kommt mir nach sieben Jahren Leben in Ostdeutschland nicht unbekannt vor. Also sage ich mir: Ich höre dir doch zu, du hast Verwandte in Litauen, in der Ukraine, in Russland. Aber er will mir die Geschichte, wie er sie zu kennen meint, nicht genauer erläutern. Stattdessen wünscht er sich andere Gesprächsthemen – etwa seinen Strandurlaub in der Türkei – von uns, nur um fünf Minuten später wieder auf die alte Auseinandersetzung zurückzukommen. Es ist zum Verzweifeln und ein Problem für alle, die die Sowjetunion – oder Hitler – nicht zurückhaben wollen.
Und doch muss ich Otto ein untrügliches Gespür für die Mängel der westlichen Demokratien lassen: die notorische Entscheidungsschwäche demokratischer Systeme, die politisch unkontrollierte Raffgier der westlichen Wirtschaften. Und dann ist da sicher auch Ottos traditionelle Verbundenheit mit Russland. Dennoch lebt er seit 25 Jahren in Deutschland. Vielleicht aufgrund der Angst vor Putin? Trotz seiner massigen Gestalt und seiner männlichen Grossspurigkeit, erlebe ich Otto als eingeschüchtert. Zupackend drücken wir uns zum Abschied aber die Hände.
Befremden am Bahnhof
Ebenso dubios wie das Gespräch im Zug ist der Begrüssungsspruch in Cottbus und verwirrlich. Gleich hinter dem Bahnhof – ich spaziere mit Robert Richtung «Zelle» – lesen wir an einer Wand: 1945 war alles besser. Ist das nun die berüchtigte Ostalgie? Die Stunde Null nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem sozialistischen Aufbau im Osten und dem Wirtschaftswunder im Westen? Oder doch Nazi-Nostalgie? Bezieht sich der Spruch auf die Zeit vor oder nach dem 8. Mai 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs?
Ohne eine Antwort auf die gestellten Fragen zu finden, kommen wir kurz vor der Zelle an einer Kneipe vorbei: Die rote Karte, Fankneipe des FC Energie Cottbus. Um die Mittagszeit sitzt eine Handvoll Fans an den Tischen. Gespielt wird erst am späten Nachmittag. Die Kneipe ist klein. Energie pendelt seit den Abstiegen aus der 1. (2009) und 2. Bundesliga (2014) zwischen Amateur- und Profifussball hin und her. In der Saison 2024/25 spielt Cottbus wieder im Profi-Wettbewerb der 3. Liga. Wie den meisten Vereinen aus der ehemaligen DDR gelang auch Cottbus die Etablierung im westdeutschen Profifussball nur schlecht.
Die Zelle neben der roten Karte
Vollständig etabliert hat sich dagegen zwei Häuser weiter das Hausprojekt «Zelle 79» an der Parzellenstrasse 79, wo Robert in den Nullerjahren rund ein Jahr wohnte. In den sogenannten Baseballschlägerjahren, als im Chaos der Wendezeit vor allem Neonazi-Gruppen ungehindert gewaltsam auf andere Menschen losgingen, ist das Mietshaus aus einer Besetzung hervorgegangen und dank Mithilfe des Mietshäusersyndikats mittlerweile an die Bewohner:innen übergegangen. So sehr die aktivistische «Zelle», selbstverwaltetes Wohnhaus und Begegnungszentrum für Jugendliche, Anlaufstelle für die einen war, so sehr blieben die «Zecken» darin, eine diffamierende Bezeichnung für vermeintlich parasitäre Linke, anderen ein Dorn im Auge. Energie-Ultras hätten, erzählt Robert, in einer Silvesternacht vor dem Haus eine ganze Böllerkiste auf einmal gezündet. Und die Schneeballwürfe spasseshalber hätten in eine handfeste Bedrohung umschlagen können, wenn sich gewaltbereite Neonazis zum «Zeckenklatschen» unter die fanatischen Fussballfans mischten.
Die Anziehungskraft der Energie ist ungebrochen. Obwohl Cottbus im DDR-Fussball nicht zu den erfolgreichsten Mannschaften gehörte, zählt die Energie zu den lediglich fünf ehemaligen DDR-Vereinen, die in der 1. Bundesliga gespielt haben. Neben dem sogenannten Leuchtturm des Ostens – Hansa Rostock spielte von 1995-2005 in der 1. Bundesliga – gehört Cottbus auch zu den wenigen wirtschaftlich stabilen Ostvereinen. Die jüngst aus der Versenkung auferstandene Union Berlin schrammte knapp an der Insolvenz vorbei und wurde mehrfach zurückgestuft. Dasselbe gilt für Dynamo Dresden. Der VfB Leipzig löste sich gar auf. Die gegenwärtig erfolgreichste Mannschaft aus dem Osten, RB Leipzig, ist – mit den nötigen Redbull-Millionen aus Österreich im Rücken – eine marktlogische Neugründung auf dem Ostbrachland aus dem Jahr, in dem Cottbus zum letzten Mal in der 1. Bundesliga spielte.
Vielfältiges Feiern, aber der nicht!
Gründeten Feierwütige 2015 aus dem OpenAir zum Geburtstag der Cottbuser Vereine Muggefug, Chekov und Zelle heraus das Festival «Stuss am Fluss», probten die Zelle-Bewohner:innen schon lange davor Party. Die ältere Zelle-Generation habe ihn in die Techno-Szene eingeführt, blickt Robert auf seine erste unangemeldete Technoparty zurück. Typisch sind Outdoor-Raves mittlerweile sowohl für die Städte als auch das Umland in den neuen Bundesländern. Damals, 2006, erzählt Robert, hätten gerade mal 30 Leute unter der Stadtring-Brücke getanzt. Das Chekov, das 2024 sein dreissigjähriges Bestehen als Elektro-Club feiert und sich nun im Umbau befindet, ist gleich nebenan.
Techno allerdings gehörte nicht immer zu Roberts Leben. In Burg hätten ihn die Punks fasziniert. Dort, knapp 20 Kilometer ausserhalb von Cottbus in einem Dorf von gut 4000 Seelen im Spreewald, ist Robert aufgewachsen. Vor allem Dan, ein gesprächiger Typ habe ihn beeindruckt. So schloss sich Robert einstweilen dessen Punks an. 1987 geboren durchlebte er aber alle Irrungen und Wirrungen der Baseballschlägerjahre. Im Chaos und der Orientierungslosigkeit nach der Wende suchten gerade Jugendliche vehement nach starken Identifikationsangeboten. Die Liedtexte auf einer Kassette seines Mitschülers jedenfalls sang auch Robert mit:
Hängt dem Adolf Hitler, hängt dem Adolf Hitler, hängt dem Adolf Hitler den Nobelpreis um.
Hisst die rote Fahne, hisst die rote Fahne, hisst die rote Fahne mit dem Hakenkreuz.
«Mach das nie wieder.» Nur das habe sein Vater gesagt, ohne dass ein Gespräch stattgefunden hätte, bedauert Robert. Sein Groll über das Schweigen ist immer noch spürbar. Später allerdings habe ihn sein Grosscousin, eine lokale Nazi-Grösse, geschützt, als sich – in den berüchtigten Baseballschlägerjahren nicht unüblich – Neonazis und Punks prügelten. Der nicht, habe es geheissen.
American Football statt deutschen Fussballs
Was ihn dann von Burg nach Cottbus geführt habe, will ich wissen. Der Besuch des niedersorbischen Gymnasiums in Cottbus hätten ihm den Weg aus der Trostlosigkeit im Burg der 90er gewiesen und American Football. «Mein Coach fuhr mich nicht selten nach dem Training zurück nach Burg, obwohl er gar nicht in Burg wohnt», erklärt Robert, «die Wertschätzung durch ihn und die Mannschaft haben mir viel gegeben.» Eine Art aufwändiger Jugendarbeit, fasse ich zusammen. Robert nickt. Immerhin in der 2. Liga spielen die Cottbus Crayfish. 2002 begann Robert mit dem Football, noch heute unterstreicht er die Rolle seines Trainers: «Kicker war wichtig.»
Die einzige Sprachminderheit Deutschlands wiederum, die dem niedersorbischen Gymnasium ihren Namen gab, schaut trotz mehr Unterstützung als zu DDR-Zeiten einer schwierigen Zukunft entgegen. Sorbisch hätte am niedersorbischen Gymnasium nicht nur Unterrichtsfach, sondern auch Unterrichtssprache sein sollen, berichtet Robert. Doch das habe nicht funktioniert. Und sorbisch habe er auch nicht wirklich gelernt. Die Sorben, eine slawische Sprachgruppe, verlieren trotz aller Bemühungen in der an sich zweisprachigen Region an Boden.
Dass American Football im Osten dagegen Raum vorfand und Fuss fassen konnte, liegt nicht zuletzt daran, dass der DDR-Fussball nach der Wende ausblutete. Die gegensätzlichen Wirtschaftsstrukturen der Vereine in Ost und West sorgten für einen Anpassungsdruck, dem die Vereine im Osten kaum standhalten konnten. Hinzu kam die wesentlich grössere Finanzkraft der Westvereine. So verliessen die erfolgreichsten Spieler die ehemaligen DDR-Vereine nach und nach in Richtung Westen. Bis heute verliert der Osten seine Talente an die zahlungskräftige Konkurrenz aus den alten Bundesländern.
Mittag auf dem Markt
Diesem desolaten Bild scheint – zumindest auf den ersten Blick – die Entwicklung der Stadt Cottbus entgegenzustehen. Im Gegensatz zu anderen Städten im Osten wie Leipzig oder Magdeburg stieg die Bevölkerung während der gesamten DDR-Zeit steil an. Cottbus war aufgrund der Energieindustrie eine Boomtown. Erst Mitte der Neunziger erfolgte ein Knick. Seither stabilisiert sich Cottbus bei rund 100’000 Einwohner:innen. Allerdings, wendet Robert ein, verdanke Cottbus dies grosszügigen Eingemeindungen seit der Wende. Das fünf Kilometer ausserhalb des Stadtkerns gelegene Sielow etwa gehört seit Ende 1993 zu Cottbus. Die Marke von 100’000 Einwohner:innen ist wichtig, um als Grossstadt Fördermittel vom Bund zu erhalten.
Tatsächlich bestätigt sich auch in Cottbus trotz glorreicher DDR-Vergangenheit eine Erfahrung, die typisch ist für Städte in Ostdeutschland. Kohls Versprechen blühender Landschaften sorgte zwar – wie etwa um den schmucken Markt – für die Renovierung der Fassaden. Die Stadt aber wirkt auch an einem sonnigen Samstag wie ausgestorben. Kaum ein Auto auf den Strassen, die Fussgängerzone entvölkert. Wen die Wahlkämpfer:innen der Freien Wähler ansprechen wollen, bleibt ein Rätsel.
Folgerichtig beklagt Roberts Mutter beim Mittagessen auf dem Markt, dass etwa der Detailhandel verschwunden sei. Einzig Gastronomie gebe es noch und Lebensmittelgeschäfte. Der Bedeutungsverlust der Stadt Cottbus im wiedervereinigten Deutschland ist nach wie vor spürbar. Persönlich habe sie die Wende zwar nicht so hart wie andere getroffen, weil sie ihre Arbeitsstelle nicht verloren habe. Dennoch sei die Unsicherheit damals so gross gewesen, dass sie auf ein zweites Kind verzichtet hätten, fügt Roberts Mutter an, ihr Mann habe sich schwerer getan mit der Arbeitssituation. Später erzählt mir Robert, seine Mutter sei die Hauptverdienerin der Familie gewesen, das habe für seinen Vater – trotz aller Gleichstellungsbestrebungen in der DDR – zeitlebens ein Problem dargestellt.
Konservative Landschaften…
An der gesellschaftlichen Realität – ob in Sachen Geschlechtergleich- oder in Sachen politischer Einstellung – änderte auch die DDR-Propaganda wenig. Im Gegenteil: Sie leugnete vielfach lieber, als dass sie sich der Herausforderungen angenommen hätte. Was nach der Wende an die Oberfläche drängte und nur mühsam eingedämmt werden konnte, wuchert nun erneut. Gerade eine Schule in Burg machte in den letzten Jahren Schlagzeilen, weil sich Lehrkräfte gegen das Umsichgreifen einer Neonazi-Kultur wehrten. Sie fanden wenig Rückhalt, wurden bedroht und leisteten am Ende einer Flugblatt-Aufforderung Folge: «Haut ab nach Berlin!». Seither ist es wieder ruhig geworden um Burg, das eigentlich vom Spreewaldtourismus – nicht zuletzt von Berliner:innen – lebt, gespenstisch ruhig.
Dieser Stimmung wollen sich die Freien Wähler:innen entgegenstellen. Dem Gespräch mit dem bürgerlichen Bündnis aus Lokalgruppen und -initiativen will ich mich keinesfalls entziehen, auch wenn sofort klar wird, dass ich nicht wahlberechtigt bin. Dennoch erklärt mir eine beherzte Wahlkämpferin, dass in ihrem Wahlkreis im Norden Brandenburgs die AfD-Kandidatin bei den Ende September anstehenden Wahlen wohl noch zehn Prozentpunkte vor ihr liegen werde. Aber bis zur übernächsten Wahl in fünf Jahren wolle sie diese Kandidatin verdrängen.

