Magdeburg: Eine gebeutelte Stadt

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Magdeburg ist der Inbegriff kriegszerstörter Städte in Deutschland. So verheissungsvoll die Zukunft der Stadt im Verlauf der Jahrhunderte war, so jäh brach sie immer wieder ab. Umso verblüffender ist das literarische Echo auf einen Zürcher Roman, das ich im vergangenen Jahr unverhofft vernahm.

 

Im Vakuum…

 

Seine «Versuche über den leeren Raum» legten das Fundament für Vakuumtechnik und Elektrostatik. Sein berühmtes Experiment, in dem keine dreissig Pferde das Vakuum zwischen zwei ‹verheirateten› Halbkugeln aus Kupfer auseinanderzureissen vermochten, führte er im Bemühen, Magdeburg den Status der Reichsfreiheit zu verschaffen, auf dem Reichstag in Regensburg von 1654 und später in Berlin öffentlich auf. Ihm verdankt die heutige Universität Magdeburg ihren Namen. Durch das Nichts jedoch, das Otto von Guericke zwischen seine Halbkugeln sperrte, hallt die Urkatastrophe der Zerstörung deutscher Städte.

 

… einer grässlichen Hochzeit

 

Die Verwüstung Magdeburgs im Dreissigjährigen Krieg (1618-1648) habe Guericke zu seinen Versuchen über den leeren Raum inspiriert, wäre eine makabere Behauptung. Als Überlebender beteiligte er sich aber massgeblich am Wiederaufbau Magdeburgs. In seinem Plan nach dem Brand in der Altstadt verzeichnete er lediglich 139 unbeschädigte Häuser. Von den rund 30’000 Bewohner:innen vor der Belagerung Magdeburgs sollen beim Sturm auf die Stadt und der darauffolgenden Plünderung zwei Drittel ums Leben gekommen sein.

 

Otto von Guerickes Halbkugeln sind als nachgebildete Kunstwerke an verschiedenen Orten in Magdeburg zu sehen. (© Fabian Schwitter)

 

In seiner Stadtgeschichte bemerkt der Historiker Matthias Puhle, das Schicksal Magdeburgs habe europaweit für Erschütterung gesorgt und sei «mit der Zerstörung Trojas oder Jerusalems in der Antike verglichen» worden. Für diese beispiellose Gewalt prägten die Zeitgenoss:innen mit dem Verb «magdeburgisieren» sogar eine eigene Bezeichnung. Lakonisch beendet Puhle seine Ausführungen zur sogenannten «Magdeburger Bluthochzeit» von 1631, die Magdeburgs Erstürmung als erzwungene Vermählung der protestantischen Braut mit dem katholischen Kaiser imaginiert: «Das Trauma hält bis heute an.»

 

Blütezeit und Bombenhagel

 

Kaiser Otto I. hatte seine Pfalz, wo er noch bis dato begraben liegt, im 10. Jahrhundert vom Papst zum Erzbistum erheben lassen. Magdeburg sollte sich zum «Konstantinopel des Nordens» entwickeln und beherbergte später den ersten gotischen Dom Deutschlands. Nach der Blütezeit im Mittelalter, damals prägte Magdeburg als Hansestadt mit seinem vorbildlichen Stadtrecht über tausend mittel- und osteuropäische Städte, regierte nach dem Dreissigjährigen Krieg die Leere in der Stadt. Zum «Konstantinopel des Nordens» würde sie nie werden. Die Erholung Magdeburgs dauerte über hundert Jahre. Eine Bevölkerungsgrösse, die mit derjenigen von 1631 vergleichbar ist, erreichte sie erst Anfang des 19. Jahrhunderts wieder.

 

Mächtig ragt der erste gotische Dom Deutschlands in einen düsteren Himmel und zeugt von der nicht nur lichten Geschichte Magdeburgs. (© Fabian Schwitter)

 

Die unfassbare Zerstörung nach der Belagerung im 17. Jahrhundert allerdings sollte sich unter ganz anderen Bedingungen wiederholen. Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Magdeburg nach mehreren Bombenangriffen durch alliierte Geschwader eine zweite Belagerung. Die US-Armee erreichte die Stadt zuerst und nahm ihren grösseren Teil, der westlich der Elbe liegt, ein. Kurz darauf tauchte die Rote Armee am anderen Ufer auf. Wie in Torgau standen sich die Armeen an der Elbe, deren Brücken die abziehende Wehrmacht gesprengt hatte, gegenüber. Später sollte auch Magdeburg im Tausch gegen Westberlin der sowjetischen Besatzungszone angehören.

 

Vor dem Nichts

 

Schicksalshaft wirkt, dass Magdeburg mit seiner traumatischen Geschichte der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen wurde. Mehr noch als alle anderen Städte der einstigen DDR verkörpert Magdeburg die Herausforderungen, vor denen diese Städte standen. Kaum eine ostdeutsche Stadt war so weitgehend zerstört. Ihren historischen Charakter hatte die Stadt vollständig verloren. Und was nicht niet- und nagelfest war, ging als Kriegsreparation in die Sowjetunion.

 

Fritz Cremers Skulptur «Der Gekreuzigte» stand von 1979 bis zur Wiedervereinigung Deutschlands in der Ruine der Johanniskirche. (© Fabian Schwitter)

 

Dass Magdeburg am Ende des Zweiten Weltkriegs so schwer heimgesucht wurde, lag an der Industrie. Nach der Übernahme des Magdeburger Grusonwerks durch Krupp stieg die Stadt endgültig zu einem der bedeutendsten Produktionsstandorte für Rüstungsgüter in Deutschland auf. Hartstahlgranaten liefen vom Band, Geschütztürme, Panzer. Wie schon im Dreissigjährigen Krieg sollte Magdeburg nicht nur unter Kampfhandlungen, sondern unter Terror leiden. Die Rüstungsindustrie war ebenso Ziel der Bombenangriffe wie der Widerstandswille der Bevölkerung.

 

Im Regen ostdeutscher Industriestädte

 

Als ich zum ersten Mal von der fast vollständigen Zerstörung der Magdeburger Innenstadt höre, stehen wir auf dem Breiten Weg. Rainer, der in der benachbarten Kleinstadt Schönebeck aufgewachsen ist, zeigt mir Magdeburg. Wir spazieren vom Hotel Ratswaage her stadtauswärts – vorbei an Plattenbauten, zwischen die sich niedrige Geschäftsgebäude drängen. Auf eine Rekonstruktion der Altstadt nach dem Zweiten Weltkrieg verzichtete die Staatsführung der DDR. Stattdessen bauten die Verantwortlichen bis zum Zusammenbruch der DDR – samt Sprengung historischer Kirchen – an ihrer Version Magdeburgs. Der Zentrale Platz blieb bis in die 90er Jahre unbebaut und erinnert an das uneingelöste Versprechen eines Stadtzentrums für Hoyerswerda.

 

Rainer Totzke widersetzt sich schon seit seiner Jugend der Magdeburger Leere. (© Fabian Schwitter)

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Hatte die Stadt im Ersten Weltkrieg noch von ihrer Waffenproduktion profitiert, wurde ihr diese im Zweiten Weltkrieg zum Verhängnis. Anstelle von barocken Bürgerresidenzen und imposanten Jugendstilhäusern säumen zwischen schmucklose Wohngebäude gestreute Repräsentationsbauten im Stil des sowjetischen Klassizismus den Breiten Weg. Viel zu breit sei dieser für DDR-Verhältnisse gewesen, meint Rainer. Leer habe die Stadt dadurch gewirkt, leblos und grau. Magdeburg blieb bis zum Ende der DDR eine Ruinenstadt. Und als müsste das so sein, hüllt uns Nieselregen in einen grauen Schleier, während Rainer Magdeburg mit Chemnitz vergleicht.

 

Industrie statt Kirchen und Konstantinopel

 

Entgegen der Hoffnung, ein Konstantinopel des Nordens zu werden, galt Magdeburg insbesondere seit der Industrialisierung nicht mehr als Kulturstadt. Für Kultur hätten die Menschen im heutigen Sachsen-Anhalt nach Halle geschaut, erklärt Rainer. Magdeburg dagegen war erst eine preussisch-napoleonische Garnisonsstadt und später eine Arbeiterstadt. Wie um die wiederkehrende Leere vergessen zu machen, zwängte sich die Stadt zwischen die Festungsanlagen. Magdeburg habe in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von allen mitteleuropäischen Städten das stärkste Wachstum verzeichnete, schreibt Puhle.

 

Hinter den letzten Resten der Festungsanlage erhebt sich ein Plattenbau aus DDR-Zeiten. (© Fabian Schwitter)

 

Innerhalb von fünfzig Jahren vervierfachte sich die Bevölkerungszahl von 20’000 auf 80’000. Später sollten Eingemeindungen und Wachstum die Zahl bis zum Zweiten Weltkrieg noch einmal auf über 300’000 vervierfachen. Längst waren da die preussisch-napoleonischen Festungsanlagen zugunsten von Wohnraum zurückgebaut. Die Stadt platzte aus allen Nähten. Das historische Elbuferviertel, Knattergebirge genannt, muss damals mit seinen Fachwerkhäusern gar eines der am dichtesten besiedelten Wohnviertel Europas gewesen sein.

 

Ein Denkmal dem Knattergebirge

 

2025 setzte die Magdeburger Schriftstellerin Annett Gröschner diesem Viertel mit der Lebensgeschichte der Blumenhändlerin Hanna Krause im Roman «Schwebende Lasten» ein Denkmal. Exemplarisch steht dieses Leben für eine der dramatischsten Phasen der deutschen Geschichte, die im Osten mit der DDR und der Wende sogar noch ein Kapitel mehr als im Westen verzeichnet. Die Lebensgeschichte Hanna Krauses, es ist kaum vorstellbar, umfasst die ganze Zeit vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu seinem Ende.

 

Vom Fischerufer führt eine Kopfsteinpflastergasse den Wallonerberg hinauf und erinnert an das einstige Knattergebirge. (© Fabian Schwitter)

 

Den ersten Weltkrieg erlebte Hanna als Kind, ihren Blumenladen und zwei ihrer sechs Kinder, die sie nie beerdigen können wird, verliert sie im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs. Ihren Mann, der schon vor dem Krieg bei einem Arbeitsunfall ein Bein verloren hat, trägt sie – wie Guericke auch eine Überlebende – auf dem Rücken aus der verwüsteten Stadt. Die DDR schult sie zur Kranführerin um, ohne dass sie ihre Liebe zu den Blumen verlöre. Als hälfen nur die Blumen den Wahnsinn dieser Lebensgeschichte zu ertragen, pflegt die Rentnerin zwischen den neuen Plattenbauten, in denen sie inzwischen wohnt, einen kleinen Blumengarten. Ihr Leben besiegelt der Umgestaltungsfuror der Wendezeit, dessen Achtlosigkeit ihre Blumen zum Opfer fallen. Kurz darauf stirbt auch Hanna.

 

Anett Gröschners Magdeburg, Hugo Loetschers Zürich

 

Obwohl ich aufgrund meines historischen Interesses an der Zeit des Dreissigjährigen Kriegs seit eh und je eine Faszination für diese Stadt habe, mag es seltsam klingen, mich in Gröschners Magdeburg wiederzuerkennen. Magdeburg habe ich im Herbst 2025 zum ersten Mal besucht. Beim Lesen von Gröschners Roman aber fühle ich mich mit jedem Satz mehr in ein Zürich zurückversetzt, das ich zwar ebenfalls nie selbst erlebt habe, mit dem ich über Hugo Loetschers «Kranzflechterin» jedoch innig verbunden bin. 1964 erschien Loetschers Roman. Und mir ist, als läse ich 61 Jahre später dieselbe Geschichte.

 

Mit der «Kranzflechterin» erweckte Hugo Loetscher das alte Arbeiter:innenzürich wieder zu neuem Leben. (© Fabian Schwitter)

 

Bereits die Kindheit der späteren Blumenhändlerin erinnert an die «Kranzflechterin»: «Schon mit zehn hatte Hanna, da reichte sie mit den Füssen kaum an die Pedalen heran und trat mit den Zehenspitzen, bei jedem Wetter mit Walters Fahrrad Grabkränze ausgefahren.» Damit enden die verblüffenden Parallelen aber mitnichten. Die Zürcher Kranzflechterin, einst Anfang des 20. Jahrhunderts wegen einer unehelichen Schwangerschaft aus dem katholischen Süddeutschland ins protestantische Zürich geflüchtet, heisst Anna. Beide Frauen, die sich beinahe den gleichen Namen teilen, bringen überdies allein in ihren Läden eine Frühgeburt zur Welt, die sie verschwinden lassen. Für Sentimentalität haben sie angesichts von Armut und Alltagslast keine Zeit.

 

Weibliche Verlassenheit, weibliche Unbeugsamkeit

 

Und wie Hanna ihren einbeinigen Mann versorgt, verliert Anna, die das freie Zimmer in ihrer Wohnung im Arbeiterviertel Aussersihl aus Geldnot untervermietet, ihren italienischen «Zimmerherrn» wegen einer Beinverletzung, die er sich ebenfalls bei einem Arbeitsunfall zuzieht. Als Anna ihn im Krankenhaus besucht, schaut sie dem Tod ins Gesicht. Braga will sich das Bein nicht abnehmen lassen und erliegt dem Wundfieber: «Anna begriff; sie hatte einen Mann geliebt; der zog es vor, mit zwei Beinen unter der Erde zu liegen, statt mit einem zu humpeln.»

Anna bleibt, «der Steinacherfranz» erschien nicht zur Hochzeit mit der Schwangeren und verschwindet auch nach einem Besuch in Zürich wieder, zum wiederholten Mal allein. Es ist eine Verlassenheit, die gerade Frauen (jener Zeit) ereilt, wenn es um Schwangerschaften geht. Als stünde Magdeburg – das Mägdlein einer erzwungenen Hochzeit – auf für diese Leere, mit der Frauen im Verlauf der Geschichte immer wieder konfrontiert sind, fürchtet sich auch die Magdeburgerin Hanna trotz Ehe und Familie vor ihren Schwangerschaften. Die Frauen – ob in der Familie oder alleinerziehend – sind auf sich alleingestellt und entwickeln dennoch einen unbeugsamen Lebenswillen, der Hürden überwindet, angesichts derer Annas Zimmerherr im äussersten Akt der Selbstbestimmtheit Machtloser den Tod dem Leben vorzieht.

 

Gleiche Sprache, andere Welt

 

Gleichen sich die beiden Frauen in ihrem Lebenswillen, auch wenn ihre Lebensumstände unterschiedlicher kaum sein könnten, schlägt sich das verblüffenderweise in der Sprache der Bücher nieder. Nüchterne Zärtlichkeit vermittelt – in Gröschners Roman wie in Loetschers Erzählung – die Unbeugsamkeit der Frauen in einer patriarchalen Welt. Scheitert Anna an ihren überzogenen Vorstellungen eines letzten Liebesbeweises, stattet Loetscher sie nicht nur an dieser Stelle mit einer pragmatischen Selbstironie aus: «Für Braga, dem sie den schönsten Kranz winden wollte, kaufte sie einen bei der Konkurrenz.» Gröschner wiederum gewinnt dem Tonfall ihrer Figur eine versehrte Ironie ab: «Später sagte Hanna, der Fernsehapparat habe ihre Ehe gerettet. Es klang fast so, als bedauerte sie es.»

Verbindet die beiden Frauen die rührende Schlichtheit in der Schilderung ihrer Lebensgeschichten, so meine ich doch den lakonischen Humor Loetschers bei Gröschner  seltener anzutreffen. Vielleicht ist das ein Symptom der unterschiedlichen Lebenswelten und ihrer Geschichten. Die Weltkriege erscheinen bei Loetscher nur als ominöse Präsenz, bei Gröschner dagegen gehören die Kapitel über die Bombardierung Magdeburgs zu den längsten. Ungeachtet dieser Unterschiede jedoch halten Loetscher und Gröschner Tod und Verzweiflung dieselbe liebevolle Unbeugsamkeit entgegen.

 

Aufstieg…

 

Haben beide Frauen mit denselben Voraussetzungen – etwa der Zugehörigkeit zur Arbeiterschicht oder den Normen einer patriarchalen Gesellschaft – zu kämpfen, so überlagert die Zürcher Geschichte längst nicht die blindwütige Zerstörung, für die Magdeburg steht. So erzählt Loetscher auch eine Geschichte kleinbürgerlichen Aufstiegs, den Anna ganz konkret beim alljährliche Kranzverkauf an Allerheiligen vor dem Friedhof erlebt: «Jedes Jahr war sie einen bis zwei Stände gegen das Hauptportal vorgerückt.»

Auf dem Markt – sie wird sogar ihr Geschäftsmodell um eine Färberei und einen Gebrauchtwarenhandel erweitern – positioniert sie sich immer besser, auch wenn sie aufgrund der rasanten Modernisierung bald aus der Zeit fällt: «Else, der Anna einst im Zug mit Dampflokomotive die Brust gereicht hatte, hielt nun in der elektrischen Eisenbahn ihrer Mutter die Hand.» Die Kranzflechterin gehört zunehmend der Vergangenheit an. Aus Neugier betritt sie als alternde Frau einen neumodischen Blumenladen und erhält auf die erstaunte Frage nach dem Beruf der jüngeren Kollegin, die Gestecke zusammenstellt, die Antwort: «Kranzflechterin? Nein, ich bin Floristin.»

 

… und Zerstörung

 

Auch Hanna Krause findet sich am Ende in einem Blumenladen wieder. Im Hinterzimmer des Blumenladens einer vietnamesischen Familie, die sich wahrscheinlich wie so viele ehemalige Vertragsarbeiter:innen nach der Wende selbständig gemacht haben, um in Deutschland bleiben zu können, entdeckt ihre Urenkelin die Demente bei ihrer Leidenschaft. Vor der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs hat sie diese einmal einem Kunden in ihrem eigenen Laden erklärt: «Ich schaue eine Weile alle Blumen an, bis sie anfangen, miteinander zu reden, und je nachdem, was sie sich zu sagen haben, stelle ich sie je nach Anlass zusammen.»

 

Anett Gröschners Roman erhielt zurecht viel öffentliche Aufmerksamkeit. (© Fabian Schwitter)

 

Im Gegensatz zur Geschichte der Kranzflechterin verfolgt Gröschner Hannas Leben jedoch durch die Jahrzehnte hindurch von Zäsur zu Zäsur, um sich endlich der Gegenwart Magdeburgs zu nähern. Mit der Wende wird Hanna noch die letzte Welt genommen, in der sie sich eingerichtet hat. Da ist Anna, die Zürcher Kranzflechterin, längst tot. Und auch wenn Gröschner keine Klage anstimmt, sondern durch die ganze Gewalt hindurch um die Würde ihrer Protagonistin bemüht ist, bleibt diese Welt versehrter. Nicht nur das Knattergebirge ist längst weg. Auch ein Hafenviertel wird es in Magdeburg bald nicht mehr geben.

 

Sozialdemokratische Vergangenheit

 

Die einstige Handels- und Industriestadt kam nach der Wende nur mühsam auf die Beine. Geholfen hat, dass sich Magdeburg im Streit um die Hauptstadt Sachsen-Anhalts gegen Halle durchsetzte. Von der glorreichen Arbeiter:innenvergangenheit, als der SPD-Verband Magdeburg noch vor dem Ersten Weltkrieg die bis heute bestehende Zeitung «Volksstimme» gründete, ist jedoch kaum mehr etwas übrig. Schon in der Zwischenkriegszeit scheiterte die Politik des sozialdemokratischen Bürgermeisters Hermann Beims, Magdeburg wieder zu alter – also spätmittelalterlicher – Grösse zu verhelfen, als bedürfe das Trauma des Dreissigjährigen Kriegs noch 400 Jahre später der Heilung.

Im Gegenteil: Die sozialdemokratische Hochburg fiel – von zwei Seiten belagert – in der Zwischenkriegszeit. Wie vielerorts wurde die kompromissbereite Sozialdemokratie auch in Magdeburg zwischen dem linksautoritären Kommunismus und dem rechtsautoritären Faschismus zerrieben. Und die vermeintliche Stärkung des Arbeiter:innencharakters der Stadt im neuen SED-Staat nach dem Zweiten Weltkrieg ging zulasten des Bürgertums. Allein 1954/55 sollen über 6500 Personen in den Westen geflohen sein, bemerkt Puhle. Geblieben ist aus jener Zeit die Universität, die allmählich aus der 1953 eröffneten Hochschule für Schwermaschinenbau hervorgegangen ist.

 

Arbeiter:innenstadt ohne Arbeit

 

Verlor Magdeburg nach dem Zweiten Weltkrieg seine bürgerliche Substanz, büsste es mit dem Ende der DDR auch seine Arbeiter:innenschaft ein. Das ökonomische Fundament, der Export in die osteuropäischen Länder, brach nach der Wende aufgrund der Währungsübernahme weg. Grosse Traditionsbetriebe im Schwermaschinenbau, die noch vor die DDR-Zeit zurückreichten und unter der SED in Volkseigene Betriebe umgewandelt worden waren, schlossen ihre Tore. Fabrikhallen zerfielen und fügten dem Stadtbild weitere Ruinen hinzu.

 

Mit Wandmalereien versuchten manche wohl versöhnliche Farbe in das einst triste Magdeburg zu bringen... (© Fabian Schwitter)

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Die Bevölkerungszahl – unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war sie unter 100’000 gefallen – hatte sich im Verlauf der DDR-Zeit erholt. Nach der Wende fiel sie jedoch wieder drastisch ab. Die Arbeitslosigkeit kletterte bis Ende der 90er Jahre auf über 20%. Magdeburg verlor Zehntausende Einwohner:innen. Die Erinnerung an die Pionierzeiten des Maschinenbaus, als Hans Grade mit seiner Grade-Motoren-Werke GmbH noch vor dem Ersten Weltkrieg Flugzeuge zu bauen begann, verblassen zunehmend.

 

Elbe ohne Wasser

 

Von der Frachtschifffahrt Magdeburgs ist heute aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen kaum mehr etwas übrig. Wie durch Zufall laufen wir am Elbufer einem ehemaligen Frachtschiffer über den Weg, der inzwischen Touristenboote über die Elbe steuert. Und während er uns die horrenden Investitionen in Schleusenanlagen erklärt, winkt er ab. Der Magdeburger Hafen sei nur noch über den Mittellandkanal zu erreichen. Zwischen Magdeburg und Dresden fahre schon seit 2013 kein Frachtschiff mehr, unterstreicht er. Im Gegensatz zu Leipzig, wo der Karl-Heine-Kanal nie fertiggestellt wurde, ist Magdeburg immerhin an das bundesweite Kanalnetz angeschlossen.

 

Die Zufallsbegegnung mit dem Schiffer liess uns tiefer Blicken als den Wasserstand der Elbe. (© Fabian Schwitter)

 

Obwohl sie der Frachtschifffahrt kaum mehr dient, wie der BUND moniert, bleibt die Elbe als Bundeswasserstrasse dem Verkehrsministerium unterstellt. Zwar hat sich ihre Wasserqualität seit der Wende massiv verbessert. Die Elbe sei zu riechen gewesen, erzählt Rainer und schiebt hinterher: «Umweltverschmutzung war in der DDR staatliche Verschlusssache.» Und auch wenn inzwischen weite Teile der frei fliessenden Elbe zu Biosphärenreservaten erklärt worden sind, leidet der Fluss unter den Fahrrinnenvertiefungen für die Schifffahrt, die einmal effektiv war. Ein Binnenfrachtschiff transportiere so viel wie zwei Güterzüge, lernen wir vom Schiffer. Inzwischen fehlt ihr aber das Wasser, da sie im Gegensatz zum Rhein kein Schmelzwasser führt.

 

Alles Kabarett

 

Wie ein Witz mutet an, dass die Elbe trotz zunehmender Trockenheit aufgrund des Klimawandels auch im 21. Jahrhundert noch als nationale Wasserstrasse gilt. Hinter dieser bitteren Pointe verbirgt sich aber eine tiefere Wahrheit, die womöglich auch die Politik heute verändern wird. Schon auf dem Breiten Weg vor dem Kabarett Hengstmann hat Rainer erklärt, zu DDR-Zeiten habe das Kabarett – wie «Die Kugelblitze», die als ältestes Kabarett der Stadt bis dato in Magdeburg einschlagen – als Katalysator für Veränderungen gewirkt und einen hohen Stellenwert gehabt. In den Kabaretts habe etwas mehr Toleranz in Sachen Kritik geherrscht. Und ich verstehe endlich, warum es in Leipzig so viele Kabaretts gibt.

Mag der Humor beim Ertragen und Überwinden der DDR gerade in Magdeburg, das aufgrund seiner Nähe zur Transitautobahn Hannover-Berlin besonderer Überwachung unterlag, geholfen haben. Zum Lachen war es nach der grössten politischen Veränderung der jüngsten Vergangenheit in Magdeburg nicht. Noch immer klafften riesige Lücken in der einst weitgehend zerstörten Stadt. Behelfsmässig wieder aufgebaut blieb sie auf ihre Fertigungsfunktion reduziert. Die Trostlosigkeit ist gerade auf dem Breiten Weg bis heute spürbar. Die paar sozialistischen Repräsentationsbauten wirken verloren. Die einstigen Baulücken in den Häuserzeilen sind noch zu erahnen. Die Magdeburger Prachtstrasse endet am Universitätsplatz in einer Brache.

 

Hundertwasser ohne Witz

 

So trostlos muss es im Magdeburg der 90er Jahre gewesen sein, dass Hundertwasser dem designierten Konstantinopel des Nordens sein letztes Gebäude schenkte. Wie ein Tropfen auf den heissen Stein – als sei dies inzwischen eine weitere kabarettistische Pointe angesichts des fehlenden Wassers in der Elbe – pinselte ausgerechnet Hundertwasser Farbe in die triste Leere. Seither thront die «Grüne Zitadelle» am Breiten Weg. In ihrem Innenhof plätschert ein Brunnen. Ein Café lädt zum Verweilen ein und ein Shop bietet «Hundertwasser-Produkte» feil.

 

Friedensreich Hundertwassers «Grüne Zitadelle» steht quer zu allem, was Magdeburg durchlebt hat. (© Fabian Schwitter)

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Modernes Marketing hat in der Stadt Ottos des Grossen Einzug gehalten, die einst ersehnten Westprodukte gehören inzwischen zum Alltag. Magdeburg erholt sich langsam, auch wenn seine Blütezeit wie bei anderen ostdeutschen Städten weit in der Vergangenheit liegt. Die wiederkehrende Enttäuschung aufgrund der abgeschnittenen Zukunft allerdings, stelle ich mir vor, hinterlässt eine ernüchterte Leere. Ob diese Leere mit Marketing und Konsum zu füllen, das wiederkehrende Trauma mit Wohlstand zu bewältigen ist, bleibt eine offene Frage. Kurz vor Magdeburg – irgendwo in diesen unermesslichen Elbebenen – liegt immerhin das verheissungsvolle Dorf Güterglück.

 

 

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