Das Gewicht von Gedichten

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Ob es verblüffend ist, dass ich im Zusammenhang mit Ostdeutschland erst nach drei Jahren zum ersten Mal über Gedichte schreibe? Wahrscheinlich bin ich in Sachen Gedichte jederzeit so voreingenommen, dass ich es lieber lasse. Umgekehrt weisen Reiner Kunzes Gedichte sofort über das blosse ‹Schreiben über Gedichte› hinaus.

 

Alter Wessi, junger Ossi

 

Ein alter Wessi schenkt einem jungen Ossi Reiner Kunze in weinrotem Paperback. Und für einmal scheitert die Kommunikation nicht an Ost und West, sondern an den Gedichten. Was soll ein junger Mensch heute schon mit Gedichten anfangen? So jedenfalls landet eine «Limitierte Sonderausgabe» samt CD des ostdeutschen Dichters, der 1977 im Westen den Büchnerpreis gewann und bis dato hochbetagt in Bayern lebt, in meinen Händen. Ich, so die Erwartung, könne bestimmt etwas damit anfangen.

 

Ästhetisches Urteil

 

Dass mit Kunze erstmals ein ostdeutscher Dichter den Büchnerpreis gewonnen hatte, wusste ich nicht. Gut, damals war Kunze schon nicht mehr in der DDR. Die Staatsführung hatte seinem Ersuchen um Ausbürgerung nach Jahren von Publikationsverbot, Bespitzelung und Haftandrohung nur zu gern stattgegeben. Lediglich drei Tage habe das Verfahren gedauert. Sein neuer Staat hiess den dissidenten Dichter noch im selben Jahr mit folgenden Worten zur Begründung der Büchnerpreisverleihung willkommen:

Er setzt die Kunstmittel der Lyrik, der Parabel und der aphoristischen Prosa mit äußerster Genauigkeit und Treffsicherheit als Waffe gegen die Unmenschlichkeit und den Mißbrauch der Macht ein und ist bemüht, die Welt, in der wir leben, durch die Kraft der Poesie und der dichterischen Deutung bewohnbarer zu machen.

Ich will über dieses Urteil nicht mein eigenes Urteil stellen. Denn «die Kraft der Poesie», was auch immer mit dieser Verlegenheitsfloskel gemeint sein will, mag immerhin am Werk sein. Verblüffend ist für mich vor allem, dass Gedichte, die mich ästhetisch kaum herausfordern, urplötzlich eine Bedeutung gewinnen, weil ich sie in Leipzig statt in Zürich lese. Die politische Motiviertheit der Preisverleihung ist auch Jahrzehnte nach der Wende nicht von der Hand zu weisen. Zu nahe liegen die Daten von Ausbürgerung (im Frühjahr 1977) und Preisverleihung (im Herbst 1977) beieinander.

 

Politische Bedeutung

 

Dieser Umstand wirft – vor allem im Nachhinein – ein schiefes Licht auf «die poetische Kraft», die aufzufinden ich mich auf die Suche mache. Natürlich begegnen mir immer wieder pointierte Einfälle und ein geschickter Umgang mit Zeilensprüngen. Aber diese Einfälle verlieren ihren ästhetischen Reiz so rasch, wie die kurzen Gedichte gelesen sind. Thematische Anknüpfungspunkte finde ich dank meiner Beschäftigung mit Ostdeutschland allerdings oft. Und in diesem Zusammenhang erhalten Kunzes Gedichte plötzlich ein Gewicht für mich, das alle ästhetische Belanglosigkeit aufwiegt und mich zum vollständigen Lesen des Buchs bewegt. Über diese Gedichte – auch vor dem Hintergrund meiner eigenen Situation – nachzudenken, regt mich weit über zufällige Verbindungen zur Schweiz an.

 

Unverhofft landeten Gedichte von Reiner Kunze auf meinem Tisch. (© Fabian Schwitter)

 

Nicht die «weißen kirchen Graubündens» allein, von denen sich Kunze je «einen quadratmeter putz» für eine sächsische Kirche wünscht, treiben mich zum Lesen an. Nur schon dieses Bisschen Putz, meint er, «würde // Sachsen erleuchten». Abgesetzt von den knappen Zeilen davor, steht diese letzte Forderung: «Sachsen erleuchten»!, bin ich versucht, mit einem Ausrufezeichen zu schreiben. Das wünscht sich der Erzgebirgler, dessen Schlaf «das proletariat» im Gedicht «Tagebuchblatt 75» stört. Vor seinem Fenster muss ein einsamer Dachdecker «einen der sechs Zwiebeltürme / der russischen kirche» decken – und hämmert in einem fort.

 

Kontext

 

Wo das Proletariat – ob seiner propagierten Aufwertung zur staatstragenden Klasse und seiner omnipräsenten Beschwörung im Arbeiter- und Bauernstaat, nehme ich an – dem Dichter zum Ärgernis geworden ist, löst sein Verschwinden im neuen Jahrtausend bei mir beinahe wehmütiges Bedauern aus. Es ist unter gegenwärtigen Umständen schwer zu sagen, woher das ‹revolutionäre Subjekt› kommen soll, das Veränderung anstösst. An Umweltverschmutzung ging die DDR zugrunde, an Umweltverschmutzung wird bald die ganze Welt zugrunde gehen. Sachsen ist noch heute weniger erleuchtet, als vielmehr von einer gnadenlosen Sonne beschienen, die uns Hitzerekorde beschert. Das Dach der Hütte ‹Europa› brennt im wahrsten Sinne des Wortes, ohne dass seine Bewohner:innen Anstalten machten, sich zu bewegen.

Auch Gedichte – das muss der Ehrlichkeit und ihrer ebenso endlosen wie vergeblichen Selbstbehauptung wegen wahrscheinlich gesagt sein – ändern daran kaum etwas. Denn was sollen Gedichte schon ausrichten «in einem Land, in dem die Freiheit des Wortes und das Verfassen von Gedichten nicht unter Strafe steht, sondern größtenteils einfach ignoriert wird», wie Monika Rinck in ihren «Streitschiften» mit dem Titel «Risiko und Idiotie» 2015 über die Situation in der heutigen BRD schrieb? Eine Frage bleibt angesichts dessen natürlich auch, was «die freiwillige Entscheidung für widerständige, uneigentliche Sprachgebung» zu bedeuten hat. Wäre sie gegenüber der knappen und einfachen Sprache Kunzes ein Gewinn?

 

Subtext

 

Dagegen kann es gut sein, dass Gedichte, die «mitunter wie Kassiber weitergegeben» wurden, worauf Kunze in seiner Dankesrede zur Büchnerpreisverleihung hinwies, etwas bewirken. Nur schon wenn sie – unter dem entsprechenden persönlichen Risiko ihrer Verfasser:innen – Zensurbehörden auf Trab hielten und den staatlichen Zorn weckten, übertrafen sie in ihrer Wirkung die Ignoranz andernorts wahrscheinlich bei Weitem. Gefahr droht dabei nie den Gedichten, sondern immer den Menschen. Bei «uneigentlicher Sprachgebung» nahm Kunze deswegen dennoch nicht Zuflucht. Bis zu seiner Ausbürgerung schrieb er offenbar nicht nur «auf eigene hoffnung», sondern auch auf eigenes Risiko.

 

Monikas Rincks «Streitschriften» über «Risiko und Idiotie» begleiten mich im Gegensatz zu Reiner Kunzes Gedichten schon eine ganze Weile. (© Fabian Schwitter)

 

Selbst gut fünfzig Jahre nach dem «Tagebuchblatt 75» will mir nicht wie ein verklausulierter Subtext in «uneigentlicher Sprachgebung» vorkommen, wie Kunze seinen Blick auf die Umstände in der DDR beschreibt. Auch wenn die beiden Bände dieser Sonderausgabe – «auf eigene hoffnung» (1981) und «eines jeden einziges leben» (1986) – erst nach Kunzes Ausbürgerung herauskamen, weisen die Gedichte deutlich genug zurück. Auf die Regelung von 1973 etwa, dass Rentner:innen die Ausreise aus der DDR zu Besuchszwecken erlaubt werde, reagiert Kunze mit drei knappen Zeilen, die den Irrwitz des staatlichen Kontrollwahns hervorheben: «Das grab herbeisehnen, // um am tisch des freundes / eine tasse tee trinken zu dürfen».

 

Reisebeschränkung im Osten

 

Seine Gedichte blieben seiner Herkunft verbunden, auch wenn er nach der Ausbürgerung weder die DDR, wo er als ausgebürgerter Dissident mit Verhaftung hätte rechnen müssen, noch die Länder des Ostblocks bereisen konnte. Angelehnt an einen «Brief aus Prag 1980» beklagt er die Stagnation, die schon vor seiner Ausbürgerung spürbar gewesen sein muss: «Das baugerüst stehe noch immer // Längst habe sich von der fassade / der rest des putzes gelöst // Nun blättre vom gerüst der rost / und auf dem gehsteig sei / zeitlos herbst». Und dann folgt im zweitletzten Gedicht dieses ersten Bands – «auf eigene hoffnung» – das ästhetische Credo als «Entgegnung» auf die neunmalkluge Erwiderung eines unnachgiebigen Journalisten. Kunze hatte im August 1978 offenbar eine Interviewanfrage abgelehnt.

Der Anlass zum Gedicht mag schon in der – freieren – BRD gelegen haben. Der DDR-Kontext verleiht der letzten Zeile des ersten Gedichtteils aber erst seine Tragweite: «Noch immer gibt es gedichte». Nicht einmal diktatorische Mittel werden – unliebsame – Gedichte jemals aus der Welt schaffen. Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Selbstbehauptung, die Gedichte oft so nervtötend begleiten, nicht nur in einem milderen, sondern in einem erhellenden Licht. Im zweiten Gedichtteil schiebt Kunze – teils schelmisch, teils abgründig – hinterher: «Dichter dulden keine diktatoren / neben sich // (In ihrem winzigen reich dem / freien vers)». Kunze – und das ist nicht nur verwunderlich, sondern auch beklemmend – lädt das Gedicht mit einer Bedeutung auf, die selbst diktatorische Allüren rechtfertigt.

 

Die Freiheit der freien Verses

 

Vielleicht entrinnt der Mensch selbst oder gerade im «winzigen reich» des freien Verses, der zugunsten von Spontanität und Einzigartigkeit auf jegliche äussere Einschränkung, wie Reim oder Metrum sie einst mit sich brachten, verzichten will, seinen diktatorischen Allmachtsanwandlungen nicht. Und vielleicht schlummern in Autor:innen auch kleine Diktator:innen, so die ebenso beängstigende wie selbstkritische Vermutung. Andere – weit wirkmächtigere als die dichterischen Diktator:innen – aus diesem Reich auszusperren, ist dann vielleicht die Bedingung dafür, dass dieses Reich überhaupt existieren kann. Wie Kunzes Gedichte sich im freien Vers ihr je eigenes Erscheinungsbild suchen, kann das Zufällige alltäglicher Beobachtungen eines Einzelnen – die vermeintliche Belanglosigkeit von Kleinigkeiten – unter totalitären Bedingungen bereits ein unzähmbarer Widerstand – und ein Risiko – sein.

In seiner Hinwendung zum Belanglosen und Alltäglichen – in aller Kürze – erinnert mich Kunze an den westdeutschen Popdichter Rolf Dieter Brinkmann. Kunzes Gedichte allerdings bleiben in ihrer existenziellen Prekarität feinfühlig und ironisch, während Brinkmanns Überdruss in wohlkalkulierte Lässigkeit umschlägt. Eine Lässigkeit, die den fünf Jahre jüngeren Brinkmann in den Siebzigern jedoch bereits nach neuen ästhetischen Modi suchen und sich neuer Medien wie der Fotografie, die nach dem Zweiten Weltkrieg populäre Verbreitung fand, bedienen lässt. «Gedichte wie Graffiti sprühte Brinkmann auf die Seiten», schrieb ich in der «verkettung der / fünfzeiler». Kunzes Gedichte wollen mir wie Alltagsgedichte unter der Existenzialität sozialistischer Bedingungen erscheinen. Aber was bleibt davon übrig – fünfzig Jahre später? Kunzes freier Vers erscheint mir ambivalent. Entfaltet er als Anspruch auf persönliche Freiheit unter totalitären Bedingungen ethische und politische Kraft, bleibt er als ästhetisches Mittel nach der Ausbürgerung fragwürdig.

 

Reisefreiheit im Westen

 

Kunzes Gedichte selbst veranschaulichen das, zeugen sie doch – vor allem im zweiten Band «eines jeden einziges Leben» – von seiner Bewegungsfreiheit nach der Ausbürgerung. Aus Frankreich berichten sie, aus Portugal und Israel, ja im ersten Band – «auf eigene hoffnung» – sogar aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Da spüre ich die abgründige Beliebigkeit, die zwar den Einzelnen im totalitären Zwangsapparat in der Hinwendung zum Detail vor Abstumpfung und resignierter Unterwerfung – ja, vor der angestrebten Vereinnahmung durch den Staat – bewahrt, angesichts der neu gewonnenen Reisefreiheit aber belanglos wird. Warum sollte ich ausgerechnet Reiner Kunzes Reiseerlebnisse in solch verkürzter Form verfolgen?

 

Während Paul Celans «Meridian» in seiner ausführlichen Fassung samt Notizen und Materialien einen festen Platz in meinem Bücherregal hat, fehlen Gedichte aus dem Kontext der DDR bislang. (© Fabian Schwitter)

 

Die Kehrseite dieser Emphase des einzelnen Details, die aus totalitären Bedingungen ihre Berechtigung zieht, bilden Kleinlichkeit und kultureller Dünkel. Fast schon bedauerlich ist, dass auch Kunze dem nicht entgeht. Wäre die allzu bekannte Fehde zwischen Literatur und Wissenschaft angesichts einer ideologisierten Germanistik in der DDR verständlich, verliert sie nach Kunzes Ausbürgerung jeden Boden: «Von hundert germanisten liebt die dichtung einer / Berufen ist zum germanisten außer diesem einen keiner». Und im zweiten Band – «eines jeden einziges leben» – ziert ein Moto Vladimír Holans – «Kunst ist … etwas für manchen, nichts / für alle» – ein «Unpopuläres Gedicht», das trotz oder gerade wegen mangelnder Breitenwirksamkeit mit Vollkommenheit liebäugelt.

 

Sprachpatriotismus

 

Das Verhältnis von Kunst zur politischen Wirklichkeit ist ein widersprüchliches – erst recht in einem geteilten Land mit seinen zwei Systemen, wo dasselbe hier diese und dort jene Gültigkeit hat. Pocht Heinrich Böll in seiner Laudatio auf die «Zimmerlautstärke» (1972), so der Titel eines früheren Gedichtbands von Kunze, verschiebt sich der Bezugspunkt fast zwangsläufig. Mag sich die Zimmerlautstärke in der DDR von der lautstarken Propaganda absetzen, mit der etwa die Niederschlagung des Prager Frühlings gerechtfertigt wurde, so würde ich das Marktgeschrei omnipräsenter Werbung in der BRD als ihren Bezugspunkt erkennen wollen.

Befremdlich ist angesichts dessen, dass Böll diese Widersprüche und Verschiebungen trotz seines Schielens auf eine «kleine Schar humanistisch gesinnter Internationaler» in einem vereinheitlichenden Sprachpatriotismus aufgehen liess. So wollte er sich nicht zur Aktualität äussern, die einem frisch Eingebürgerten vielleicht noch fremd ist, sondern sich im Aktuellen – bei aller Kritik an der BRD – dem nähern, «was permanent aktuell daran ist und deutsch, unabhängig von der geschichtlichen Situation und vom politischen System.» Und mit Hölderlin machte er sich auf die Suche nach der «deutschen Seele», um sie in der Sprache nicht nur zu finden, sondern zu rehabilitieren. Aber Hölderlin schrieb seine «Vaterländischen Gesänge», von denen ich nicht weiss, welches Vaterland sie wirklich meinen, als es Deutschland – ob geteilt oder nicht – noch gar nicht gab.

 

Sprachen

 

Zwölf Jahre nach Bölls Rede fiel die Mauer. Und wenig später folgte eine Wiedervereinigung, an der sich die Geister immer noch scheiden. Manche intensivieren aufgrund dieser Wiedervereinigung die Suche nach der deutschen Seele. Andere ahnen dank der Wiedervereinigung, dass auch Staatswesen nicht für die Ewigkeit gemacht sind – und die deutsche Seele womöglich nur ein Hirngespinst ist. Welche Sprache der deutsche Dichter im Bett und der deutsche Arbeiter auf dem Dach der russischen Kirche miteinander gesprochen hätten, ist ein Geheimnis von Kunzes Gedicht.

Die Zeiger der Kirchturmuhr allerdings haben sich längst weitergedreht. Der Blick zurück taucht die Vergangenheit in ein anderes Licht, auch wenn die Kirchtürme noch dieselben Schatten werfen. Einer, der von aussen auf die Verhältnisse schaut und Büchnerpreisreden vor allem von Paul Celans «Meridian» her kennt, würde Böll nicht nur ein paar Quadratmeter Putz von den Kirchen Graubündens wünschen wollen, sondern vor allem auch ein paar Sätze Rätoromanisch oder gar Rumänisch.

 

Paul Celan

 

Der jüdische Dichter Paul Celan – im Alter von gut zwanzig Jahren verlor er in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern seine Eltern – rang nach dem Zweiten Weltkrieg auf ganz andere Weise um die deutsche Sprache, deren Tatsache er nicht entkommen konnte. Hatte der westdeutsche und emigrierte Philosoph Theodor W. Adorno noch gesagt, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, so musste das für Paul Celan eine schier unermessliche Herausforderung nur umso deutlicher machen. In seiner Rede zur Verleihung des Bremer Literaturpreises 1958 sprach er schon davon, dass die Sprache «durch die tausend Finsternisse todbringender Rede» hindurchgehen musste. Und auch davon, dass er «in dieser Sprache […] Gedichte zu schreiben versucht» habe.

 

Weit näher als Kunze liegt mir Celan, dessen Texte mich schon seit Jahrzehnten begleiten – aber auch von Celans Erfahrungshintergrund trennen mich Welten. (© Fabian Schwitter)

 

Später – in seiner Rede zur Verleihung des Büchnerpreises 1960 – kam er wieder auf die Dunkelheit zu sprechen, die Gedichten vorgeworfen würde: «Meine Damen und Herren, es ist heute gang und gäbe, der Dichtung ihre ‹Dunkelheit› vorzuwerfen.» Die Art und Weise jedoch, wie Celan mit seiner Rede «Der Meridian» auf Büchner antwortet, wie er in ein Gespräch mit den Anwesenden eintritt, wie er durch alles Erlebte hindurchgeht, um im Meridian etwas Heiteres und Verbindendes zu finden, ist erschütternd – und berührend.

 

Kriegsdienstverweigerung

 

Die sprachpatriotische Verirrung Bölls will ich Kunze nicht zum Vorwurf machen. Bestimmt hätte er sich gegen den Unterton, der damit einhergeht, verwehrt. Bestimmt hätte er sich auch eine Begründung zur Preisverleihung verboten, die seine Gedichte als «Waffe» bezeichnet. Ich will es zumindest glauben, auch wenn gar nicht unwahrscheinlich ist, dass salbungsvolle Ehrungen wie durch ein Wunder vergessen machen. Denn die Dunkelheit, von der Celan sprach – und in der Begründung für die Preisverleihung an ihn ist nicht von Waffen, sondern von «seinen Übertragungen französischer und russischer Lyrik» die Rede, die «dem deutschen Gedicht eine neue Sensibilität gegeben» hätten – finde ich auch bei Kunze.

In einer «Meditation über einen Torso» etwa ist von der Steinigung einer Statue als Bekenntnis die Rede. In einer institutionalisierten Ideologie braucht es zur Selbstversicherung offenbar Gesteinigte, auch wenn es sich in diesem Fall nur um eine Statue handelt, die über die Jahrhunderte von christlichen Pilgern zum Zeichen der Abkehr vom Heidentum verstümmelt wurde. Diese Steinigung lässt ahnen: «Die finsternis in der faust / ist ein Stück der finsternis in uns // Wer die faust erhebt, erhebt / das dunkel zum zeichen // Und in dem augenblick, da wir steinigen, / ist in uns die finsternis / dicht wie im stein».

 

Dunkelheit

 

In dieser Dunkelheit streifen sich Kunze und Celan, auch wenn diese je eigenen Dunkelheiten vielleicht – oder wahrscheinlich – gar nicht zu vergleichen sind. Und in dieser Dunkelheit streifen sich die Welten, die einst geteilt waren. Seit Kunze gibt es eine ganze Reihe von Büchnerpreisträger:innen mit Wurzeln in der DDR. Umgekehrt verblüffte mich in meiner Voreingenommenheit, dass Celans Rede und selbst Büchner für manche – durchaus belesene – Menschen in Ostdeutschland nicht von Bedeutung sind – auch und vielleicht weil die Welten einander eben nur streifen, will ich mir einbilden.

In dieser Dunkelheit erhalten Gedichte eine ungeheure – vielleicht sogar lebensrettende – Bedeutung. Und doch vermögen sie nicht alles. Paul Celan entrann trotz der Gedichte dem Freitod nicht. Reiner Kunze dagegen retteten seine Gedichte vielleicht in doppelter Weise. Sie liessen ihn 40 Jahr unter totalitären Bedingungen aushalten. Und sie verhalfen ihm, der seinen Gedichten auch seine Bekanntheit verdankte, letzten Endes zur Ausbürgerung – anstelle von weiterer Verfolgung, Haft und…

 

Heute

 

Celan forderte in seiner Meridian-Rede dazu auf, «solcher Daten», also «unserer», Daten «eingedenk zu bleiben». Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – würde ich heute mehr noch als damals ihre «Unerheblichkeit», in der ein Weggefährte einst einen lediglich eingebildeten Fluchtweg ausmachte, vor allem die Bedeutungslosigkeit von Gedichten – hochhalten: gegen die europäisch-moderne, die bürgerliche Machbarkeitsfantasie, die in technologisch rücksichtslosem Weltgestaltungswillen jederzeit das Heil zu entdecken meint. Die Kunst, vermute ich, ist nicht mehr, sich zu befreien, sondern sich zu unterwerfen – unter die Umstände, unter das Unverfügbare. Die Tatsache der Erde, die wir uns mit keinerlei ‹alternativen Tatsachen› zurechtlegen können, wie wir sie gerne hätten. Gedichte, glaube ich, müssten sich fügen können und nicht nur in der Absetzung einzelner Zeilen so tun, als fügten sie sich – und bereit dazu sein, im geeigneten Augenblick jeden Eskapismus, der menschengemachte Widrigkeiten erträglich macht, aufzugeben und die Flucht zu ergreifen.

 

Inzwischen wäre leicht vorstellbar, dass Gedichte aus Ostdeutschland einmal neben Büchner und Celan in meinem Regal stehen. (© Fabian Schwitter)

 

Freiheit ist – heute – weniger der «freie Vers» als vielmehr die zeitlose «Lust an der Neuartigkeit der Verknüpfung», wie Kunze in seiner Dankesrede schrieb: eine Beschäftigung mit den Voraussetzungen, mit den Umständen, mit den Tatsachen – eingedenk. Und diese Lust verlangt unter Umständen auch danach, Wege unter die Füsse zu nehmen. Mir wäre viel entgangen, hätte ich von dieser anderen Geschichte – von dieser andere Literatur – nie erfahren, die einst so bedeutsam war. Ich bin dankbar dafür, das Risiko und die Idiotie, die ich bei Rinck schon vor Jahren auf so fruchtbare Weise kennengelernt habe, in lebensweltlicher Konkretion vorzufinden. Und dafür kann ich – eingedenk meiner ästhetischen Vorbehalte und eingedenk der historischen Tatsachen – Reiner Kunze, den ersten Dichter aus Ostdeutschland, der in Westdeutschland den Büchnerpreis gewann, ehren.

 

 

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