Chemnitz: Chemnitz… Chemnitz? Eine fantastische Stadt!
2’828 Wörter / Bildstrecke: 11 Fotografien / ca. 13 Minuten
2025 wird Chemnitz Kulturhauptstadt Europas. Schlagzeilen machte die Stadt jedoch vor allem mit rassistischen Ausschreitungen. Ob damit schon alles gesagt ist? Die einst reichste Stadt Deutschlands ist zwar beinahe in die Bedeutungslosigkeit abgesunken, wartet aber trotz ihres Niedergangs mit erstaunlichen Geschichten auf.
Im Zug in die Vergangenheit
Was mich an diesem Tag nicht überrascht, ist das Wetter. Je näher ich Chemnitz komme, – in einem Waggon eines alten Regionalzugs, der mir eine Zeitreise vorgaukelt –, umso verhangener ist der Himmel. Und mit meinem ersten Fuss auf Chemnitzer Boden setzt ein fantasieloser Nieselregen ein, der auch den ganzen Nachmittag über nur zum Spott Pausen einlegt. Milliarden von Wassertropfen legen einen blassen Schleier über die Stadt. Seit ich den Namen Chemnitz zum ersten Mal gehört habe, verbinde ich mit diesem Klang: grau. Die Stadt allerdings habe ich vor dem 10. Mai 2023 noch nie gesehen. Dass es Chemnitz überhaupt gibt, weiss ich nur, weil im Kreis meiner ostdeutschen Bekannten in Zürich einer aus Chemnitz kam. Ein liebenswerter Mensch, aber auch eine graue Maus – und dann dieser Name, der an Chemie erinnert, obwohl die Stadt gar keine chemische Industrie beheimatet. Der Name bedeutet etwas anderes. Er geht auf den altsorbischen ‹Stein› zurück, dem sowohl der Fluss Chemnitz – der steinige Bach –, nach dem Chemnitz benannt ist, als auch die Kleinstadt Kamenz nördlich von Dresden ihre Namen verdanken.
Vom Kopf…
Ich trotte vom Bahnhof aus in Richtung ‹Nischel› (ein Dialektwort für ‹Kopf›), wo ich verabredet bin. Das Wahrzeichen der Stadt entstand auf Betreiben Walter Ulbrichts, der bei der Enthüllung der Moskauer Marx-Statue von Lew Kerbel so verzaubert gewesen war, dass ein solches Monument für die DDR hermusste. Seit 1971 ziert der überdiemensionierte Kopf des sozialistischen Urmagiers die Karl-Marx-Stadt, die bereits 1953 zu dessen Ehren in einem Verwaltungsakt – sinnigerweise über den Kopf der lokalen Bevölkerung hinweg – umbenannt worden war. Und weil das internationale Interesse an einem Erwerb der Statue den Chemnitzer:innen nach der Wende den Weg zum anstehenden Gesinnungswandel wies, schliesslich entdeckt der kapitalistische Markt in Kunstwerken immer wieder auf wundersame Weise Wertanlagen, bewahrte dies die Statue vor dem Abriss. So blieb dieses Erbstück der DDR als künftiger Publikumsmagnet – trotz Wunsch der Bevölkerung, wieder in Chemnitz statt Karl-Marx-Stadt zu leben – an Ort und Stelle erhalten. Das graue Chemnitz erwies sich als wandelbar wie ein buntes Chamäleon.

Spätestens vor diesem Bronzekoloss ahne ich, dass Chemnitz viel zu kontrastreich ist, um einfach grau zu erscheinen. Ausgerechnet hinter dem Vordenker der Gerechtigkeit hat sich das Landesamt für Steuern und Finanzen eingerichtet. Gegensätzlicher könnten das provinzielle Amt und der paneuropäische Analytiker des Manchester-Kapitalismus, der wiederholt fliehen musste und im Verlauf der Zeit in verschiedenen Metropolen Westeuropas – Paris, Brüssel, London – zu Hause war, kaum sein. Ob das Steueramt wohl über ein Ende des Steuerwettbewerbs in der EU nachdenkt oder ob es eine angemessenere Steuerpolitik als zu DDR-Zeiten vertritt? Über letzteres wäre bestimmt zu streiten.
Streitbar ist Chemnitz auf jeden Fall: Bei einem Gottesdienst vor dem Nischel sollen vor zehn Jahren alte Sozialist:innen gewettert haben gegen Opium für das Volk. Heutzutage kommt dieses allerdings eher in Form von Fussball daher. Und so rissen unbekannte Aktivist:innen das Deutschlandtrikot, das dem Ahnherrn vom Stadtmarketing anlässlich der Weltmeisterschaft 2014 umgehängt worden war, wieder vom Leib. Marx für die nationalistisch angereicherten Milliarden der Fifa zu instrumentalisieren, das geht nun wirklich zu weit. Auf Social Media, so die TAZ am 27. Juni 2014, entsponnen sich hitzige Debatten. Das hinderte die deutsche Nationalmannschaft allerdings nicht daran, dem WM-Gastgeber Brasilien eine Demütigung zu verpassen und im Final gegen Argentinien Weltmeister zu werden. Alteuropa konnte die Vormachtstellung gegenüber dem Rest der Welt – zumindest im Fussball – noch einmal unter Beweis stellen. Und der Glanz solcher Momente macht dann auch im Europa der Ungleichen soziale Brennpunkte in den multikulturellen Städten zeitweilig vergessen. Es sollte bis zum nächsten Weltmeisterschaftsjahr dauern, bevor die internationale Farbigkeit auch in einem heruntergewirtschafteten Chemnitz mit traurigen Schlagzeilen deutlich ins Bewusstsein treten würde. Diese Weltmeisterschaft fand, an Symbolik lässt das heute nichts zu wünschen übrig, in Russland statt.
…auf die Füsse und Hand angelegt
Zur Blütezeit des sächsischen Industriezentrums vor dem Ersten Weltkrieg allerdings war Chemnitz die reichste Stadt Deutschlands (gemessen am Verhältnis von Steueraufkommen und Bevölkerungsgrösse). Der Maschinenbau erzeugte im sächsichen Manchester fantastische Umsätze und neben einem satturierten Bürgertum auch eine umtriebige Arbeiter:innenschaft. Die Kontraste reichen also, entgegen meinem grau-in-grauen Vorurteil, weit zurück. Schon zu Zeiten, als im Erzgebirge im 16. Jahrhundert Silber und Kupfer abgebaut wurden, spielte Chemnitz eine Rolle. Dank eines Bleichprivilegs aus dem 14. Jahrhundert hatte sich Chemnitz zu einem Zentrum der Textilproduktion entwickelt, in der auch die Unternehmerin Barbara Uthmann aus Annaberg tätig war.
Deren wechselvollem Leben als feministische Vorkämpferin setzte die Chemnitzerin Regina Hastedt 1987 ein Denkmal. Die Arbeiterschriftstellerin verwandelte das nahegelegene Annaberg mit blühender Fantasie in eine emanzipierte Welt, wo Frauen – die Erträge aus dem Bergbau waren allmählich geringer geworden – plötzlich in Heimarbeit mit Bortenweberei und Klöppelarbeiten für den Verdienst sorgten und Männer ihnen im Haus den Rücken freihielten. Wie die Witwe Uthmann – eine Frau in einer Männerwelt – die Ratsherren von Annaberg massregelte, wie sie sich in einer Mischung aus Patronin des 19. Jahrhunderts und protosozialistischer Revolutionärin um die Bildung und das materielle Wohlergehen der einfachen Bevölkerung bemühte! Ganz so – emanzipiert und gerecht wie im Roman – wird sie nicht gewesen sein, die umtriebige Uthmannin. Dennoch inspiriert Hastedts historischer Roman, der wahrscheinlich auch der DDR-Zensurbehörde gefallen hat.
Aus der Textilproduktion heraus, die – nicht zuletzt in Heimarbeit und Hausweberei noch weit bis ins 19. Jahrhundert hinein – eine hohe Prduktivität erzielte, verwandelte sich Chemnitz allmählich in einen der wichtigsten Industriestandorte Deutschlands. Allerdings ereilte die Stadt dasselbe Schicksal wie so viele Städte in (Ost-)Deutschland. Hatten die neuen Grenzen nach dem Ersten Weltkrieg den ostdeutschen Wirtschtaftsraum zerteilt, so zerstörten während des Zweiten Weltkriegs Bomben weite Teile der Stadt. Der Abtransport von Maschinen als Kriegsreparationsleistung an die Sowjetunion einerseits und die Abwanderung von Fachkräften in den Westen andererseits, wo sie etwa die Industrialisierung im agrarischen Freistaat Bayern vorantrieben, setzten Chemnitz zu. Zwar wurde die Produktion in der DDR wieder angekurbelt, aber die digitale Automatisierung brachte die DDR-Industrie gegenüber der West-Industrie in den Achtzigern endgültig ins Hintertreffen, fehlten doch die Materialien zum Bau von leistungsfähigen Computern. Die chaotische Privatisierung und das neuerliche Wegbrechen des osteuropäischen Absatzmarkts verwandelten Chemnitz nach der Wende in ein Brachland der Arbeitslosigkeit. Erst allmählich erholt sich die drittgrösste Stadt Sachsens und Ostdeutschlands wieder.
Auf zum Spaziergang!

So reich wie Chemnitz war, so sehr musste es auch eine Arbeiterhochburg sein. Und so hätte es mich nicht zu überraschen brauchen, dass der Stadtführer, den ein Freund über drei Ecken organisiert hat, zunächst leicht unwirklich erscheint. Ein bisschen, als sei er direkt vor meinen staunenden Augen einem Roman Irmtraud Morgners entstiegen. Die gebürtige Chemnitzerin erfand im sozialistischen Realismus ab den späten Sechzigern – etwa mit «Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura» (1974) – einen fantastischen Feminismus, der dazu angetan ist, sozialistische Propaganda ebenso wie kapitalistisches Marketing ad absurdum zu führen. Erstaunlicherweise weilte Morgner, die wohl zu Unrecht nur noch als Geheimtip gehandelt wird, auch in der Schweiz. 1987/88 hielt sie als erste Gastdozentin für Poetik Vorlesungen an der Universität Zürich. Ausgerechnet Zürich, wo sie zuvor doch gemäss NZZ vom 29. Januar 1988 alle anderen Einladungen abgelehnt hatte. Aus einem sozialen Engagement heraus habe sie die Einladung nach Zürich angenommen, liess die NZZ verlauten. Warum gerade Zürich – insbesondere angesichts gewichtiger Seminartitel wie «Literatur und Leben» oder «Soziale Stellung der Frau» – in den Genuss dieses Engagements kam?
Der Stadtführer in Chemnitz jedenfalls gleicht so ganz und gar nicht meinem Bild der beiden Professoren, deren «kleine Stadtgeschichte» ich im Zug von Leipzig nach Chemnitz gelesen habe. Einen hageren Mann, vielleicht Mitte Sechzig habe ich mir vorgestellt, akademisch ausgebildet, schütteres Haar: grau in der Erscheinung. Vor mir steht ein untersetzter Mann Ende Zwanzig, leuchtend blondes Kraushaar, voller Bart, Zimmerer von Beruf – und sozial eingestellt wie damals sein berühmter Kollege in der Levante, nach dessen vermeintlichem Geburtstag auch die DDR – Opium für das Volk hin, revolutionärer oder realexistierender Sozialismus her – die Jahreszählung richtete.
Der Stadtführer verstünde wohl auch zu predigen wie der Nazarener. Ohne Notizen referiert er in druckreifen Sätzen in atemberaubender Geschwindigkeit über die ältere, jüngere und jüngste Geschichte der Stadt Chemnitz. Die Stadt allerdings wollte ihn für 2025 nicht anheuern. Dann nämlich wird Chemnitz die Kulturhauptstadt Europas sein. Seine fantastische Kompetenz lässt mich dennoch glauben, er habe Jahrzehnte an Stadtgeschichte selbst miterlebt, ohne auch nur um ein Jährchen zu altern. Wie mir scheint, muss er ein Verwandter der dornröschenhaften Trobadora Beatriz sein, die Morgner im Mittelalter in den Schlaf schickte, um sie im Frühling 68 in der Provence wieder zu wecken und über Les Baux-de-Provence, Lyon, Paris mit seinen Strassenschlachten und Hamburg in die DDR, das gelobte Land, zu führen.
Wende für Chemnitz kein Spaziergang
Den engagierten Menschen jedoch, die das – gelobte – Brachland nach der Wende zu bestellen begannen und die urbane Wüste der Stadt Chemnitz urbar machten, wurde gekündigt. Im Herbst 2010 schloss das selbstverwaltete Kultur- und Wohnprojekt Reba 84 an der Reitbahnstrasse seine Tore. Wie schon zu Stasi- und anderen Zeiten, wird gemunkelt, erregte allzu eifrige Eigeninitiative für das Gemeinwohl Verdacht. Lieber wollte die Stadt selbstkontrolliert – und vielleicht auch mit einer gewissen Hoffnung auf monetären Gewinn – für Leben sorgen. Dass bei den Sanierungsplänen noch finanzielle Interessen von privaten Investor:innen im Spiel waren, macht die Geschichte erst plausibel. Aber die Erzeugung von Leben gelang den obrigkeitlichen Alchimist:innen offenbar genauso wenig wie die Herstellung von Gold. Die Liegenschaft blieb unsaniert und beherbergt im Erdgeschoss – und darüber ist immer noch Leerstand – einzig einen Fahrrad- und einen Lebensmittelladen sowie eine arabisch-christliche Kirche.


Wendezeit – Zeitenwende – Zeit der Wende? Toll, Dein Spaziergang kreuz und quer durch die Jahrhunderte und von „‚Kopf‘ bis Fuss“ durch Chemnitz. In dieser österlichen Zeit – im Osten ist erst Anfang Mai Auferstehung – assoziiere ich in Deinem Kontext den Abendspaziergang des „Nazareners“ mit den beiden Jüngern nach Emmaus … (sie merkten vorerst noch nichts von der Zeitenwende). Ich erinnere mich zudem an den Beginn der 90er Jahre, als ich den Präsidenten der CDU-Mittelstandsvereinigung Sachsens (Soziale Marktwirtschaft nach dem Verständnis von Ludwig Erhard) aus Chemnitz nach Zürich einlud. Er referierte im hiesigen CVP-Gönnerclub über die Wendezeit in Ostdeutschland. Wir erleben erneut eine Zeit der Wende – fast in jeder Hinsicht. Während nach dem Abriss der ebenfalls zu Beginn der 90er Jahre besetzten Bauten auf dem Wohlgroth-Areal beim Hauptbahnhof immerhin eine halbwegs vernünftige Stadt-Siedlung farbiger Punkthäuser erstand, proben derzeit die Mieter im weitläufigen „Zollfreilager“ (Deiner einstigen Bleibe) den Aufstand gegen kompromisslose Mietzinserhöhungen – Gentrifizierung auch in den Aussenquartieren Zürichs? – Ich freue mich auf Deinen nächsten Bericht „aus dem Grossen Kanton“. Sw