Radebeul: Wo die Lüge im Museum ein- und ausgeht
2’629 Wörter / 21 Bilder / 1 Film
In Serkowitz, einem Stadtteil Radebeuls, fand vor fast fünfzehn Jahren das erste und einzige Lügenmuseum ein prekäres Domizil. Es pflegt Erinnerungskultur und führt den Underground der DDR in der Bundesrepublik fort. Mittlerweile wehrt sich die eigenwillige Institution gegen ein Räumungsbegehren der Stadt.
Jetzt muss einmal alles auf den Tisch!
Wer den Tisch vollädt, bis er bricht, male ich mir aus, versetzt die biederen Beamt:innen – der Stasi oder anderer Ordnungsorgane – leicht in Schnappatmung. Und wessen Aktionen vorbei sind, noch bevor die Polizei mit Bleistift und Notizblock zur Aufnahme der Personalien anrücken kann, wird unter allerlei Bedingungen in der Lage sein, sich kreativ zu engagieren. Mit Sicherheit auch mitten in der «Baustelle Demokratie», so ein Happening am Dresdner Schaubudensommer, das sich ob zufällig oder nicht an eine Zukunftstagung der Heinrich Böll Stiftung von 2013 lehnt. Willkommen im Lügenmuseum, dessen Apparate mich – als Schweizer – immer wieder an die kinetische Kunst Jean Tinguelys erinnern.
Ist erst einmal alles auf dem Tisch, mag zwar Ehrlichkeit der Wunsch gewesen sein, aber Unübersichtlichkeit das Geschenk. Unweigerlich verschwimmen Wahrheit und Lüge. Leicht wächst der Wille, reinen Tisch zu machen. Könnte allerdings sein, dass dann nichts zu klären übrigbleibt. Da sind dann vielleicht die leeren Bierflaschen und die vollen Aschenbecher am Morgen nach dem Fest immer noch besser als die penibel polierte Tischplatte, wenn an den Tischen des Gasthofs Serkowitz erst Schweigen herrscht, weil eben nichts mehr zu sagen ist. Kellner, ein Schnäpschen!
Wer redet schon gern über die Nazis?
Diese Tage sind im Gasthof Serkowitz ohnehin lange vorbei, auch wenn finstere Kräfte an ihrer Wiederbelebung arbeiten. Sie hätten es gerne deutsch – oder vielleicht auch sächsisch wie zu Zeiten Augusts des Starken. Bereits im 17. Jahrhundert blickte das alte Gemäuer des Gasthofs auf eine über dreihundertjährige Geschichte zurück. Dass jedoch wieder Schnaps in lautstark krakeelenden Männerrunden getrunken wird, verhinderte die Stadt Radebeul mit dem Kauf des Gebäudes 2010. So – die Sächsische Zeitung sprach damals von einem «NPD-Treff» – entzog sie es dem Zugriff rechtsradikaler Nostalgiker, die sich im sächsischen Hinterland Nester bauen. Das Lügenmuseum, inzwischen aus seinem Brandenburger Domizil in Kyritz vertrieben, kam als Zwischennutzung gelegen, hatte sich sein Gründer doch schon als Erbauer der begehbaren Holzskulptur «Labyrinth» für das Radebeuler Weinfest verdient gemacht.
Ob sich die Lage seither zum Besseren gewendet hat, ist mehr als fraglich. Dennoch kündigte die Stadt Radebeul dem Dauerprovisorium des Lügenmuseums 2024 den Mietvertrag. Sie will das Gebäude, dessen Sanierungsbedarf gemäss Oberbürgermeister auf dreieinhalb Millionen Euro geschätzt wird, loswerden. Die Priorisierung ist klar: Bedarf das Karl-May-Museum einer Erweiterung für sechseinhalb Millionen Euro, reicht das Geld für die Sanierung des Serkowitzer Gasthofs nicht. Ein demokratisch gewählter Oberbürgermeister, der bereits seit 2001 im Amt ist, könnte versucht sein zu glauben, ihm seien die Hände gebunden.
Im Falle eines neuerlichen Kaufinteresses aus extremistischen Kreisen, wolle sich die Stadt allerdings auch fünfzehn Jahr später «sicher ähnlich verhalten», so der Oberbürgermeister. Woher dann die finanziellen Mittel kommen werden? Zu bezweifeln ist auch, dass künftige Kaufinteressent:innen angesichts der vereitelten Pläne von 2010 ihre Gesinnungen und Geschäftsbeziehungen gleich mit dem Geld auf den Tisch legen werden. Und so geht die Stadt bereitwillig das Risiko ein, einen bestehenden Ort lebendiger Undergroundkultur an dubiose Interessen zu verlieren. Damit das Objekt für Käufer:innen überhaupt wieder attraktiv wird, muss jedoch die Altlast des Lügenmuseums verschwinden.
Ostkultur, was ist denn das?
Wer über das Tagesgeschäft hinausdenkt, sieht die Sinnbildlichkeit des Lügenmuseums. Die Baufälligkeit des Gebäudes, die hemdsärmelige Instandhaltung und die improvisierten Ausstellungsräume widerspiegeln die gesellschaftlichen Herausforderungen in den neuen Bundesländern. Nach dem nationalsozialistischen Vernichtungsfuror, der in Ostdeutschland noch weniger als in Westdeutschland tiefgreifende Aufarbeitung gefunden hat, der sozialistischen Diktatur von Moskaus Gnaden und den Verwerfungen der Wendezeit herrscht in vielen Landstrichen kulturelle Ratlosigkeit.
Träume wären nicht nur in Ostdeutschland mancherorts wieder nötig. (© Fabian Schwitter)
Der gesellschaftliche Boden ist mancherorts so morsch wie der eine oder andere Dachbalken im Serkowitzer Gasthof. Angesichts dessen liegt auch für die Stadt Radebeul eine Anknüpfung an das 19. Jahrhundert und vermeintlich unverdächtige Marktgrössen wie Karl May – seinerseits ein Lügenbaron erster Güte – nahe. Wer will sich schon die Hände an der DDR-Geschichte, geschweige denn am Dritten Reich, verbrennen? Nur: Eine solche Anknüpfung blendet nicht nur das Erbe der DDR aus, sondern verhindert eine dringend nötige Selbstverständigung der Bevölkerung in Ostdeutschland, wo die Westnarrative von Freiheit und Wohlstand manchen längst wie einst die Propaganda-Phrasen des Politbüros erscheinen.
Furchtbare Neuformierung der Gesellschaft?
So droht angesichts einer geflissentlich übersehenen Vergangenheit jederzeit die Gefahr, neuerlichen Lügen auf den Leim zu gehen. Das Lügenmuseum dagegen könnte ein solcher Ort der Selbstverständigung frei von rechtsradikaler Regression oder der vermeintlichen Unausweichlichkeit einer «Marke Radebeul» sein. Seine Tage jedoch scheinen gezählt, auch wenn die Betreiber:innen bereit sind, alle Rechtsmittel auszuschöpfen, um die Räumung abzuwenden. Im Juli wird vor Gericht die nächste Episode der Radebeuler Saga um das Lügenmuseum geschrieben.
Ist der Ort aber erst einmal geschlossen, wird auch das Gespräch verstummen. Die alten Mauern des Gasthofs mag das wenig kümmern. Sie haben die Stürme der Jahrhunderte bislang überstanden. In Deutschland allerdings ist neben der verordneten Busskultur an konservierten Gedenkstätten nichts so dringend wie die heitere Aneignung der Geschichte. Und nichts tut einer Demokratie so gut wie die couragierte Anstrengung einzelner Menschen. Schliesslich zeichnet sich eine weit weniger heitere Aneignung der Geschichte längst am Horizont ab. Zöge ein Lügenmuseum aus totalitären Zuständen künftig wieder eine grausige Daseinsberechtigung, laufen seine schelmischen Provokationen unter gegenwärtigen Bedingungen schlicht ins Leere. Der Markt wird sich dann als weit effektiverer Zersetzungsmechanismus als alle Stasirepression erwiesen haben. Ein verlogenes Schweigen reicht unter demokratisch-kapitalistischen Bedingungen, ein Lügenmuseum dem Untergang zu weihen.
Zum ersten, zum zweiten, zum dritten?
Einbilden kann ich mir im Nachhinein, es habe an diesen undurchsichtigen Zusammenhängen gelegen, dass ich das Lügenmuseum dreimal besuchen musste, um endlich ausführlich darüber zu schreiben. Die Gründe selbst allerdings werden kaum vom Gespinst von Wahrheit und Lüge zu befreien sein. Dem neuerlichen Besuch des Lügenmuseums ging von Altkaditz her ein stiller und zügiger Spaziergang der Elbe entlang voraus. Wahrscheinlich trat dadurch die nötige Klarheit im Kopf ein, die Verworrenheit von Kunst und Politik nüchtern zu betrachten. Kellner?
Über das Lügenmuseum und die Radebeuler Stadtpolitik hatte ich bereits vor eineinhalb Jahren für die FAZ geschrieben. Mit dem Oberbürgermeister, der dem Lügenmuseum gekündigt hatte und inzwischen erstinstanzlich mit einer Räumungsklage erfolgreich war, hatte ich Emails gewechselt, mit Fraktionen im Stadtrat telefoniert, mit einem vermeintlichen Mäzen, mit dem Landesverband Bildende Kunst, mit der Beratungsagentur Kreatives Sachsen, mit… mit… mit…
Die journalistische Wahrheit?
Ein Scharlatan, wer sich – gerade als Journalist – einbildet, nichts als die Wahrheit zu sagen. Und natürlich drängt sich im Nachhinein auch immer die Einsicht auf: Hätte ich doch… wäre nicht noch… In der Zwischenzeit hat der «Ideenmillionär» Reinhard Zabka längst den nächsten Streich – wie einen «Weltlügenball» zum 01. April – ausgeheckt. Auch an der Zukunft bauen die umtriebigen Zabkas natürlich längst. Für das vierzigjährige Jubiläum des Mauerfalls 2029 strecken sie die Fühler ungeachtet aller Widrigkeiten in Radebeul bereits in Richtung Kulturprojekte Berlin GmbH aus. So richtig geschlossen ist das Lügenmuseum jedenfalls trotz Kündigung und Räumungsklage nicht. Aber eigentlich ist es ja auch gar kein Museum, sagt zumindest die Landesstelle für Museumswesen, die dem Lügenmuseum 2018 den Museumsstatus aberkannte. Nur, was ist es sonst? Und wer ist eigentlich Zabka?

Weder auf die eine noch auf die andere Frage masse ich mir eine abschliessende Antwort an. Zumindest in Serkowitz ist Reinhard nicht ohne Dorota denkbar. Sie prägt das Museum seit Serkowitzer Tagen mit. War anfänglich, wie sie sagt, nicht klar, ob das Lügenmuseum einen Lebensunterhalt für zwei abwerfen würde, pendelte Dorota noch zwischen Berlin und Radebeul. Inzwischen aber zeugt ihre dauerhafte Anwesenheit vom prekären Erfolg des Lügenmuseums. Zabka wiederum steht im Eingangsbereich des Gasthofs und referiert Anekdote um Anekdote. Von der Enthüllung der Zugluft auf der Brühlschen Terrasse in Dresden ist die Rede, von einem selbstgenähten Zirkuszelt in Berlin, von Entdecker:innengeist mit Taschenlampe in einem verdunkelten Museum in Erfurt, wenn ich mich richtig erinnere.
Zabka und das Lügenmuseum?
Es gehe bei der Erinnerung an die DDR doch um die Vermittlung eines Lebensgefühls, um die Kultivierung der Improvisationskunst und nicht um die Ausstellung steriler Objekte, resümiert Zabka. Und während er den Underground der DDR mit Klang-Collagen aus dem damaligen Alltag auferstehen lässt, verschwindet der Künstler auf den verschlungenen Pfaden seines Lebenswerks, das sich weder in den gesammelten Objekten und den Aktionen noch in diesen Geschichten erschöpft. Aber wer ist eigentlich Zabka?
Die Besucher:innen sind eingeladen, sich ihren eigenen DDR-Sound zusammenzustellen. (© Fabian Schwitter)
1950 in Erfurt geboren, geriet er mit dem Prager Frühling ins Visier der Sicherheitsorgane und wurde aufgrund eingeschränkter Reisefreiheit zum künstlerischen Autodidakten. Später verweigerte er den Militärdienst und wollte ausreisen. Sein Antrag wurde abgelehnt. Der staatlichen Gängelung entzog sich Zabka mit zunehmendem Ehrgeiz und engagierte sich aktiv an der künstlerischen Unterwanderung der staatlichen Unterwanderung der Kunst. In Berlin tummelte er sich in Künstlerkreisen am Prenzlauer Berg, organisierte Ausstellungen und pflegte, was Thomas Schubert in einem Porträt Zabkas in der Zeitschrift «Horch und Guck» 2011 als «Soziokultur» bezeichnen sollte.
Nicht von ungefähr erinnern mich diese Praktiken an die Besetzer:innen-Szene im Zürich der Achtziger- und Neunzigerjahre. Unter Einbindung der Bevölkerung wehrten sich einfallsreiche Aktivist:innen gegen die Immobilienpolitik der Stadt und schlugen den Sicherheitskräften ein ums andere Mal ein Schnippchen, wie der Film «Allein machen sie dich ein» (2010) dokumentiert. Ihren Vorläufer finden diese subversiven Kunstaktionen in einer Bewegung, die während des Ersten Weltkriegs im Zürcher Cabaret Voltaire ihren Anfang nahm und auf die sich auch Zabka beruft: Dada.
Zwischen Originaltönen, Untergang und Notausgang entfaltet sich das Lügenmuseum. (© Fabian Schwitter)
Dem dadaistischen Geist Zabkas bot sich nach der Wende die Gelegenheit, unter dem Titel Lügenmuseum den propagandistischen und geheimpolizeilichen Alltag der DDR zu dokumentieren und die künstlerischen Umgangsformen mit Überwachung und Zersetzung fortzuführen. Fielen ihm einerseits Materialien anderer Künstler:innen in die Hände, der Ausstellung «Interieur Underground» liege gar ein verlassenes Geheimatelier in Erfurt zugrunde, hörte er andererseits nicht auf, mit seinem kultivierten Schalk die Realität zu überzeichnen, wenn etwa «Originaltöne vom Untergang der Titanic» zu hören sind. So entwickelte sich diese «Wunderkammer» über die Jahrzehnte zu einem eigensinnigen Ort zwischen Museum, Archiv und Aktionsatelier.
Erinnerungskultur?
Nichts Geringeres, will Zabka mit seinem Lügenmuseum versucht haben, als die Lüge in den Dienst der Wahrheit zu stellen – und im Spiegel der Lüge allen die eigenen Verfälschungen, Verstrickungen und Halbwahrheiten an die Hand zu geben. Aber was reime ich mir da im Verlauf von 18 Monaten eigentlich über das Lügenmuseum zusammen? Manche Notizen aus dem ersten Gespräch mit Zabka verstehe ich heute nicht mehr, der Wust an Dokumenten und Artikeln über das Lügenmuseum entzieht sich meiner Übersicht. Und was ist mit Zabka selbst: Geht es ihm wirklich nie um seine Person, sondern einzig um die Sache? Dass ich nicht lache…
In einer Demokratie jedoch haben, wie die Baustellenmetapher schon aufzeigt, alle Hand anzulegen, wenn die Wahrheit, so wie sie aus der Vielzahl an Erinnerungen und Erlebnissen hervorgeht, ständig gebaut und umgebaut werden muss. An der obrigkeitlichen Verordnung der ‹Wahrheit› scheiterte schliesslich schon die Stasi. Bleibt im 21. Jahrhundert dann noch die Frage, ob der Umbau eines Karl-May-Museums auch den Kontext rassistischer Kolonialkultur des 19. Jahrhunderts reflektiert: Der edle Indianerhäuptling Winnetou jedenfalls soll Christ geworden sein. Kellner!
Nüchtern betrachtet müsste Zabkas Improvisationskunst in einer Demokratie noch weit mehr zu Hause sein als in der DDR-Diktatur – allerdings gegenläufig. Vielleicht lässt sich die Sache so fassen: In der Diktatur machten Künstler:innen wie Zabka das ausfindig, was die Diktatur sich einbildete, verbergen zu können; in der Demokratie dagegen spüren sie auf, was der Staatsapparat sich einbildet, transparent zu machen. So wird es zum investigativen Projekt «Kunst und Krimi» gekommen sein.
Gigantikow mit Huhn?
Treffenderweise nennt sich Zabka ob seiner Sammelwut und seiner vermessenen Einfälle auch Richard von Gigantikow. Den Vorsitz des Lügenmuseums wiederum hat er schon früh an das über hundertjährige Huhn Emma von Hohenbüssow abgetreten. Das war noch zu Brandenburger Zeiten, wo es freier als in Sachsen zugegangen sei. Und wer ist jetzt Zabka? Ich meine, mich zu erinnern, Reinhard Zabka diesen Satz sagen gehört zu haben: «Wir laden den Tisch voll, bis er bricht.» So fasste er damals, es muss im Spätsommer 2024 gewesen sein, im eigenhändig bepflanzten Garten des Lügenmuseums bei Kaffee und Kuchen das künstlerische Prinzip des Lügenmuseums in knappe Worte, um dann den chinesischen Philosophen Laotse als Gewährsmann herbeizuzitieren.
Sich bei allem Tun der Lächerlichkeit preisgeben zu können, entlarvt jederzeit den falschen Ernst manchen Sendungsbewusstseins. Genauso wie die Geschwindigkeit half die Überfülle, Zensur zu umgehen und die Bedeutung der omnipräsenten Parolen in der DDR – und wohl auch manche Glaubenssätze der BRD – zu demontieren. So entstand ein Museumskonzept, das im Gegensatz zur Objektkonservierung herkömmlicher Museen steht. Das Lügenmuseum bleibt ein lebendiges Gesamtkunstwerk in Arbeit – mit seinen Vor- und Nachteilen. Und der Preis, sich allen Zuschreibungen – wie schon zu DDR-Zeiten – zu entziehen, ist das ständig drohende Aus.
In einer dämmrigen Ecke der Geschichte begegnen sich der Dadaist Marcel Duchamp und der Kommunist Ernst Thälmann. Was mit Aufschwung Ostdeutschland jedoch gemeint sein will, entzieht sich bis heute einer eindeutigen Bestimmung. (© Fabian Schwitter)
Bei dieser prekären Arbeit braucht es Humor. So thront eine Büste Ernst Thälmanns, stalinistischer Märtyrer und späterer Patron der Pioniere, in einer Ecke. Sein poliertes Haupt ziert eine Dornenkrone. Sein Gesicht eine Clown-Nase. Gleich daneben findet sich ein Zitat der «Fountain» des Dada-Wegbereiters Marcel Duchamp. Dass das Pissoir das Emblem der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur – also nichts – und nicht etwa die Flagge der BRD verdeckt, zeugt vom hintergründigen Humor der Zabkas. Humor wiederum ist angesichts der Sachzwänge von Systemen lebensnotwendig. Dorota Zabkas «Bürokrapoly» mit kleinen Särgen als Spielfiguren hängt in einem dämmrigen Flur des Serkowitzer Gasthofs an der Wand. Bereits zu DDR-Zeiten kursierten privat produzierte Varianten des verbotenen Spieleklassikers «Monopoly», der in seiner heutigen Form selbst einer Lügengeschichte samt Rechtsstreit entsprang.
Verwinkelt-verwickelte Geschichte?
Wie in der Bürokratie verläuft es sich leicht in den zwielichtigen Fluren und Kammern des Gasthofs oder den unablässigen Verzweigungen der Geschichte. Auch Zabka scheint – wie viele andere Künstler:innen im Osten – den Ausweg aus dem historischen Labyrinth noch nicht gefunden zu haben. Schon 1990, eingeladen zur Biennale in Venedig, kam er sich im Kontakt mit den Westkünstlern fehl am Platz vor. Zu weit lagen die Umgangsformen auseinander. Zu gering blieb das Interesse an einer Kunst, der mit dem Wegbrechen der DDR auf einmal der Widerpart zu fehlen schien.
Dass Kunst ihren Kontext braucht, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Erfolge, die Zabka und andere Underground-Künstler:innen noch zu DDR-Zeiten feierten, trugen unter den veränderten Bedingungen der Wiedervereinigung immer weniger, auch wenn das soziokulturelle Engagement dieser Künstler:innen gerade im Ostdeutschland der Wende nötiger denn je war. Versteht sich Zabka auch als Künstler, steht er in seinem Wirken sozikulturellen Aktivist:innenkreisen im Westen, die sich unter anderem künstlerischer Mittel bedienen, wohl näher als dem professionellen Kunstbetrieb.
International dagegen stösst solche Kunst, wie etwa der Film um das Künstler:innenkollektiv Clara Mosch aus Chemnitz zeigt, inzwischen auf Interesse. Am Elberadweg gelegen finden auch Tourist:innen aus aller Welt ins Lügenmuseum. Die Resonanz vor Ort aber bleibt bescheiden. Kunstinstitutionen wie das Museum der bildenden Künste in Leipzig hinkten der Geschichte hinterher, beklagt Zabka. Und in Radebeul selbst sei der Rückhalt nicht gross genug, als dass sich die Bevölkerung gegen den Entscheid des Oberbürgermeisters auflehnte oder sich in der vermeintlichen Stadt der Millionär:innen gar Geld auftrieben liesse.
Auf den runden Tisch!
Um breitere Abstützung zu erlangen, greifen die Zabkas zu einem altbewährten DDR-Mittel, das nicht zuletzt einem Gasthof gut ansteht. Seit dem Herbst 2025 finden regelmässig runde Tische statt, an denen Interessierte über die Zukunft des Lügenmuseums diskutieren. Wie Zabka selbst formuliert, sind aber auch sie Symbol einer Gegenläufigkeit: Erwiesen sich die runden Tische als wirksames Mittel gegen die DDR-Diktatur, dienen sie in der BRD bisweilen als Feigenblatt bei der Verschleppung von Entscheidungen. Dass sich dabei vor strategischer Lügen nur nicht die Balken des Gasthofs biegen und den Sanierungsbedarf noch in die Höhe treiben!
Kellner… Was bleibt, auch wenn es noch viel zu reden gäbe, zu sagen? Mögen auf diesen Tischen gerade so viele Ideen Platz finden, dass die guten nicht der Unübersichtlichkeit zum Opfer fallen. Für eine Weile werden auf den Tischen im Serkowitzer Gasthof also noch Tassen mit dem «Lügentee» nach einer Rezeptur Hildegards von Bingen stehen – mit dem schelmischen Versprechen, bei ausreichendem Konsum Wahrheit von Lüge unterscheiden zu können. Aber ob das alles dereinst so gewesen sein wird?
Danke für deine Aufmerksamkeit. Das Feuilleton F. kannst du per Paypal, per Banküberweisung oder per Patreon unterstützen, wo du künstlerische die Evolution der fünfzeiler in Text, Ton und Bild mitverfolgen kannst.
Mögliches Rezept für den Lügentee nach Hildegard von Bingen zum Nachkochen:
Fenchel: gut für Magen und Atemwege
Bertram: eines der Liebelingsgewürze der Hildegard von Bingen: aufhellend für den Verstand
Galgant: wärmend
Thymian, Minze: aromatisierend
Honig: versüßt das Ganze
Viel Vergnügen ! Mundet köstlich nach diesem eindrücklichen Leseerlebnis. Danke Fabian!