Radebeul: Wo die Lüge im Museum ein- und ausgeht

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In Serkowitz, einem Stadtteil Radebeuls,  fand vor fast fünfzehn Jahren das erste und einzige Lügenmuseum ein prekäres Domizil. Es pflegt Erinnerungskultur und führt den Underground der DDR in der Bundesrepublik fort. Mittlerweile wehrt sich die eigenwillige Institution gegen ein Räumungsbegehren der Stadt.

 

Jetzt muss einmal alles auf den Tisch!

 

Wer den Tisch vollädt, bis er bricht, male ich mir aus, versetzt die biederen Beamt:innen – der Stasi oder anderer Ordnungsorgane – leicht in Schnappatmung. Und wessen Aktionen vorbei sind, noch bevor die Polizei mit Bleistift und Notizblock zur Aufnahme der Personalien anrücken kann, wird unter allerlei Bedingungen in der Lage sein, sich kreativ zu engagieren. Mit Sicherheit auch mitten in der «Baustelle Demokratie», so ein Happening am Dresdner Schaubudensommer, das sich ob zufällig oder nicht an eine Zukunftstagung der Heinrich Böll Stiftung von 2013 lehnt. Willkommen im Lügenmuseum, dessen Apparate mich – als Schweizer – immer wieder an die kinetische Kunst Jean Tinguelys erinnern.

 

 

Ist erst einmal alles auf dem Tisch, mag zwar Ehrlichkeit der Wunsch gewesen sein, aber Unübersichtlichkeit das Geschenk. Unweigerlich verschwimmen Wahrheit und Lüge. Leicht wächst der Wille, reinen Tisch zu machen. Könnte allerdings sein, dass dann nichts zu klären übrigbleibt. Da sind dann vielleicht die leeren Bierflaschen und die vollen Aschenbecher am Morgen nach dem Fest immer noch besser als die penibel polierte Tischplatte, wenn an den Tischen des Gasthofs Serkowitz erst Schweigen herrscht, weil eben nichts mehr zu sagen ist. Kellner, ein Schnäpschen!

 

Wer redet schon gern über die Nazis?

 

Diese Tage sind im Gasthof Serkowitz ohnehin lange vorbei, auch wenn finstere Kräfte an ihrer Wiederbelebung arbeiten. Sie hätten es gerne deutsch – oder vielleicht auch sächsisch wie zu Zeiten Augusts des Starken. Bereits im 17. Jahrhundert blickte das alte Gemäuer des Gasthofs auf eine über dreihundertjährige Geschichte zurück. Dass jedoch wieder Schnaps in lautstark krakeelenden Männerrunden getrunken wird, verhinderte die Stadt Radebeul mit dem Kauf des Gebäudes 2010. So – die Sächsische Zeitung sprach damals von einem «NPD-Treff» – entzog sie es dem Zugriff rechtsradikaler Nostalgiker, die sich im sächsischen Hinterland Nester bauen. Das Lügenmuseum, inzwischen aus seinem Brandenburger Domizil in Kyritz vertrieben, kam als Zwischennutzung gelegen, hatte sich sein Gründer doch schon als Erbauer der begehbaren Holzskulptur «Labyrinth» für das Radebeuler Weinfest verdient gemacht.

Ob sich die Lage seither zum Besseren gewendet hat, ist mehr als fraglich. Dennoch kündigte die Stadt Radebeul dem Dauerprovisorium des Lügenmuseums 2024 den Mietvertrag. Sie will das Gebäude, dessen Sanierungsbedarf gemäss Oberbürgermeister auf dreieinhalb Millionen Euro geschätzt wird, loswerden. Die Priorisierung ist klar: Bedarf das Karl-May-Museum einer Erweiterung für sechseinhalb Millionen Euro, reicht das Geld für die Sanierung des Serkowitzer Gasthofs nicht. Ein demokratisch gewählter Oberbürgermeister, der bereits seit 2001 im Amt ist, könnte versucht sein zu glauben, ihm seien die Hände gebunden.

Im Falle eines neuerlichen Kaufinteresses aus extremistischen Kreisen, wolle sich die Stadt allerdings auch fünfzehn Jahr später «sicher ähnlich verhalten», so der Oberbürgermeister. Woher dann die finanziellen Mittel kommen werden? Zu bezweifeln ist auch, dass künftige Kaufinteressent:innen angesichts der vereitelten Pläne von 2010 ihre Gesinnungen und Geschäftsbeziehungen gleich mit dem Geld auf den Tisch legen werden. Und so geht die Stadt bereitwillig das Risiko ein, einen bestehenden Ort lebendiger Undergroundkultur an dubiose Interessen zu verlieren. Damit das Objekt für Käufer:innen überhaupt wieder attraktiv wird, muss jedoch die Altlast des Lügenmuseums verschwinden.

 

Ostkultur, was ist denn das?

 

Wer über das Tagesgeschäft hinausdenkt, sieht die Sinnbildlichkeit des Lügenmuseums. Die Baufälligkeit des Gebäudes, die hemdsärmelige Instandhaltung und die improvisierten Ausstellungsräume widerspiegeln die gesellschaftlichen Herausforderungen in den neuen Bundesländern. Nach dem nationalsozialistischen Vernichtungsfuror, der in Ostdeutschland noch weniger als in Westdeutschland tiefgreifende Aufarbeitung gefunden hat, der sozialistischen Diktatur von Moskaus Gnaden und den Verwerfungen der Wendezeit herrscht in vielen Landstrichen kulturelle Ratlosigkeit.

 

Träume wären nicht nur in Ostdeutschland mancherorts wieder nötig. (© Fabian Schwitter)

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Der gesellschaftliche Boden ist mancherorts so morsch wie der eine oder andere Dachbalken im Serkowitzer Gasthof. Angesichts dessen liegt auch für die Stadt Radebeul eine Anknüpfung an das 19. Jahrhundert und vermeintlich unverdächtige Marktgrössen wie Karl May – seinerseits ein Lügenbaron erster Güte – nahe. Wer will sich schon die Hände an der DDR-Geschichte, geschweige denn am Dritten Reich, verbrennen? Nur: Eine solche Anknüpfung blendet nicht nur das Erbe der DDR aus, sondern verhindert eine dringend nötige Selbstverständigung der Bevölkerung in Ostdeutschland, wo die Westnarrative von Freiheit und Wohlstand manchen längst wie einst die Propaganda-Phrasen des Politbüros erscheinen.

 

Furchtbare Neuformierung der Gesellschaft?

 

So droht angesichts einer geflissentlich übersehenen Vergangenheit jederzeit die Gefahr, neuerlichen Lügen auf den Leim zu gehen. Das Lügenmuseum dagegen könnte ein solcher Ort der Selbstverständigung frei von rechtsradikaler Regression oder der vermeintlichen Unausweichlichkeit einer «Marke Radebeul» sein. Seine Tage jedoch scheinen gezählt, auch wenn die Betreiber:innen bereit sind, alle Rechtsmittel auszuschöpfen, um die Räumung abzuwenden. Im Juli wird vor Gericht die nächste Episode der Radebeuler Saga um das Lügenmuseum geschrieben.

Ist der Ort aber erst einmal geschlossen, wird auch das Gespräch verstummen. Die alten Mauern des Gasthofs mag das wenig kümmern. Sie haben die Stürme der Jahrhunderte bislang überstanden. In Deutschland allerdings ist neben der verordneten Busskultur an konservierten Gedenkstätten nichts so dringend wie die heitere Aneignung der Geschichte. Und nichts tut einer Demokratie so gut wie die couragierte Anstrengung einzelner Menschen. Schliesslich zeichnet sich eine weit weniger heitere Aneignung der Geschichte längst am Horizont ab. Zöge ein Lügenmuseum aus totalitären Zuständen künftig wieder eine grausige Daseinsberechtigung, laufen seine schelmischen Provokationen unter gegenwärtigen Bedingungen schlicht ins Leere. Der Markt wird sich dann als weit effektiverer Zersetzungsmechanismus als alle Stasirepression erwiesen haben. Ein verlogenes Schweigen reicht unter demokratisch-kapitalistischen Bedingungen, ein Lügenmuseum dem Untergang zu weihen.

 

Zum ersten, zum zweiten, zum dritten?

 

Einbilden kann ich mir im Nachhinein, es habe an diesen undurchsichtigen Zusammenhängen gelegen, dass ich das Lügenmuseum dreimal besuchen musste, um endlich ausführlich darüber zu schreiben. Die Gründe selbst allerdings werden kaum vom Gespinst von Wahrheit und Lüge zu befreien sein. Dem neuerlichen Besuch des Lügenmuseums ging von Altkaditz her ein stiller und zügiger Spaziergang der Elbe entlang voraus. Wahrscheinlich trat dadurch die nötige Klarheit im Kopf ein, die Verworrenheit von Kunst und Politik nüchtern zu betrachten. Kellner?

Über das Lügenmuseum und die Radebeuler Stadtpolitik hatte ich bereits vor eineinhalb Jahren für die FAZ geschrieben. Mit dem Oberbürgermeister, der dem Lügenmuseum gekündigt hatte und inzwischen erstinstanzlich mit einer Räumungsklage erfolgreich war, hatte ich Emails gewechselt, mit Fraktionen im Stadtrat telefoniert, mit einem vermeintlichen Mäzen, mit dem Landesverband Bildende Kunst, mit der Beratungsagentur Kreatives Sachsen, mit… mit… mit…

 

Die journalistische Wahrheit?

 

Ein Scharlatan, wer sich – gerade als Journalist – einbildet, nichts als die Wahrheit zu sagen. Und natürlich drängt sich im Nachhinein auch immer die Einsicht auf: Hätte ich doch… wäre nicht noch… In der Zwischenzeit hat der «Ideenmillionär» Reinhard Zabka längst den nächsten Streich – wie einen «Weltlügenball» zum 01. April – ausgeheckt. Auch an der Zukunft bauen die umtriebigen Zabkas natürlich längst. Für das vierzigjährige Jubiläum des Mauerfalls 2029 strecken sie die Fühler ungeachtet aller Widrigkeiten in Radebeul bereits in Richtung Kulturprojekte Berlin GmbH aus. So richtig geschlossen ist das Lügenmuseum jedenfalls trotz Kündigung und Räumungsklage nicht. Aber eigentlich ist es ja auch gar kein Museum, sagt zumindest die Landesstelle für Museumswesen, die dem Lügenmuseum 2018 den Museumsstatus aberkannte. Nur, was ist es sonst? Und wer ist eigentlich Zabka?

 

Das Künstler:innen-Ehepaar Reinhard und Dorota Zabka. (© Fabian Schwitter)

 

Weder auf die eine noch auf die andere Frage masse ich mir eine abschliessende Antwort an. Zumindest in Serkowitz ist Reinhard nicht ohne Dorota denkbar. Sie prägt das Museum seit Serkowitzer Tagen mit. War anfänglich, wie sie sagt, nicht klar, ob das Lügenmuseum einen Lebensunterhalt für zwei abwerfen würde, pendelte Dorota noch zwischen Berlin und Radebeul. Inzwischen aber zeugt ihre dauerhafte Anwesenheit vom prekären Erfolg des Lügenmuseums. Zabka wiederum steht im Eingangsbereich des Gasthofs und referiert Anekdote um Anekdote. Von der Enthüllung der Zugluft auf der Brühlschen Terrasse in Dresden ist die Rede, von einem selbstgenähten Zirkuszelt in Berlin, von Entdecker:innengeist mit Taschenlampe in einem verdunkelten Museum in Erfurt, wenn ich mich richtig erinnere.

 

Zabka und das Lügenmuseum?

 

Es gehe bei der Erinnerung an die DDR doch um die Vermittlung eines Lebensgefühls, um die Kultivierung der Improvisationskunst und nicht um die Ausstellung steriler Objekte, resümiert Zabka. Und während er den Underground der DDR mit Klang-Collagen aus dem damaligen Alltag auferstehen lässt, verschwindet der Künstler auf den verschlungenen Pfaden seines Lebenswerks, das sich weder in den gesammelten Objekten und den Aktionen noch in diesen Geschichten erschöpft. Aber wer ist eigentlich Zabka?

 

In Töpfen und Eimern haben die Zabkas typische DDR-Klänge gesammelt. (© Fabian Schwitter)

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