Schönebeck: Die Stadt von Erik Neutsch und mir (Teil II)

3’015 Wörter, ca. 15 Minuten

 

Rainer Totzke setzt seinen Spaziergang durch seine Herkunftsstadt fort. Zwischen VIP-Kiosk, Stasi-Kreisdienststelle und vietnamesischem Restaurant spürt er dem Schreiben in und von einer osdeutschen Kleinstadt nach – in der unerschütterlichen Hoffnung, die Wahrheit über Schönebeck und sich selbst zu sagen.

 

von Rainer Totzke / Kurt Mondaugen

 

V. Die Wende erleben und wiedererleben

 

Schönebeck war immer eine Arbeiterstadt. Hatte die Stadt Ende der 1980er Jahre noch 44’000 Einwohner, sind es heute nur noch 30’000. Dieser rapide Schwund hat massgeblich damit zu tun, dass nach der Wende ein Grossteil der Schönebecker Industriebetriebe verschwand. Wenige Schritte vom Erik-Neutsch-Weg entfernt an der Schillerstrasse stand früher das Gummiwerk. Nach der Wende wurde es dichtgemacht, fristete jahrelang ein Dasein als Ruine, ehe es zugunsten eines grossen Einkaufszentrums samt Parkplatz abgerissen wurde. Auch die drei grössten Schönebecker Industriebetriebe aus DDR-Zeiten – Traktorenwerk, Dieselmotorenwerk und Sprengstoffwerk mit insgesamt über 10’000 Arbeitsplätzen – gibt es heute nicht mehr. Nur einige kleinere Ausgründungen haben den Umbruch überlebt. Hohe Arbeitslosenzahlen waren in den 1990er und 2000er Jahren in Schönebeck die Folge. Auf der offiziellen Website der Stadt Schönebeck findet sich ein Erinnerungstext des ersten nach der Wende frei gewählten Oberbürgermeisters der Stadt, Hans-Jürgen Haase (damals CDU): «Ich erinnere mich noch gut daran, wie hilflos und verzweifelt wir uns gemeinsam mit Schönebecker Metallern vor den Türen der Treuhand am Berliner Alex gefühlt haben. Es mutet gelegentlich ein wenig seltsam an, mit welcher öffentlichen Aufmerksamkeit dagegen schon die Bedrohung von vergleichsweise wenigen Arbeitsplätzen im Westen der Republik begleitet wird. Das unterscheidet bis in die heutige Zeit den Rhein von der Elbe.»

Um mir diese für viele Schönebecker dramatische Zeit noch einmal zu vergegenwärtigen, laufe ich auf der Schillerstrasse  zum Rand des Malzmühlenfelds. Dort, von der Rückseite der Schönebecker Schwimmhalle aus, bietet sich mir ein einmaliger Ausblick auf die riesige innerstädtische Brache, die früher einmal das Traktorenwerk Schönebeck (Betriebsteil I) gewesen ist. In diesem jetzt schon seit Jahrzehnten komplett abgeräumten ehemaligen Betriebsteil des Traktorenwerkes hatten meine Mitschüler und ich von Klassestufe 7 bis Klassenstufe 10 alle zwei Wochen vier Stunden lang PA – «Produktive Arbeit». Dieses Unterrichtsfach bestand darin, dass wir in einer kleinen Maschinenhalle neben normalen Zerspanungsfacharbeitern an Bohrmaschinen standen, Löcher in Metallplatten bohrten und Teile entgrateten. Und ich wusste damals recht schnell, dass ich diese Arbeit hier nicht mein Leben lang machen wollte. Und ich muss es ja nun auch nicht, denn das Traktorenwerk ist einfach weg.

 

  

Ich starre auf die sich vor mir ausbreitende Brache und mache wie hypnotisiert ein Foto davon. Diese Brache ist ein Menetekel, denke ich. Sie symbolisiert die seit der Wende leergeräumte Mitte der Stadt und zugleich auch irgendeine Art grundsätzlich leegeräumtes ostdeutsches Lebensgefühl. Und mir fällt der schon 1994 geäusserte prophetische Satz des Schriftstellers Wolfgang Hilbig (der ebenfalls aus einer ostdeutschen Kleinstadt – aus Meuselwitz in Ostthüringen – stammte) ein: «In politischer Hinsicht ist die Wende zwar abgeschlossen, aber es wird noch Generationen dauern, bevor sie von den Leuten nicht mehr erlebt wird.»

Am Heizhaus neben der Schönebecker Schwimmhalle lese ich die Graffiti an der Seitenwand durch. Irgendwie habe ich hier Nazi-Sprüche erwartet, aber es gibt keine: Neben den ortsüblichen Fan-Bekenntnissen zum 1. FC Magdeburg finden sich sogar zwei Antifa-Tags. Auch den Kommunisten Erik Neutsch hätte das gefreut, denke ich. Dabei gab es nach der Wende in den Schönebecker Plattenbausiedlungen – wie überall in der ostdeutschen Provinz – Nazi-Skins: Ich sah sie tagsüber in Gruppen rumstehen und hörte sie abends martialisch grölen, wenn ich in den 90ern zweimal im Jahr meine Eltern besuchte. Eine kurze Recherche im Netz sagt mir, dass – anders als im nahen Magdeburg –in Schönebeck in den 1990er und 2000er Jahren niemand durch Rechtsextremisten umgebracht wurde…

Ich erinnere mich, dass es schon in den letzten Jahren vor der Wende hier in der Stadt jugendliche Nazi-Fans gab: Zum Führergeburtstag, am 20. April, veranstalteten sie private Saufpartys und zeigten spätabends besoffen am Fenster den Hitlergruss. Auch das gehört zur Wahrheit, denke ich, und dass auch das etwas mit dem Aufstieg der AfD zu tun hat.

 

VI. VIP, Freiheit, Feigheit

 

 

 

Über die Strasse Am Stadtfeld und die Friedrichstrasse (früher: Leninstrasse) laufe ich ins alte Stadtzentrum von Schönebeck, das hinter dem Bahnbrückental beginnt. Die Salzer Strasse war früher die Haupteinkaufsstrasse der Stadt. Jetzt finde ich entlang dieser Strasse fast nur noch Ad-hoc-Läden, die ihre Produkte und Dienstleistungen mit Wörtern wie «Mega», «Super», «XXL» oder «im US-Style» anpreisen. Wer in Kleinstädten wie Schönebeck wahrgenommen werden will, muss irgendwie over the top gehen. Ich biege rechts ab in die Republikstrasse, weil ich das Schild «VIP-Kiosk» sehe. Ich hoffe, dass ich da einen Kaffee bekommen kann, um mich aufzuwärmen, aber der Laden ist geschlossen.     

Ein paar Schritte weiter stosse ich dafür auf die Freiheit, oder zumindest auf die Sehnsucht nach Freiheit – gesprayt an eine ruinöse Hauswand in der Republikstrasse.

 

 

Wann wurde die Freiheit hier hingesprayt? Was mag die Forderung konkret bedeuten? Steht sie hier erst seit kurzem? Wurde sie von den Freiheits-Fans der AfD vor der letzten Bundestagswahl an die Wand geschrieben? Oder wacht die Freiheit hier schon seit der Corona-Zeit? Oder bereits seit der Wende 1989/90? – Aus der Zeit vor dem Mauerfall kann die Parole jedenfalls nicht stammen, denn die DDR-Staatssicherheit hätte diese Art Freiheit innerhalb kürzester Zeit von der Wand entfernt und der Sprayer wäre garantiert im Zuchthaus Bautzen gelandet. Apropos Staatssicherheit: Wer auf der Republikstrasse hundert Meter stadtauswärts läuft und dann links in die Hermannstrasse abbiegt, gelangt nach wenigen Schritten auf die Böttcherstrasse. Dort, in der Hausnummer 3a, befand sich zu DDR-Zeiten die Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit.

 

 

Ich stehe vor dem Gebäude, in dem sich heute ein Gewerbebetrieb befindet, und versuche, dieser einen Situation von damals in mir nachzuspüren: Ich muss 17 oder vielleicht gerade 18 Jahre alt gewesen sein und ging in die 11. oder 12. Klasse, als im Briefkasten meiner Eltern plötzlich ein grauer Briefumschlag lag – adressiert nur mit meinem Namen, ohne Anschrift, ohne Briefmarke, ohne Absender. Als ich den Umschlag öffnete, stand darin nur, ich möge an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Uhrzeit in der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit in der Böttcherstrasse erscheinen. Angst stieg in meinem Körper auf und ich versuchte mich zu beruhigen, indem ich mir einredete, dass ich doch nichts wirklich Staatsfeindliches getan hatte in meinem bisherigen Leben, ausser so eine kleine harmlose Umweltgruppe gegründet zu haben, mit etwas zu auffälligen Haaren und Klamotten durch die Stadt gelaufen zu sein oder vielleicht auch nur die falschen Leute zu kennen oder die falschen Sachen mit ihnen besprochen zu haben.

Als ich am angewiesenen Tag zur angewiesenen Uhrzeit an der Tür der Kreisdienststelle klingelte, wurde ich in ein dunkel getöntes Zimmer geführt. Ein Mitarbeiter begann ein unverfängliches Gespräch – darüber, was ich denn mal werden wolle – und irgendwann fragte er mich, ob ich mir nicht vorstellen könne, für das Ministerium für Staatssicherheit ein Studium anzutreten. Und ich weiss noch, wie sich mir in diesem Augenblick der Magen verkrampfte und das Herz zu rasen begann und mich Panik ergriff, wie ich aus diesem Gespräch hier je heil wieder rauskommen konnte, denn für die Stasi studieren wollte ich auf keinen Fall. – Schon das Haus und das Gespräch hier machten mir Angst, wie es fast allen Leuten in der DDR Angst gemacht hätte, hier vorgeladen zu sein! Aber das sagte ich dem Stasi-Mitarbeiter so nicht – denn ich war natürlich feige. Stattdessen versuchte ich, mich herauszureden: dass ich ja seit meiner Kindheit literarisch schreiben würde und dass es beim Schreiben immer um die Wahrheit ginge und dass ich mich deshalb einfach nicht verstellen könne und dass ich auch schon als Kind kein Geheimnis für mich behalten konnte, was meine Eltern bezeugen könnten…  – Die genauen Sätze, die ich als Antwort damals haspelte, sind mir nicht mehr gegenwärtig, was mir aber plötzlich wieder körperlich total gegenwärtig ist, während ich jetzt, im Jahr 2026, vor dieser ehemaligen Stasi-Dienststelle stehe, ist mein Panikgefühl, denn ich wusste damals innerlich, dass dieses Anwerbe-Gespräch über mein weiteres Leben entscheiden würde – so oder so: Mitspielen – oder eben Nicht-Mitspielen und Mich-Herauswinden. Und zwar: Mich-so-Herauswinden, dass ich danach nicht für immer von der Stasi auf die Liste der potentiellen Feinde des Sozialismus gesetzt wurde, denen ein Studium in der DDR verwehrt bleiben würde.

Als ich vor ein paar Jahren die Autobiographie von Wolf Biermann las und auf die Stelle stiess, in der Biermann beschreibt, wie er selber als Jugendlicher von der Stasi in die örtliche Kreisdienststelle vorgeladen wurde, um ihn zur Mitarbeit zu pressen, hatte ich mich schon einmal an meine Vorladung in die Schönebecker Kreisdienststelle des MfS erinnert, aber jetzt, direkt am Ort des Geschehens rückt alles noch einmal viel dichter an mich heran… Das Gespräch muss irgendwann im Jahr 1984 stattgefunden haben, fällt mir jetzt auf, während ich zurückrechne – also genau in dem Jahr, für das George Orwell seine totalitäre Dystopie «1984» antizipiert hatte…

Die DDR war das Land der Feigheit. Bei Jürgen Fuchs (z.B. in «Ende einer Feigheit») ist das alles hautnah nachzulesen und wer das tut, wird sich keine Illusionen mehr machen über die totalitären Praktiken der herrschenden Staatsideologie und über den tiefen Militarismus des Landes. Und die Stunde meiner Feigheit schlug, als mich die Kaderleiterin der Magdeburger Bezirkszeitung «Volksstimme» ebenfalls mit 17 oder 18 erpresste, sie würde mir den Weg zum Studienplatz der Journalistik versperren, wenn ich nicht drei Jahre zur Armee gehen würde. Diese Erpressung war ein Schock für mich, sie war und ist bis heute ein Schock für mich. Und sie ist meine tiefste Ost-Wunde, denn aus provinzieller Dummheit und Feigheit habe ich mich dann tatsächlich später bei der Musterung auf dem Wehrkreiskommando Schönebeck zu den drei Jahren Wehrdienst pressen lassen… Dafür hasste ich diese Frau, dafür hasste ich die dummdreisten Musterungsoffiziere, dafür hasste ich meinen Vater, dafür hasste ich Erik Neutsch und meine sämtlichen Schönebecker Lehrer:innen, dafür hasste ich dieses ganze militaristische Land DDR, in dem ich aufgewachsen war, und dafür hasste ich vor allem auch mich selbst und besoff mich das ganze letzte Abiturjahr hindurch fast jeden Abend und oft schon tagsüber.

 

VII. Blaue Zukunft?

 

 

 

Nach dem Erinnerungsschock in der Böttcherstrasse durchquere ich ein paar Schönebecker Altstadtgassen. Und dann liegt sie vor mir: die blau leuchtende Elbe – der Fluss meiner Kindheit! – Ein Fluss, der damals, in den 1970er und 1980er Jahren nach Phenol und anderen Chemikalien stank und von den Abwässern der sozialistischen Wirtschaft vergiftet war. Dies war einer der Gründe, warum ein paar Freunde und ich Mitte der 80er Jahre in Schönebeck eine kleine, allzu zahme Umweltgruppe gründeten.

Nach der Wende – mit dem Niedergang der ostdeutschen Chemieindustrie – verbesserte sich die Wasserqualität schlagartig. Am Ufer wurde eine kleine Promenade errichtet, darauf eine grosse Metallskulptur namens «Salzblume», und es gibt das Ausflugsschiff «Marco Polo». Auf dem gegenüberliegenden Ufer der Elbe beginnen Auenwiesen, dahinter gibt es kleine Wälder, eingemeindete Dörfer und Kies-Seen zum Baden. Eigentlich ist es doch ganz schön hier in Schönebeck, denke ich plötzlich, obwohl wir vor gut 40 Jahren als Jugendliche Schönebeck für immer in «Hässlichbeck» umgetauft hatten…

Schliesslich laufe ich in einem kleinen Bogen wieder von der Elbe weg zur letzten Station meines Schönebeck-Spaziergangs:

 

 

Hier auf dem Schönebecker Marktplatz samt Marktbrunnen und Rathaus bin ich mit einem alten Schulfreund verabredet. Mit ihm bin ich einst im Alter von 16 und 17 Jahren im Sommer durch die DDR und die Tschechoslowakei bis nach Ungarn getrampt. Nach meinem Weggang aus Schönebeck hatte ich ihn lange Jahre nicht mehr gesehen. Er war hier geblieben, hatte noch zu DDR-Zeiten Werkzeugmacher gelernt und war bis zur Wende im Dieselmotorenwerk beschäftigt. Nach dessen Schliessung musste er umschulen. Jetzt arbeitet er schon lange in einem Pflegeberuf und ist zudem seit 1990 ehrenamtlich im Stadtrat von Schönebeck.   

Ich befrage ihn zu seiner aktuellen Sicht auf die Lage im Land und in der Stadt und auch zum Aufstieg der AfD. Und er antwortet nachdenklich: «Ich nehme war, dass es viele Menschen gibt, die sich abgehängt fühlen. Aber ich nehme auch wahr, dass es oft einen Widerspruch gibt zwischen der Realität und dem Empfinden der Leute. Es gibt zum Beispiel viele Rentner in der Stadt, die es sich leisten können, dreimal im Jahr in den Urlaub zu fahren oder zu fliegen, und die trotzdem extrem unzufrieden sind… Ich bin selber seit vielen Jahren regelmässig mal in Lettland, weil wir dort nach der Wende ein Hilfsprojekt gestartet haben. Wenn man in Lettland das Leben abseits der Hauptstadt in der dortigen Provinz erlebt, dann kann man besser begreifen, wie relativ gut es uns hier in Deutschland insgesamt geht.»

Meinen alten Schulfreund ärgert es, dass die AfD hier bei der letzten Stadtratswahl die meisten Stimmen bekommen hat, obwohl deren Kandidaten in der letzten Legislatur nicht durch besonders ideenreiche Stadtratsarbeit aufgefallen seien. Dass die AfD aktuell nicht die grösste Fraktion im Schönebecker Stadtparlament stellt, sei nur der Tatsache zu verdanken, dass die AfD für die Wahl nicht genug eigene Kandidaten aufgestellt bekommen hätte.

Auf meine Frage, wie man politisch den weiteren Aufstieg der AfD in Schönebeck, im Osten und im ganzen Land vielleicht stoppen könne, antwortet mein Schulfreund, dass er natürlich auch keine Patentlösungen habe. Aber vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als politischer Mensch in diesem Land und in dieser Stadt sagt er: «Was jedenfalls absolut schlecht ist – und das sage ich ausdrücklich auch als CDU-Mitglied –, ist, wenn in der Politik nicht die Wahrheit gesagt wird.»

Als er das sagt, muss ich sofort an das Pathos der Wahrheit und Ehrlichkeit denken, auf das ich schon bei Neutsch gestossen bin und das dieser in seinen Romanen mit der Mentalität der ‹einfachen Arbeiter› verbunden hat. Neutsch setzte die Ehrlichkeitsmentalität dieser einfachen Leute der aus seiner Sicht von Unehrlichkeit geprägten Mentalität der bürgerlichen Eliten und der Intellektuellen entgegen. – Und ich frage mich in diesem Moment, ob es nicht gerade die AfD ist, die die weithin spürbare Sehnsucht nach «Wahrheit» und «Ehrlichkeit» auf clevere Weise bewirtschaftet: Es ist die AfD, die sich auf rhetorisch perfide, aber durchaus erfolgreiche Weise mit dem Pathos der eigenen, vermeintlich allein auf Wahrheit und Ehrlichkeit beruhenden Parteipolitik gegenüber den «verlogenen Altparteien» und dem «verlogenen System» in Stellung bringt. – Und ich muss zugleich an die Diagnose des Soziologen Steffen Mau in Bezug auf die aktuelle ostdeutsche Mentalität denken: «Es gibt ein Verlangen danach, sich unbequemer und herausfordernder Problemlagen mit einem Befreiungsschlag zu entledigen.»

Am Ende unseres Gespräches meint mein Schulfreund mit skeptischem Blick auf die politische Zukunft: «Wenn die Blauen im Land die Macht übernehmen sollten, wird es viele geben, die in diese Partei eintreten werden. Es gab immer Karrieristen, und es wird sie immer geben. Ich habe das selbst nach 1990 erlebt: wie viele da plötzlich auch hier in Schönebeck sofort das CDU-Parteibuch haben wollten, die vor der Wende noch ganz anders geredet haben…» Nachdem wir uns voneinander verabschiedet haben, stehe ich noch einen Moment lang allein am Brunnen auf dem Schönebecker Marktplatz und bin frustriert über diese wenig hoffnungsvoll klingenden Sätze meines alten Schulfreundes.

Bevor ich nach Leipzig zurückfahre, sollte ich vielleicht erst einmal noch etwas essen, denke ich. Das einzige Lokal, das es hier am Markt gibt, ist ein vietnamesisches Restaurant. Das Ambiente ist beruhigend, das Essen gut und die Bedienung freundlich. Meine Stimmung hellt sich auf. Durch ein Gespräch am Nachbartisch erfahre ich, dass das Restaurant hier erst vor einem Monat neu eröffnet hat. Nach dem Bezahlen der Rechnung komme ich mit dem Restaurantchef ins Gespräch. Tatsächlich ist er mit seiner Familie erst vor kurzem von Berlin aus hier nach Schönebeck gezogen. Auf meine Frage, welche drei Wörter ihm jetzt nach seiner ersten Zeit  hier in dieser Stadt zu Schönebeck einfallen, hält er kurz inne. «Drei Wörter? – … ruhigfreundlich…» und nach einer längeren Pause fügt er zögernd und mit einem leichten Lächeln hinzu: «schön!».

Natürlich bin ich überrascht und beeindruckt von seiner Schönebeck-Wahrnehmung. Ist sie doch fast das Gegenteil meiner eigenen – von der Pubertät geprägten – Erinnerung an diese Stadt, die im oben zitierten «Grau-Grau-Grau»-Schönebeck-Gedicht zum Ausdruck kam. Und ich bin auch beeindruckt vom Mut dieser vietnamesisch-stämmigen Familie, bei den gegenwärtigen Wahlprognosen für den Osten von Berlin weg und hierherzuziehen. Ich wünsche ihm von Herzen, dass seine positive Einstellung zu Schönebeck so bleiben möge, auch wenn in dieser Stadt in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht wirklich die Blauen gegenüber im Rathaus den Bürgermeister stellen sollten und die rassistische AfD Sachsen-Anhalt regiert… Aber das sag ich ihm so natürlich nicht, sondern danke ihm für die schönen drei Wörter und verlasse das Lokal.

Auf dem Weg zum Bahnhof denke ich daran, dass es in den 1980er Jahren viele vietnamesische Vertragsarbeiter in Schönebeck gegeben hat, die in den volkseigenen Betrieben oft solche Jobs machten, an deren Ausübung sonst niemand Interesse hatte. Ein Teil meiner Schulkameraden nannten diese Vietnamesen verächtlich  «Fidschis», einfach, weil das normal war damals in Schönebeck, und weil auch ihre Eltern und Grosseltern die Vietnamesen so nannten – und das alles gefühlt schon seit Kaisers oder spätestens seit Hitlers Zeiten.

Bei uns zu Hause dagegen wurden die Vietnamesen nie «Fidschis» genannt – weder von meiner Mutter, die Flüchtlingskind war und die Ausgrenzung selber als Kind bedrückend erfahren hatte, noch von meinem Vater. Mein Vater war als Kommunist auch tief im Herzen Internationalist und gegen jeden Rassismus. Und diese Haltung hat er uns Kindern vererbt. Wie tief seine Abneigung gegen den Rassismus reichte und wie anders als die ‹normalen› Schönebecker er in diesem Punkt auch noch in der Zeit der sogenannten ‹Flüchtlingskrise› tickte, verdeutlichte eine Begebenheit aus dem Jahr 2017: Damals hatte mein Vater schon die Diagnose Demenz. Die Krankheit drückte sich u.a. darin aus, dass er nicht nur vieles vergass, sondern jetzt in Alltagssituation auch viel impulsiver und ungebremster reagierte, wenn ihm etwas nicht gefiel und darin, dass er seine Meinungen viel weniger zurückhielt. Als mein Vater zusammen mit meiner Mutter 2016 zum letzten Mal der Mitgliederversammlung der Kleingartensparte «Diana» beiwohnte – jener Gartenanlage, in der mein Vater seit über 40 Jahren seinen Garten und viele Gartenfreunde hatte und lange Zeit sogar Kassierer der Anlage gewesen war –, stellte der Gartenvorstand einen Beschluss zur Abstimmung: Trotz der Tatsache, dass inzwischen viele Gärten der Anlage mangels Interessenten leer standen, sollte die Mitgliederversammlung beschliessen, dass die Kleingärten nicht an ausländische Geflüchtete verpachtet werden dürften. Für meinen Vater war es ein Schock, dass bei der Abstimmung fast alle Anwesenden zustimmten. Nur er, meine Mutter und noch eine dritte Person im Raum brachten es wenigstens fertig, sich bei der Abstimmung offiziell zu enthalten. Auf dem Rückweg von der Gartenversammlung nach Hause in den Neubaublock hatte mein Vater dann innerlich noch immer völlig aufgewühlt und verwirrt zu meiner Mutter gesagt: «Das sind ja alles Rassisten!»

 

 

Danke für deine Aufmerksamkeit. Das Feuilleton F. kannst du per Paypal, per Banküberweisung oder per Patreon unterstützen, wo du künstlerische die Evolution der fünfzeiler in Text, Ton und Bild mitverfolgen kannst.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert