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Schönebeck: Die Stadt von Erik Neutsch und mir (Teil I)

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Mit den Romanen des Schönebecker Schriftstellers Erik Neutsch im Handgepäck und Didier Eribons «Rückkehr nach Reims» im Kopf reist Rainer Totzke, inzwischen Schriftsteller in Leipzig, zurück in seine Herkunftsstadt. Auf einem Spaziergang zu den Orten seines früheren Lebens spürt er dem Schreiben in und von einer ostdeutschen Kleinstadt nach – in der unerschütterlichen Hoffnung, die Wahrheit über Schönebeck und sich selbst zu sagen.

 

von Rainer Totzke / Kurt Mondaugen

 

I: Rückkehr

 

 

 

Schönebeck

Sich wirklich aussöhnen mit Schönebeck
Der Stadt meiner Kindheit
Der Stadt der Kampfgruppen und Sprengstoffwerker
Chemie Schönebeck
Der Stadt der Explosionen und
komponierten Feuerwerke hinter der Elbe
zum Tag der Republik
Wir standen da und staunten als Kinder in
Der Stadt der aufgeregten Mütter und Ehefrauen
die alle Telefonleitungen belegten zum Betrieb hoch
wenn es tagsüber plötzlich rumste
hier in Schönebeck ausser der Reihe
in der Stadt der Betriebsgeheimnisse
mit denen ich mich wirklich auszusöhnen versuche
wie mit den Geheimen Verschlusssachen von damals
Hier wurde er zusammengemischt – der Sprengstoff
für den ostdeutschen Bergbau
und für die Minen im Todesstreifen auch
dafür haben wir gelebt
sagt mein Vater
dafür haben wir uns auseinandergelebt
mit uns selbst damals
genau dafür
war Schönebeck
bis heute
Ich komme von hier!

(Kurt Mondaugen, 2011)

 

 

Hier, in diesem Fünfgeschosser in der Schönebecker Plattenbausiedlung Malzmühlenfeld – und später in einem Zehngeschosser in der Plattenbausiedlung Leninstrasse Süd – verbrachte ich in den 70er und 80er Jahren meine kommunistische Kindheit und Jugend. Jetzt, Anfang 2026, stehe ich nach langer Zeit wieder vor diesem WBS-70-Wohnblock in der Strasse «Am Malzmühlenfeld», die heute nicht mehr nach dem einstigen Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl, benannt ist.

Ich bin von Leipzig aus, wo ich schon seit fast 40 Jahren lebe, die gut hundert Kilometer hierhergereist, um im Rahmen der Arbeit an einem journalistischen Artikel noch einmal meinen Erinnerungen und meinen Gefühlen zu dieser Stadt nachzugehen. Sind es noch dieselben Gefühle, die ich vor 15 Jahren hatte, als ich schon einmal hierher zurückgekehrt war, weil ich damals für einen überschaubaren Zeitraum einen Halbtagsjob im nahegelegenen Magdeburg bekommen hatte und deshalb regelmässig zwei Tage die Woche wieder bei meinen Eltern im fast unverändert gebliebenen Kinderzimmer aus DDR-Zeiten übernachtete? Schon am ersten Abend meiner Rückkehr schrieb ich wie im Affekt dieses «Schönebeck»-Gedicht. Und ich frage mich heute: Was war dieses Gedicht? – Notwehr? Widerstand? Projektion?

2011 war die Wende erst gut 20 Jahre her. In der einstigen Industriearbeiterstadt Schönebeck gab es nach der Schliessung der grossen DDR-Betriebe eine höhere Arbeitslosigkeit als heute. Was es noch nicht gab, war die AFD. Und es gab auch noch keine Wahlergebnisse von 39,2 Prozent für diese AFD – wie zuletzt bei der Bundestagswahl 2025. Und im Jahr 2011 stand das Bundesland Sachsen-Anhalt, zu dem Schönebeck gehört, auch noch nicht kurz vor der Wahl eines rechtsextremistischen Ministerpräsidenten (wie es die Umfrageergebnisse für die im September 2026 bevorstehende Landtagswahl erwarten lassen). Das demokratische Arrangement in dieser Stadt und in diesem Bundesland und in Deutschland überhaupt war noch nicht akut bedroht.

Das alles ist jetzt anders! Und deshalb bin ich heute hierhergefahren – innerlich unruhig, diffus und auf der Suche…

Zur Vorbereitung habe ich noch einmal das Buch «Rückkehr nach Reims» (2009) von Didier Eribon gelesen. Der französische Philosoph beschreibt, wie er nach langen Jahren in der Metropole Paris in die Stadt seiner Kindheit zurückkehrt: in die Stadt seiner komplizierten, von Homophabie, Fremdenhass und Klassismus geprägten Kindheit im kommunistischen Arbeitermilieu von Reims – einer Stadt, die inzwischen von Arbeitslosigkeit und dem Erstarken des rechtsextreme Front National geprägt ist.

Und ich habe auch Steffen Maus «Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt» (2024) gelesen. Der ostdeutsche Soziologe erforscht darin die Ursachen von Demokratieverdrossenheit, Ostalgie und Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern. Mit meiner Schönebeck-Reise möchte ich am eigenen Leib erfahren, wie sich das von Mau diagnostizierte «Anders-Bleiben des Ostens» gerade in der ostdeutschen Provinz anfühlt. Wie äussern und aus welchen Quellen speisen sich Rechtsruck und Demokratieverdrossenheit in der Stadt meiner eigenen Kindheit und Jugend? Wie denken die Menschen hier selbst darüber? Kann die Befragung meiner eigenen Biographie und meiner eigenen Schönebecker Prägung mir helfen, alles, was hier und heute gesellschaftlich der Fall ist, tiefer und in all seiner Ambivalenz zu verstehen?

Während ich vor meinem Wohnblock stehe, erinnere ich mich an die zufällige Begegnung mit einem alten Schönebecker Schulkameraden in der Kassenschlange meines Leipziger Kiez-Konsums. Als Kind hatte er mit mir im selben Block gelebt. Wir hatten uns schon mal Jahre zuvor ebenfalls zufällig in Leipzig getroffen, und deshalb wusste ich von ihm, dass er auch von Schönebeck weggegangen und Opernsänger geworden war. Als ich ihn nun in diesem Small-Talk-Gespräch in der Kassenschlange völlig ahnungslos fragte, ob er denn noch ab und zu mal zu Besuch in Schönebeck wäre, platzte es wie eine Explosion aus ihm heraus: «Ich werde in meinem Leben nie wieder nach Schönebeck fahren. Schönebeck ist für mich das absolut Letzte!» – Und «das absolut Letzte!» schrie er fast, oder jedenfalls kam es mir so vor, denn die Leute um uns herum und die Kassiererin starrten uns erschrocken an. Erst jetzt, während ich hier vor unserem alten Block stehe, blitzt plötzlich die Erinnerung in mir auf, dass dieser Mitschüler hier in der Kindheit von einigen gleichaltrigen – und wegen ihrer Gewaltausbrüche gefürchteten – Jungs aus dem Block gemobbt worden war. Und er war deshalb gemobbt worden, weil er anders gewesen war: weil er nie mit Fussball gespielt hatte, nicht mal als Torwart, sondern stattdessen mit Mädchen «Mädchen-Sachen» gemacht hatte.

Und dann muss ich daran denken, was mir eine gleichaltrige, auch aus Schönebeck stammende Leipziger Freundin, die nach der Schule ebenfalls für immer von dort weggegangen war, vor ein paar Tagen am Telefon sagte, als ich ihr von meinem bevorstehenden Schönebeck-Trip und von meinen diffusen Gefühlen dazu berichtete: «Ich bin froh, dass das Schicksal mich mit dem Studium rausgetragen hat aus dieser Stadt. Ich verbinde Schönebeck mit dem, was man eine kleinbürgerliche Welt nennt. Ich habe auch gar keinen Kontakt mehr zu meinen Freundinnen von damals und ich vermeide es auch, in Schönebeck zu sein… – so gut ich kann jedenfalls, obwohl ja ein Teil meiner Familie da noch wohnt.»

Und während ich nun hier vor meinem alten Wohnblock stehe, denke ich an das Schönebeck-Gedicht von 2011: «auseinandergelebt» heisst es dort. Habe auch ich mich auseinandergelebt mit dieser Stadt? Und wann genau hat das Auseinanderleben begonnen? Begann es vielleicht schon tief in meiner Kindheit und von Anfang an? – Und was von diesem Auseinanderleben-Gefühl hatte und hat damit zu tun, dass Schönebeck eine Arbeiterstadt war und ist? Was davon hatte und hat mit der Provinz und den «kleinen Leuten» zu tun, die hier leben und sich auch so empfinden? Was mit der «kleinbürgerlichen Welt» von Provinzstädten? Und was mit dem Kommunismus, mit der konkreten Zeit der DDR, in der ich meine Jugend verbrachte? Was davon hatte damals mit den üblichen Abgründen und Wirrungen der Pubertät zu tun, die alle Menschen auf der Welt, egal ob in Ost oder West, durchleben? Und was an meinem Auseinanderleben mit Schönebeck ist einfach meiner zufälligen Familienbiographie und der Kontingenz des Lebens geschuldet?

Hier stehe ich also mit all meinen Fragen und blicke in die Kamera.

 

II: POS «Wladimir Komarow»

 

 

Wenn ich als Kind vor unserem Wohnblock stand, konnte ich hinüber auf meine Schule blicken. Die zehnklassige POS (Polytechnische Oberschule) «Wladimir Komarow» trug den Namen eines verunglückten russischen Kosmonauten. Sie wurde vor einigen Jahren komplett abgerissen. Es gab einfach immer weniger Kinder in der schrumpfenden Stadt. Stattdessen blicke ich heute auf einen Gebäudekomplex für altersgerechtes Wohnen. Und ich frage mich, ob da drin jetzt vielleicht auch eine:r meiner inzwischen berenteten Lehrer:innen von damals wohnt. Ich halluziniere mich genau an diese Stelle, wo jetzt das vorderste Wohngebäude der Anlage steht – genau dorthin, wo vor knapp 50 Jahren noch die Aula meiner Schule stand. Auf der Bühne dieser Aula trug ich damals, 1976, im Alter von 10 Jahren zum «Fest der Jungen Talente» oder zum «Jahrestag der Oktoberrevolution», mit blauem oder rotem Pionierhalstuch inbrünstig ein selbstverfasstes Gedicht vor. Alle im Saal – Kinder und Lehrer:innen – klatschten oder mussten klatschen. Vielleicht war ein sowjetischer Offizier von der örtlichen Kaserne als Ehrengast im Publikum. Vielleicht sprach er Deutsch und verstand alles, was ich sagte, und klatschte deshalb (oder musste klatschen). Und vielleicht hiess dieser Offizier sogar Wladimir Putin, halluziniere ich – aber dann ergibt meine Internetrecherche auf dem Handy, dass das mit Putin nicht stimmen kann, denn der war erst Ende der 80er Jahre als KGB-Offizier in der DDR stationiert.

Niemand warnte mich damals vor solchen Gedichten – weder die Lehrer:innen, die uns, dem Lehrplan folgend, wieder und wieder mit Kommunismus-glorifizierender Literatur abrichteten, noch mein Vater, der damals in den 70ern selbst noch irgendwie an «die grosse Sache» glaubte und als Planungsökonom im Sprengstoffwerk auf seine Weise am Aufbau dieses Kommunismus mitarbeitete. Warum hatte ich dieses Sowjetunion-Gedicht geschrieben? Mein eigentliches Hobby seit der 2. Klasse war das Schreiben und Bebildern von Abenteuergeschichten. Aber zu den hohen Feiertagen der kommunistischen Idee verfasste ich tatsächlich regelmässig tiefgläubige Gebrauchslyrik – wechselweise zum Lobpreis der Sowjetunion oder der DDR oder der Pionierorganisation. Tat ich es, weil es von mir erwartet wurde oder weil ich es selbst wollte? – Und wie bin ich da eigentlich rausgekommen aus der Nummer, frage ich mich.

Während ich noch immer auf die verschwundene Schulaula von damals starre, fällt mir einer meiner Mitschüler ein, der mit neun oder zehn Jahren mein bester Freund geworden war: Er war der einzige Junge in der Klasse, der den ganzen Zirkus mit der sozialistischen Pionierorganisation und später mit der FDJ nicht mitmachte, weil er gläubiger Christ war und weil seine Eltern gläubige Christen waren … Durch diesen Freund erhielt ich Einblick in eine andere Weltsicht und bekam einen ersten Zugang zu Kirchenkreisen. In diesen sprachen die Menschen ganz anders über die DDR als in der Schule.

Dann gab es da noch Westfernsehen und Westradio: Dort wurden nicht nur ganz andere Sachen gesagt, die Leute sahen auch ganz anders aus und es wurden auch ganz andere Waren beworben als im DDR-Rundfunk. In der Pubertät traten von dort aus dann plötzlich auch ganz andere Stars in mein Leben als Lenin und Marx und Monika Herz und Frank Schöbel: erst AC/DC, dann Rio Reiser, Udo Lindenberg und Ideal. Und irgendwann schaute ich regelmässig freitagabends die NDR-Talkshow, bei der immer mal wieder ausgebürgerte und ausgereiste DDR-Künstler – wie Wolf Biermann, Manfred Krug und Stefan Diestelmann – frei über ihr ehemaliges Land redeten, in dem sie mich zurückgelassen hatten.

Aber auch die Schönebecker Kneipen, die ich ab dem Alter von 16 Jahren immer häufiger aufsuchte, sozialisierten mich politisch nach: Hier schallte spätestens nach dem zweiten Bier der allgemeine DDR-Frust der «kleinen Leute» gedämpft oder ungedämpft durch den Raum.

Und dann gab es da noch einen weiteren Ort, der mir half, aus der Narkose meiner kommunistischen Sozialisation zu erwachen: der Zirkel schreibender Arbeiter

 

III: Zirkel schreibender Arbeiter

 

 

 

Von meiner Schule aus sind es nur ein paar hundert Meter zur Schönebecker Kreisbibliothek am Rande des Malzmühlenfeldes. Ich laufe den Weg dorthin wie damals, in meiner Kindheit, und stehe fünf Minten später vor der sanierten Fassade. – Hier in dieser Bibliothek lernte ich die Welt kennen, denke ich für einen Augenblick etwas zu pathetisch und erinnere mich an die Hunderten von Büchern, die ich ab der zweiten bis zur zwölften Klasse auslieh und verschlang. Und in dieser Bibliothek wurde ich – es muss am Anfang der Pubertät gewesen sein – Mitglied im Zirkel schreibender Arbeiter des Traktorenwerkes Schönebeck. Vierzehntäglich montags- oder dienstagsabends trafen sich in der Bibliothek knapp zwei Handvoll Schönebecker aller Altersgruppen, die auf irgendeine Art und Weise literarisch schrieben oder zu schreiben versuchten: Schüler:innen, Studierende, Arbeiter:innen, Angestellte, Rentner:innen, ein Betriebszeitungsredakteur… Ein Magdeburger Schriftsteller, der jedes Mal mit der S-Bahn anreiste, leitete den Zirkel an. Solche Zirkel schreibender Arbeiter waren ab Mitte der 60er Jahre – von der SED befördert – in der ganzen DDR aus dem Boden gestampft worden. Nominell waren sie meist an die staatlichen Betriebe gebunden und sollten entsprechend der Ideen des «Bitterfelder Weges» vor allem Arbeiter:innen animieren, selbst Literatur (über den «sozialistischen Alltag») zu schreiben. Und sie sollten die Möglichkeit bieten, Gleichgesinnte zu finden, um sich über die eigenen Texte auszutauschen.

Eine Freundin, die zeitgleich mit mir Anfang der 80er Jahre den Zirkel schreibender Arbeiter besuchte, hat mir vor ein paar Tagen am Telefon auf meine Frage, was der Zirkel für sie bedeutet habe, geantwortet: «In der Enge Schönebecks war der Zirkel schreibender Arbeiter ein Raum, wo ich Wertschätzung erfahren habe – nicht nur für mein Schreiben. Der Zirkel hat mir, als ich in der 9. Klasse dazukam, neue Perspektiven gegeben. Das lag an den so unterschiedlichen Leuten – von jung bis alt, die hier in ihrer je eigenen Textform ihre Lebensgeschichten einbrachten. Und das lag an den jungen Männern, denen ich hier begegnete und die zum Teil schon im nahegelegenen Magdeburg studierten und mir den Zugang zu mir damals völlig unbekannte Autoren eröffneten – der Name Hölderlin zum Beispiel war mir vorher einfach nicht bekannt.»

Auch für mich war der Zirkel in der Pubertät ein Ort der literarischen Anregung. Dort hörte ich das erste Mal von Kafka und Orwell. Aber es war auch ein Ort der politischen Debatte, wo – für DDR-Verhältnisse – ziemlich offen miteinander diskutiert und gestritten wurde, und das, obwohl mir ein wenige Jahre älterer Student schon mit 16 oder 17 hinter vorgehaltener Hand sagte, dass der Zirkel von der Staatssicherheit überwacht werde – was, wie wenige Jahre später nach dem Mauerfall und der Öffnung der Stasi-Akten bekannt wurde, tatsächlich bei vielen Zirkeln schreibender Arbeiter in der DDR der Fall gewesen ist. Trotzdem war der Schönebecker Zirkel auch ein Raum der Emanzipation: Ein Zirkelmitglied, das Anfang oder Mitte 20 gewesen sein muss und den Zirkel verliess, kurz nachdem ich hinzukam, hatte damals in einer kleinen Anthologie ein Gedicht veröffentlicht, das mich mit meinen 14 Jahren aufwühlte. Es trug den Titel «Das Narrenschiff» und bezog sich in seiner Metaphorik ziemlich eindeutig auf die Zustände in der DDR. Ich bewunderte von Ferne seinen Mut, wenngleich ich noch nicht alles verstand.

Selbst schrieb ich dort mit 14, 15 und 16 meist ziemlich trostlose Sachen – darunter auch ein Schönebeck-Gedicht, das ich vor ein paar Tagen in einer alten Zettelmappe zu Hause wiederfand:

 

 

IV: Erik Neutsch

 

 

«Die Stadt Graubrücken liegt in einem Bogen der mittleren Elbe. Im Norden und Osten wird sie von dem grau und träge dahinfliessenden Fluss begrenzt, dessen tückische Hochwasser allerdings früher nicht selten die Deiche zerbrachen und die Wiesen und Wälder an den Ufern überschwemmten. Hier erreicht man die Stadt nur über eine Brücke. Auf ihrer Landseite hingegen, die sich bis zu den kahlen Hügeln am Ende des einstigen Urstromtales erstreckt, besitzt sie, auch für das Auge ungehinderten Zugang von allen Seiten.» (Erik Neutsch: «Der Frieden im Osten»)

Mit diesen Worten beginnt das erste Buch des Romanzyklus‘ «Der Friede im Osten» von Erik Neutsch – dem einzigen bekannten Schriftsteller, den meine Heimatstadt Schönebeck hervorgebracht hat. Weil ich bei der Vorbereitung für meine Schönebeck-Reise im Internet auf die Nachricht gestossen bin, dass die Stadt 2021 zwar keine Strasse, aber zumindest einen Fussweg nach dem Schriftsteller benannt hat, hatte ich das Gefühl, ich müsse auch dieses Buch noch einmal lesen. Als ich das Buch zum ersten Mal las, muss ich etwa 14 gewesen sein. Und ich tat es, weil ich beim Zirkel schreibender Arbeiter gehört hatte, dass dieses Buch etwas mit Schönebeck zu tun habe –, und weil das Buch bei meinen Eltern im Regal stand. Tatsächlich spielt die Handlung von Neutschs Buch hauptsächlich in Schönebeck. Die Stadt, die im Roman den Namen Graubrücken trägt, war zumindest bei Erscheinen des ersten Bandes 1974 noch für jeden Schönebecker in fast allen Details und Handlungsorten wiederzuerkennen – und ist es zum Teil bis heute. Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei befreundete Jugendliche aus dem Graubrückener Arbeitermilieu, die noch im April 1945 als 14- bzw. 15-jährige im letzten Volkssturm-Aufgebot einen Graubrückener Vorort vor den heranrückenden amerikanischen Panzern verteidigen sollen und wollen. Während einige ihrer Klassenkameraden dabei sterben, überleben die beiden Freunde. In diesem autobiographisch gefärbten Roman erzählt Neutsch die Coming-of-Age-Geschichte der beiden Hauptfiguren – und deren Wandlung von fanatischen Nazi-Anhängern zu überzeugten Jungkommunisten. Zugleich ist der Roman eine Darstellung der gravierenden sozialen und politischen Umwälzungen in den ersten fünf Nachkriegsjahren – in einer Stadt, die nach dem Abrücken der Amerikaner ab Juli 1945 Teil der sowjetischen Besatzungszone geworden ist.

Bei meiner ersten Lektüre damals mit 14 habe ich das Buch verschlungen – und auch dieses Mal verschlinge ich es, wenngleich mit Widerwillen. Und genau diesem gegenläufigen Gefühl, diesem widerwilligen Verschlingen des Romans, versuche ich jetzt hier in Schönebeck in Gedanken auf die Spur zu kommen, während ich von der Bibliothek aus in Richtung Erik-Neutsch-Weg laufe…

Neutschs Roman beschreibt nicht nur die Erlebnisse der Protagonisten packend und genau. Er stellt auch deutlich vor Augen, was heute Klassismus heisst: die Herablassung, mit der – völlig ungebrochen durch die Erfahrungen der Nazi-Zeit und des Zweiten Weltkriegs – ein Grossteil des Schönebecker Besitz- und Bildungsbürgertums die Arbeiter behandelte. Die Darstellungen des Romans sind dabei – sowohl in den Äusserungen und Gedanken der Hauptfiguren als auch im Plot und in den gelegentlichen Kommentaren des allwissenden Erzählers – geprägt von den antifaschistischen und zugleich leninistischen Grundüberzeugungen von Neutsch. Geprägt ist der Roman aber auch von einem ausgestellten Pathos der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit – beides Eigenschaften, die Neutsch mit dem Arbeitermilieu und insbesondere mit den Kommunisten assoziiert. Dieses Pathos trägt der Roman in ungebrochener Weise vor sich her. Zugleich grundiert Neutsch seinen Roman mit einem klassenkämpferischen Appell, der auf ein einfaches Schwarz oder Weiss, auf ein «wir oder sie» hinausläuft, und erwähnt Lenins «Staat und Revolution» als Referenz ausdrücklich. Genau das ist es wohl, was bei mir diesen Widerwillen auslöst: Der Roman lässt in seiner Darstellung keine Zweifel zu in Bezug auf den Kommunismus sowjetischer Prägung und auf die herrschende kommunistische Parteilinie in der DDR. Neutsch schrieb den ersten Band seines Romans in einer Zeit (Anfang der 70er Jahre), in der viele andere DDR-Schriftsteller der «Aufbau-Generation» mit ihren sozialistischen Überzeugungen bereits in einer Krise steckten – spätestens, seit die Sowjetunion 1968 den Prager Frühling blutig niedergeschlagen hatte. Von einer solchen Krise spürte ich beim Wieder-Lesen von «Der Friede im Osten» jedoch nichts…

Von der Schillerstrasse kommend erreiche ich jetzt den Erik-Neutsch-Weg. Ich fotografiere das zu Ehren des Schriftstellers aufgestellte Wegschild und nehme zu meiner Überraschung im Hintergrund das Gebäude der ehemaligen Kreis-Parteizentrale der SED wahr. Diese war 1989/90 Ziel der Schönebecker Montagsdemonstrationen. Es scheint fast so, als würde der Erik-Neutsch-Weg genau darauf zulaufen. – Und ich stelle mir noch einmal die Frage: Wer war dieser Erik Neutsch? Wer war er für die DDR, wer war er für die Schönebecker und wer war er für mich?

Neutsch war einer der bekanntesten Autoren der DDR. Nach seinem in Schönebeck abgelegten Abitur hatte er in Leipzig Journalistik und Gesellschaftswissenschaften studiert, war dann als Journalist zur SED-Bezirkszeitung nach Halle gegangen, bevor er sich schliesslich als Schriftsteller selbständig machte. Sein erster und erfolgreichster Roman «Spur der Steine», der den Alltag auf einer sozialistischen Grossbaustelle wie in Hoyerswerda schildert und für den Neutsch 1964 den DDR-Nationalpreis erhielt, erzielte eine Auflage von 500.000 Exemplaren. Die schon fertiggestellte DEFA-Verfilmung (mit Manfred Krug in der Hauptrolle) wurde dagegen 1965 von der SED-Parteiführung verboten und kam erst nach dem Mauerfall in die Kinos. Als sein Hauptwerk hat Neutsch jedoch nicht «Spur der Steine», sondern seinen Romanzyklus «Der Friede im Osten» betrachtet, dessen erste vier Bände ab 1974 nacheinander bis 1987 veröffentlicht wurden. Der bereits fertiggestellte fünfte Band sollte 1990 beim Mitteldeutschen Verlag erscheinen, aber bedingt durch den Zusammenbruch der DDR zog Neutsch das Buch kurzfristig zurück. Dieser fünfte Band kam dann erst nach seinem Tod 2014 in einer überarbeiteten und von einem befreundeten Schriftstellerkollegen finalisierten Version heraus.

Anders als die heute noch bekannten DDR-Literaten seiner Generation wie Christa Wolf oder Heiner Müller ist Neutsch– ausser in Schönebeck und vielleicht in Halle (wo er die längste Zeit seines Lebens wohnte) – weitgehend in Vergessenheit geraten. Vermutlich hat das mit den ungebrochen kommunistischen Überzeugungen zu tun, die sich in Neutschs zu DDR-Zeiten veröffentlichten Werken spiegelten. Christa Wolf und Heiner Müller schrieben spätestens ab den 70er Jahren sehr viel gebrochenere Texte, in denen sich ausdrückte, dass sie von der DDR ernüchtert waren: «Hätt’ ich gewusst, dass ich mein eignes Gefängnis bau hier, jede Wand hätt’ ich mit Dynamit geladen», heisst es provokant gegen den Mauerbau gerichtet im Drama «Der Bau» von Heiner Müller, das dieser nach Motiven von Neutschs «Spur der Steine» schrieb. Müllers Drama wurde ebenfalls 1965 verboten und konnte erst 1980 unter grossen Schwierigkeiten in der DDR aufgeführt werden. Solche Müller-Sätze sprachen in der späten DDR insbesondere vielen jüngeren Menschen aus der Seele (bzw. sie hätten ihnen aus der Seele sprechen können, wenn sie veröffentlicht worden wären).

Aber vielleicht bin ich zu ungerecht gegen Erik Neutsch, wenn ich ihn mit Christa Wolf oder Heiner Müller vergleiche? Vielleicht ist Neutsch mir auch einfach nur zu nahe? Vielleicht ist er mir zu nahe als jemand, der wie ich – und wie die beiden Hauptfiguren von «Der Friede im Osten» – seine Kindheit und Jugend in dieser Provinzstadt Schönebeck verbracht hat, um dann mit dem Studium für immer von hier wegzugehen? Vielleicht geht Neutsch mir auch deshalb zu nahe, weil mich seine aus dem einfachen Arbeitermilieu stammenden und zum Kommunismus konvertierten Romanfiguren zu stark an die Arme-Leute-Herkunft und die politischen Überzeugungen meines Vaters erinnern? Vielleicht speist sich mein Widerwille gegen den Roman und gegen dessen doktrinär-kommunistischen Duktus daher, dass ich selbst in der späten DDR von doktrinär-kommunistischen Funktionären des Staates als «intellektueller Spinner» und als «unter dem Einfluss bürgerlichen Ideologie stehend» abgestempelt und gebrandmarkt wurde?

Bin ich jetzt – natürlich alles besserwissend von hier und heute aus – nicht selbst irgendwie doktrinär mit meinen Urteilen über Neutsch und dessen Schönebeck-Roman? Und ich erinnere mich an das Telefonat mit meinem Schulfreund aus der «Komarow»-Schule, der als Christ und als FDJ- und Pionierverweigerer in der DDR wirklich etwas auszustehen hatte durch die kommunistische Schul- und Staatsdoktrin. Auf meine Frage, ob er damals zu DDR-Zeiten «Der Friede im Osten» gelesen hätte und wie er mit den kommunistischen Passagen darin umgegangen wäre, antwortete er zu meiner Überraschung: «Na klar hab’ ich das Buch damals gelesen! Das ist doch ein packender Roman, gerade für uns Schönebecker. Diese Szene zum Beispiel, in der der Held das illegal abgetriebene Kind seiner jugendlichen Freundin nachts heimlich im damals noch unbebauten Malzmühlenfeld begräbt, die hat sich mir eingebrannt… Und das ganze ideologisch-rote Zeug in dem Roman, da war ich natürlich anderer Meinung, aber da hab’ ich einfach drübergelesen damals!»

 

 

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