Torgau: Eine unscheinbar geschichtsträchtige Stadt

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Unscheinbar mögen Kleinstädte wie Torgau sein. Von der turbulenten Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert blieb dennoch kaum ein Ort verschont. Und so gelangte auch Torgau in der tiefen Provinz Sachsens zu ungeahnter Bedeutung. Vom Elbe-Day als Weltfriedenstag über den berüchtigten Jugendwerkhof der DDR bis zur Punk-Subkultur spannt sich das geistige Panorama Torgaus auf.

 

Deutschland, wo bist du?

 

Als verengte sich der Raum bis zum Verschwinden Deutschlands, trafen am 25. April 1945 die US-Armee und die Rote Armee bei Torgau zum ersten Mal im Zweiten Weltkrieg aufeinander. Joe Polowsky, der als amerikanischer Soldat bei dieser ersten Begegnung dabei gewesen war, hatte dieser Moment so beeindruckt, dass er 1983 – noch während des Kalten Kriegs – auf eigenen Wunsch hin in Torgau begraben wurde.

 

Der Fotograf Allan Jackson stellte die Begegnung für sein ikonisches Bild nach. Soldaten beider Armeen reichen sich perfekt orchestriert über die Trümmer der Elbbrücke hinweg die Hände. (Fotografie aus der Publikation «April 1945 in Torgau», Karl-Heinz Lange)

 

Verbirgt sich die Wahrheit hinter dem nachträglich arrangierten Foto, so ist Deutschland zum Zeitpunkt des Elbe Days, der bis heute in Torgau gefeiert wird, nicht verschwunden, sondern vor allem zweigeteilt. Die Kriegslage nimmt das künftige Geschehen vorweg. Deutschland wird sich nach dem Ende des Kriegs – zwar entlang anderer Linien – in einen sozialistischen und einen kapitalistischen Staat teilen.

 

Punk statt Propaganda

 

Noch vor der offiziellen Konstituierung der sozialistischen DDR 1949 sollte der Film «Begegnung an der Elbe» die neuen Frontlinien zeichnen. In vornehmer Zurückhaltung blendet die sowjetische Propaganda die russische Rolle fast vollständig aus, um mit dem Gestus wahrheitsliebender Unbestechlichkeit die dunklen Seiten der Gegner:innen ans Licht zu zerren. Die zügellosen, raffgierigen und rassistischen Amerikaner:innen erinnern an die Nazis, mit denen sie nach dem gewonnen Krieg unverfroren Geschäfte machen. Ihnen stehen die aufrichtigen, friedliebenden und geistreichen Russ:innen gegenüber. Zeitweilig hatte Deutschland – aufgeteilt in amerikanische und sowjetische Einflusszonen – als selbstbestimmter Staat tatsächlich aufgehört zu existieren. Im Schacher um Gebiete werden Sachsen und Thüringen an die Sowjetunion gehen, damit der Westen einen Fuss in Berlin haben kann. Für den kurzen Moment eines Handschlags an der Elbe jedoch gingen solche Kalküle samt Deutschland unter.

 

Dass kein Hahn mehr nach Nazi-Deutschland krähen möge, ist ein frommer Wunsch. (Screenshot aus dem Film)

 

Wie es sich mit der Wahrheit auch verhalten mag, straft die dramatische Geschichte des 20. Jahrhunderts Carl Knabes Aussage nachträglich Lügen. 1880 begann er seine «Geschichte der Stadt Torgau bis zur Zeit der Reformation» noch mit der Bemerkung, «die Geschichte einer Stadt wie Torgau» liege «weit ab von der großen Heerstraße der allgemeinen Geschichte.» Tom und ich fahren knapp hundertfünfzig Jahre später auf der Route amerikanischer Soldaten wie Polowsky von Leipzig her Richtung Torgau. Aus dem Autoradio scheppert die «Trümmerpoesie» der Punkband Pogoexpress und Sperrzone trommelt zur «Mobilmachung» gegen «den Ungeist einer längst vergangenen Zeit.»

 

Brückenkopf: «Betreten auf eigene Gefahr»

 

Die Do-It-Yourself-Kultur des Punk, Tom hat für die Fahrt eigens eine Playlist aus Torgauer Bands zusammengestellt, sollte am Ende der DDR keine geringe Rolle für junge Menschen spielen. Sie prägt Torgau bis heute. Auch Tom – geboren Anfang des neuen Jahrtausends – verkehrte in seiner Jugend im Brückenkopf am östlichen Elbufer. In einem Proberaum treffen wir Fitze, der den Club mitaufgebaut hatte und zwanzig Jahre im Vorstand des Betreibervereins IG Rock e. V. war. Im Chaos der Wendejahre fand die Punkszene 1996 – Fitze war damals zwanzig – nach wechselnden Domizilen im Brückenkopf ein Konzertlokal und Bandräume.

Der Stadt, merkt Fitze an, sei es auch im wiedervereinigten Deutschland angesichts des Tags der Sachsen recht gewesen, die provokative Erscheinung der Punks aus dem Stadtbild auf die andere Flussseite zu verbannen. Nach der Wende mussten einer ausblutenden Kleinstadt – wie in vielen ostdeutschen Städten nahm die Bevölkerung seit 1990 stark ab und die Überalterung zu – engagierte Musiker:innen dennoch recht sein. Schon der klammen DDR sei wenig anderes übriggeblieben, als die Leute «machen zu lassen», erklärt Fitze. Zumindest so lange, wie keine Kritik am Staat verlautete.

In Leipzig sorgt der Israel-Palästina-Konflikt immer wieder für öffentlichen und aggressiven Positionsbezug. (© Fabian Schwitter)

Ohnehin begreift Fitze sein Engagement nicht in erster Linie politisch, sondern kulturell. Vom Metal her, der gemäss Nikolai Okunews Buch «Red Metal» (2021) wahrscheinlich grössten musikalischen Subkultur zu DDR-Zeiten, in die Punk-Szene reingerutscht gefiel ihm die weitaus buntere Ästhetik besser. Auf die Zerstrittenheit und die ideologische Rechthaberei der linken Szene dagegen ist Fitze schlecht zu sprechen. An der Gaza-Israel-Frage etwa – die Wahrheit der längst vergangenen Zeit frisst sich unerbittlich in die Gegenwart – zerbreche die linke Szene jederzeit. Vielmehr geht es ihm und seinen Mitstreiter:innen um den Erhalt von Freiraum. Statt haftungsneurotischer Brandschutzauflagen bei Sanierungen, die einem Verein wie der IG Rock finanziell das Genick brechen, hätte er lieber einfach ein pragmatisches Schild am Tor des Brückenkopfs: «Betreten auf eigene Gefahr».

 

Ein pragmatischer Boxer in den Baseballschlägerjahren

 

Von Gefahr weiss Fitze einiges, auch wenn er selbst glimpflich davongekommen ist. Anderen erging es in den Neunzigern – den berüchtigten Baseballschlägerjahren – weniger gut. Fast beiläufig tauchen im Gespräch Erinnerungen an zertrümmerte Oberschenkel oder bleibende Hirnschäden auf. Ein Freund sei einmal vor einem Club von Neonazis absichtlich mit dem Auto überfahren worden, erzählt Fitze. Der Preis für den Aufbau des Brückenkopfs war offenbar kein geringer gewesen. Und dennoch ist Fitze – in seiner DDR-Kindheit noch Leistungsboxer – pragmatisch geblieben.

Die Punks hätten zusammen mit den moderateren Neonazis dafür gesorgt, dass wenigstens in der Innenstadt Torgaus die Spannung, die damals in jeder Disco und bei jedem Volksfest in der Luft gelegen habe, den Alltag nicht zu sehr beeinträchtigte. «Wir kannten uns doch», erklärt Fitze die unwahrscheinliche Zusammenarbeit. Sie seien alle in dieselbe Schule gegangen, hätten gemeinsam an Mopeds herumgeschraubt, bevor sie sich gegensätzlichen Subkulturen zugewandt hätten. Die Neonazis im Plattenviertel Torgau-Nordwest allerdings, seien ein anderes Kaliber gewesen.

 

Ansprechbar für (fast) alle

 

Fitze, für den sich die Gründung einer eigenen Familie nicht ergeben hat, ist stattdessen für die ganze Stadtjugend ansprechbar geblieben, für viele – so auch für Tom – Vorbild und für manche sogar Sozialarbeiter geworden. Mit der blühenden Hip-Hop-Szene aus Torgau-Nordwest und dem Rapper OJ Slang kann sich Fitze jedoch nicht anfreunden. Zu sehr schwimme das Genre im Mainstream, zu schmuddelig sei diesem Publikum der Brückenkopf wahrscheinlich. Die Szenen seien nach wenigen Konzerten im Brückenkopf schnell wieder getrennte Wege gegangen. Ironie trägt die «Mobilmachung» jedoch ebenso wie das «Intro» OJ Slangs. Und doch bleibt die Bildsprache mit ihren Kalaschnikows brachial, die Abgründe des Drogenmilieus scheinen auf. Torgau-Nordwest ist ein anderes Kaliber geblieben.

 

Verborgen hinter den Bäumen am anderen Elbufer ist der Brückenkopf von der Stadt aus kaum wahrnehmbar. (© Fabian Schwitter)

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Ungeachtet dessen finden im Brückenkopf viele junge Torgauer:innen einen zeitweiligen «Heimathafen», wie Fitze sich ausdrückt, und können auch «morgens um vier mal noch ein Bier abgreifen.» Dass es engagierte Menschen wie Fitze gibt, die all die Jahre geblieben sind, hält Torgau am Leben, auch wenn Fitze keine rosigen Aussichten malt. Habe Sachsen deutschlandweit auch die höchste Dichte an selbstverwalteten Clubs, müssten sie mittlerweile doch fünfzig statt wie früher dreissig Kilometer zum nächsten Konzertlokal fahren. Der Ungeist, gegen den Fitzes Band Sperrzone ansingt, ist vielfältiger, als der erste Eindruck glauben macht.

 

Schwindende Selbstorganisation

 

Mit dem Brückenkopf hätten sie immerhin ein Fundament gelegt, auf das die neue Generation bauen könne. Denn neue Freiräume zu erkämpfen, sei heute wesentlich schwieriger als damals. Zu den Gefahren der anarchischen Wendezeit habe eben auch ein grosses Entfaltungspotenzial gehört. Bürokratisierung, Haftungsauflagen und Kommerzialisierung hätten die Selbstverwaltung im Westen viel früher untergraben. In München, Bremen oder Hamburg, bedauert Fitze, spielten sie in schnöden Mehrzweckhallen ohne Charme. «Im Westen», bilanziert er, «reizt mich keine Stadt.»

 

Freiräume zu finden, wird zunehmend schwieriger. Ein Loch im Holztor gibt den Blick auf den Hof des Brückenkopfs frei. (© Fabian Schwitter)

 

Die selbstorganisierte Kulturszene in Hoyerswerda vor und nach der Wende kommt mir in den Sinn oder die Raver:innen in Cottbus. Aus dem Vorstand der IG Rock ist Fitze, der die Freigeistigkeit seiner Mutter zuschreibt, die zu den wenigen selbständigen Ladenbetreiber:innen in der DDR gehört hatte, vor kurzem zurückgetreten. Den Stab hat er an die nächste Generation weitergereicht, die mittlerweile unter einem städtisch sanierten Dach sitzt. Der Brückenkopf könnte noch eine Weile erhalten bleiben, werden sich dank der Denkmalschutzauflagen doch schwerlich Käufer:innen für das wuchtige Gebäude finden.

 

Zunehmender Stimmungswandel

 

Dank Sanierungsanstrengungen, die überraschenderweise bis in die DDR-Zeit zurückreichen, wie Dagmar Rausch und Karin Hahn in den «Sächsischen Heimatblättern» (3/2018) schreiben, ist auch die schmucke Altstadt am westlichen Elbufer gut erhalten. Das Ladensterben, meint Tom, greife aber um sich. Und mag die Innenstadt auch einmal sicher vor Neonazis gewesen sein, so täuscht der Eindruck inzwischen. Die politische Entwicklung hätte die alten Geister wieder aus den dunklen Kammern gelockt, stellt Fitze ernüchtert fest. So vergangen, wie das Sperrzone-Lied suggeriert, sind die Zeiten wohl doch nicht. Und auch Torsten, Toms Vater, meint beim Mittagessen, die «Stimmung sei seit der Ankunft der vielen Migrant:innen gekippt.»

 

Das Schloss Hartenfels, einstmals Residenz der Sächsischen Kurfürsten, ist das Wahrzeichen der Stadt Torgau. (© Fabian Schwitter)

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