Grimma: Eine Kleinstadt in der Flut

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Die Flut von 2002 machte Grimma deutschlandweit bekannt – vielleicht verhalf sie Gerhard Schröder sogar zur Kanzlerschaft. Unaufhaltsam wie eine Flut war auch die Wiedervereinigung über das Land gezogen. Noch heute scheint unfassbar, was vor über dreissig Jahren in Ostdeutschland passiert ist und ich versuche einmal mehr, der Geschichte jenseits der Klischees auf die Spur zu kommen.

 

Der Zug fährt! Ohne Strom?

 

Im Osten Leipzigs erstreckt sich eine weitläufige Bahntrasse. Neben neuen Tankwagen, die in der Frühlingssonne glänzen, stehen ausrangierte Personenzüge. Pflanzen überwuchern ungenutzte Gleise. Am Rand des Geländes ein sanierter S-Bahnhof. Auf Google stelle ich später fest, dass es sich seit 2018 um das Stillstandsmanagement Engelsdorf der Deutschen Bahn handelt. Eine urbane Wildnis abgehängter Bahnwagen im einstigen Grenzland zwischen dem slawischen und dem lateinischen Siedlungsgebiet. Die Wehrkirche Beucha aus dem 13. Jahrhundert, an der ich vorbeifahre, erinnert an eine umkämpfte Gegend. Ich sitze in einem Dieselzug auf dem Weg nach Grimma.

Lutz Simmler begrüsst mich herzlich, als ich in Grimma aussteige. Wir begegnen uns erst zum zweiten Mal. Nicht nur Grimma ist Neuland für mich, sondern auch der Versuch, diese Reisen über meinen Bekanntenkreis hinaus auszudehnen – und so vielleicht diesen Bekannten- und Freundeskreis zu erweitern. Wir werden einen Tag lang gemeinsam durch Grimma spazieren und reden. Dass es viel zu sagen gibt, belegt nur schon der Bahnhof. Lutz beginnt sofort zu erzählen. Die Bahnreform von 1990 habe das Schienennetz von den Gebäuden getrennt, um diese zu privatisieren. Seither behindern Denkmalschutzauflagen und die unmittelbare Nähe des Gebäudes zu den Gleisen Investitionen. Inzwischen nehmen Umnutzungspläne jedoch Form an, sodass der Bahnhof – wie das sanierte Areal der einstigen «Russenkaserne» – einer belebteren Zukunft entgegenblickt.

 

Ein weitverzweigtes Schienennetz? Stillgelegt.

 

Als Bahnhof kommt das stattliche Gebäude im Tudorstil jedoch längst nicht mehr in Frage, fehlt es dafür doch an Bahnreisenden. Die Verkehrsplanung schenkte Grimma eine Autobahn. Die A14, die Leipzig mit Dresden verbindet, durchschneidet das Gebiet der nach Fläche viertgrössten Gemeinde Sachsens mit ihren gut 27’000 Einwohner:innen, die nach zahlreichen Eingemeindungen nun auf 64 Ortsteile verteilt leben. Mehr Gebiet umfassen nur die Grossstädte Leipzig, Dresden und Chemnitz. Die Schnellzuglinie, auf der ICE-Züge zwischen Leipzig und Dresden verkehren, quert das deutlich kleinere Wurzen im Norden. So bleibt die Regionalbahnlinie von Leipzig über Grimma nach Döbeln nicht elektrifiziert. Und die Hoffnung Grimmas, an das Leipziger S-Bahn-Netz angeschlossen zu werden, harrte lange Zeit ihrer Erfüllung. Ab Dezember diesen Jahres allerdings schliesst die verlängerte S1 als Strom-Batterie-Hybrid Grimma an das mitteldeutsche S-Bahn-Netz an.

Einst verfügte die Region, wie Lutz erläutert, über ein ausgedehntes Schmalspurnetz, auf dem noch bis zur Jahrtausendwende wertvolles Kaolin für die Porzellanherstellung transportiert wurde. Zu diesem industriellen Netz gehörte mit Mügeln der grösste Schmalspurbahnhof Europas. Heute ist mit der Döllnitzbahn nur noch eine touristische Teilstrecke in Betrieb. Und die Muldentalbahn, die einst von Glauchau über Grimmas unteren Bahnhof nach Wurzen führte, ist stillgelegt. Bloss stündlich fährt ein Zug von Leipzig in 34 Minuten nach Grimma. Im Winter ist die Strecke störungsanfällig. Die Busverbindung dauert über eine Stunde. Vom einstigen Ausflugsverkehr, für den Grimma noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bekannt war, als die gutsituierten Herrschaften mit Fuhrwerken in Leipzig abgeholt worden waren, ist angesichts dessen nicht viel übriggeblieben.

 

Grimma 1979? Fenster in die Vergangenheit.

 

Die Angebundenheit Grimmas an die Grossstadt Leipzig habe im Vergleich mit der Zwischenkriegszeit schon zu DDR-Zeiten abgenommen, stellte der Grimmaer Lehrer Gottfried Kipping fest. 2010 hat Kippings Sohn die Aufzeichnungen seines Vaters über «Grimma 1979» herausgebracht. «Der Personenverkehr» sei, wie sich Kipping ausdrückte, «stiefmütterlich behandelt» worden. Mangel und eine neue Prioritätensetzung waren dafür verantwortlich: «Der Verkehr ist vornehmlich auf den Berufsverkehr zugeschnitten (Pendler), ein Reiseverkehr wird nur so nebenbei geduldet. So werden an den arbeitsfreien Wochenenden manche Personenzüge eingespart, während doch vor dem Kriege es genau umgekehrt der Fall war.» Kippings Bemerkungen erinnern mich an die Immobilitätsvorstellung, wie sie mir in Nikolai Okunews Schilderung der Metalszene in der DDR begegnet ist.

Überhaupt veränderte sich die Kultur der Kleinstadt in den 40 DDR-Jahren. Nüchtern konstatierte Kipping: «So ist die Verkaufskultur bedenklich heruntergekommen. Nicht der Kunde, sondern der Verkäufer ist König, denn in seiner Hand liegt es, wie begehrte Qualitäts- oder auch nur sonstige Mangelware verteilt wird.» Auf der Hand wiederum liegt, dass auch der umgekehrte Fall nicht nur Gutes hat. Als Kunde König zu sein, muss sich ein Mensch leisten können. Die bürgerliche Stadtbevölkerung sei aufgrund des Kriegs und der darauffolgenden politischen wie ökonomischen Veränderungen abgewandert, bemerkte Kipping und schrieb: «Manche alten Grimmaer Sippen sind verschwunden.» Es ist kaum auszumalen, was das für ein Gemeinwesen bedeutet: «Dadurch ging natürlich ein nicht unwesentlicher Prozentsatz der Grimmaer Intelligenz unserer Stadt (und unserem Staat) verloren. Allenthalben zeigt es sich, dass es bislang noch nicht gelungen ist, diesen Aderlaß wieder auszugleichen. Er war zu groß!»

 

Egalität? Nicht ohne Preis!

 

Kipping äusserte sich nicht nur skeptisch, sondern begrüsste auch manche Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg, würden doch «Respekt und Autorität», wie er trotz allmächtiger Partei schrieb, «nicht mehr so gross geschrieben. Welchen Respekt hatten wir doch einst vor dem Bürgermeister Dr. Hornig, und wie wenig rechtfertigte er diesen durch seinen Lebenswandel.» Die SED dagegen versuchte den Respekt, den sie von der Bevölkerung einforderte, durchaus mit dem Anspruch eines moralischen Lebenswandels zu rechtfertigen. Die neuen egalitären Verhältnisse hatten jedoch ihren Preis. Die vergleichsweise homogene Gesellschaft Ostdeutschlands, die vielleicht Voraussetzung dieser Egalität war, hatte ihre Ursprünge bereits in den geschilderten Abwanderungsbewegungen.

Trotz der moralischen Ansprüche entnehme ich Kippings Aufzeichnungen einen Verlust an Freundlichkeit – und einen dramatischen Rückgang der Dienstleistungsaktivität. Die sozialistische Umgestaltung der Wirtschaft brachte selbständige Tätigkeit weitgehend zum Erliegen, wie Kippings Aufzeichnungen belegen: «1928 hatte Grimma 17 Friseurläden, heute nur noch 5! Und dabei hat sich die Bevölkerungszahl fast verdoppelt!» Zugleich beklagte Kipping die aufkommende Wegwerfgesellschaft: «Ein schadhafter Schuh wird lieber weggeworfen und durch einen moderneren ersetzt, als dass man ihn beim Schuhmacher noch einmal reparieren läßt.» Umgekrempelt haben sich auch die sozialen Hierarchien. Der Chef des mit 6000 Angestellten grössten Industriebetriebs in Grimma, erzählt Lutz, sei im Zentralkomitee der SED gewesen. Der Bürgermeister habe bei ihm vorgesprochen, nicht umgekehrt. Dieser Betrieb allerdings, der einst mit seinem hundert Meter hohen Schornstein das Wahrzeichen Grimmas bildete, fiel der Bildung des demokratisch verfassten Freistaats Sachsen zum Opfer.

 

Wirtschaftsplanung? Ohne Plan!

 

Christoph Heins «Narrenschiff» (2025) dokumentiert die Reichweite dieser Umgestaltung und den Zwang, der dabei nötig war. Beiläufig empfiehlt mir Lutz die Lektüre. Hein schildert die Geschichte der DDR aus Sicht der Funktionär:innen und legt den Irrwitz des planwirtschaftlichen Unterfangens offen. Linientreue geht über Sachverstand – und über allem steht die unbedingte Verpflichtung gegenüber Moskau. Hölzern wirken Sprechen und Handeln der Funktionär:innen – und ich frage mich, ob Hein mit seinem Buch angesichts der verkrampften Umsetzung der sozialistischen Staatsidee ein stilistischer Geniestreich gelungen ist. Wie leblose Marionetten klappern seine Figuren durch siebenhundert Seiten, die weder Roman noch Chronik sind. Und mir will scheinen, der sozialistische Staat habe das Vakuum, das die Zerschlagung der bürgerlichen Kultur hinterliess, nie zu füllen vermocht.

Auch Kipping durchschaute das Problem planwirtschaftlicher Organisation, die mit ihren Anreizen permanent Realitäten hervorbringt, die der Plan nicht vorhersieht: «Weniger erfreulich aber für ihn [den Kunden] ist, dass die Verteilung der Waren sowohl den Warenkontoren als auch den Verkäufern bzw. Verkaufsstellen untersteht und für sie die einzige Möglichkeit ist, unkontrollierte Profite zu erwirtschaften (Waren unter dem Ladentisch, Trink- und Handgelder!). So wird z. B. eine bestimmte Ware in Rostock in Massen angeboten, während sie in Leipzig schon seit Wochen fehlt u. ä. Aus diesem Grunde ist der Durchschnitts-DDR-Bürger praktisch immer ‹auf Achse›. Er braucht zwar im Augenblick irgend einen Artikel nicht, aber vielleicht in ein paar Monaten, und dann gibt es ihn eventuell wieder mal nicht. Also kauft er ihn schon jetzt. Er hamstert also! Daß dadurch die verantwortlichen Stellen niemals eine echte Bedarfsanalyse zustande bringen, ist klar.»

 

Gemeinschaftsgefühl? Zur Not…

 

Mein Gespräch mit Lutz beim Mittagessen in der alten Etuifabrik hallt in Kippings Aufzeichnungen wider. Die DDR sei ineffizient gewesen, meint Lutz. Weil etwa die Wassernutzung pauschal verrechnet worden sei, da es an Wasserzählern gefehlt habe, hätten die Leute ihr Bier unter dem laufenden Wasserhahn gekühlt. Dabei reichte die Infrastruktur, wie Kipping schrieb, für die Versorgung der Bevölkerung gar nicht aus, sodass «fast jeden Sommer […] Anweisungen zum sparsamen Wasserverbrauch üblich» gewesen seien. Und die vielbeschworene Solidarität, die in der DDR geherrscht habe, den gesellschaftlichen Zusammenhalt sieht Lutz auch eher aus der Not geboren. Mangel und Zwang hätten dazu geführt.

Das will nicht heissen, dass es dieses Gemeinschaftsgefühl nicht gegeben hätte. Nur: Wie viel wären wir heute bereit zugunsten dieses Gemeinschaftsgefühls aufzugeben? Selbst wenn sich so mancher Mensch in der DDR gut einrichten konnte, der – wie Lutz sagt – «fischelant» war, so bezweifle ich, dass die Menschen wirklich bereit wären, Redefreiheit – und ein eigenes Auto – einzutauschen, um Honeckers Gemeinschaftsgefühl zurückzuhaben. Schliesslich spottete auch Kipping über die propagierte Identifikation der Bürger:innen mit dem sozialistischen Staat: «Die Bürger sitzen wie ein Mann ab 20 Uhr vor dem Fernsehschirm und bewundern zu 80% ihre ehemaligen Brüder im Westen mit Hilfe des ARD-Programmes. Die Erfahrung lehrt, dass viele DDR-Bürger heute weit besser über das Geschehen in der ‹verhaßten› BRD Bescheid wissen als die normalen Bundesbürger, aber auch als über die politischen und wirtschaftlichen Belange der DDR!»

 

Reformen! Im leeren Saal?

 

Zugleich stellte Kipping fest, dass «Grimma kein Nachtleben» gekannt habe. Auch Lutz erinnert sich an den Rückgang der Gaststättenkultur zu DDR-Zeiten. Lange Wartezeiten für einen Platz, die geringe Auswahl und der ständige Blick über die Schulter, wer wohl gerade zuhört, hätten Gaststätten unattraktiv gemacht. Stattdessen hätten sich die Leute privat zusammengefunden. Eine unheilvolle Dynamik für das öffentliche Leben. Und dabei gehörte Lutz noch nicht einmal zu denen, die den realsozialistischen Staat aufgegeben hatten. Er hegte damals durchaus die Hoffnung auf Reformen, agierte Ende der Achtziger als Ansprechpartner für das Neue Forum in Grimma.

Und dann – zwischen einem Löffel Kartoffeln und einer Gabel Fisch – erzählt Lutz eine ebenso sinnbildliche wie einprägsame Geschichte. So gross sei das Interesse der Bevölkerung Grimmas im Herbst 1989 gewesen, dass sie für die Gespräche über Reformen unter dem Dach des Neuen Forums den grössten Saal Grimmas aufgetrieben hätten. Hunderte hätten kommen sollen. Das Treffen besuchte eine Handvoll. Am Tag davor war die Mauer gefallen. Die Gestaltung des eigenen Gemeinwesens hatte über Nacht an Bedeutung verloren. Noch heute höre ich die Enttäuschung in Lutz’ Stimme. Und die Fassungslosigkeit angesichts der Entwicklungen. Noch über fünfunddreissig Jahre später schiebt er im Gespräch ungläubig hinterher: «der 10. November.»

 

Wende? Friedliche Revolution!

 

Dann folgten die schweren Jahre der Transformation der sozialistischen Planwirtschaft in eine kapitalistische Marktwirtschaft. Ein ebenso irrwitziges Unterfangen wie der vormalige Umbau der bürgerlichen Gesellschaft in eine sozialistische. Immerhin stellt Grimma eine der raren Erfolgsgeschichten dieser Zeit. Der zweitgrösste Betrieb im Ort mit über 1000 Angestellten ging vom VEB Elektrogeräte in die ESA Elektroschaltanlagen Grimma GmbH über. Lutz sah sich aufgrund etwa seines kirchlichen Hintergrunds, der ihn auf Distanz zum Staat gehalten hatte, und seines ehrenamtlichen Engagements wegen nicht schlecht gerüstet für die Wiedervereinigung. Die Existenzialität des Umbaus war im ersten Jahrzehnt nach dem Untergang der DDR dennoch allgegenwärtig.

 

Zum Schlösschen gehört auch eine künstliche Ruine im Geist der Romantik. Angenehm kühl soll sie die Herrschaften im Sommer beim Kartenspiel beherrbergt haben. (© Fabian Schwitter)

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Arbeitslosigkeit dominierte die Gespräche. Und im Alltag galt es, jeden administrativen Handgriff neu zu lernen: die Eröffnung eines Bankkontos, der Abschluss einer Versicherung, das Ausfüllen der Steuererklärung… Wie die Fluten, die Grimma regelmässig heimsuchen, rollte über die Kleinstadt hinweg, was gemeinhin Wende heisst. Die Wende allerdings, die den letzten verzweifelten Versuch zur Erhaltung des SED-Regimes bezeichnet, verselbständigte sich als Begriff aus dem Mund des letzten Generalsekretärs des Zentralkomitees Egon Krenz heraus genauso wie als gesellschaftliche Dynamik. Dass die Implosion der DDR zur friedlichen Wiedervereinigung führte, sieht Lutz bis heute als Wunder. Wer hätte das voraussehen können? So spricht er lieber von der friedlichen Revolution als von der Wende des letzten Generalsekretärs.

 

Räumung der Stasi-Zentrale? Keine Zeit.

 

Zugleich bedauert Lutz, wesentliche Meilensteine, so etwa den Fall der Mauer, nur im Fernsehen miterlebt zu haben. Kleinstädte wie Grimma, die das Klischee heute nicht selten als abgehängt darstellt, erscheinen angesichts dessen doch weit ab von der Welt. Das sogenannte Mittelzentrum Grimma bildet mit seinen umliegenden Dörfern – ob in der BRD oder in der DDR, denke ich – einen kleinen Kosmos für sich. Fast zwanzig Minuten dauert die Autofahrt bis in die hintersten Winkel der Gemeinde. Einzig die politischen und ökonomischen Umwälzungen kriegt auch eine solche Kleinstadt im Schatten des Lichts der Öffentlichkeit mit voller Wucht zu spüren.

Die Abwicklung der Stasi-Zentrale etwa sei zwar gut organisiert gewesen, aber weitgehend unbemerkt vonstatten gegangen. Es seien schlicht keine Menschen mehr da gewesen, die ein Auge auf die Vorgänge hätten werfen können. So sei er vom Superintendenten der Kirche angefragt worden und habe dafür bei seinem Arbeitgeber eigens einen freien Tag gekriegt, um den Abtransport der Akten zu beobachten. Das Lebensgefühl danach sei seltsam gewesen. Die Leute hätten die Mitarbeiter der Stasi, die sich bedeckt gehalten und die Öffentlichkeit aus Angst gemieden hätten, ja gekannt. Eine versöhnliche Stimmung habe nie geherrscht. Für eine gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte vor Ort habe allen die Zeit gefehlt.

 

Flut? Wahlkampf!

 

Erst die Jahrhundertflut von 2002 bescherte Grimma öffentliche Aufmerksamkeit. Ein gummigestiefelter Kanzlerkandidat im Wahlkampf versprach seine Hilfe, um dank telegener Bilder aus Grimma von ostdeutschen Wähler:innen ins Kanzleramt gehievt zu werden. Wenig später setzte er die neoliberale Agenda 2010 um und deregulierte die Märkte, was die neuen Bundesländer deutlich härter als die alten traf. Ich erinnere mich an die Aussage des ehemaligen Kulturbeauftragten in Hoyerswerda, Schröders Hartz IV-Reform sei wesentlich einschneidender gewesen als die Wende. Heute sitzt Gerhard Schröder – einst sozialdemokratischer Totengräber des alten Sozialstaats im Wendemorast Ostdeutschlands – an Putins Tisch, wenn dieser Geburtstag feiert.

Die Flutkatastrophe war so schwer, dass sie gleich mehrere Bildbände hervorbrachte. Und der Bürgermeister setzte ihre Bewältigung, wie der Band «Grimma | Flutbilder – Bilderflut» (2002) festhält, in keinen geringeren Rahmen als die Wiedervereinigung, die in der gesamtdeutschen Solidarität mit Grimma zum Ausdruck gekommen sei. Natürlich rief sie auch die Institutsprosa auf den Plan, bot sie doch eine goldene Gelegenheit zur Förderung der Erkenntnis, dass sich die Flut auch mit ästhetischen Mitteln nicht so leicht bewältigen lässt. Der Umweltkatastrophe, einer sozialen Herausforderung, begegnete Jörg Jacob in seiner Erzählung «Fluten» von 2009 mit der befremdlichen Innerlichkeitskatastrophe eines älteren Herrn. Das mag streckenweise ein adäquates Porträt gerade älterer Männer sein, sich angesichts der gesellschaftlichen Transformationsflut nach dem Zusammenbruch der DDR – mehr als die Frauen – selbst aufzugeben. So hat auch «Karl», der Protagonist von Jacobs Erzählung, für «die Frau» nicht einmal mehr ein Wort übrig. Stumm lässt er die Flut über sich ergehen. Alle Appelle der «Frau», doch endlich etwas zu unternehmen, prallen an ihm ab.

 

Öffentliche Angelegenheiten? In Arbeit!

 

Die Dramatik der Wiedervereinigung und die darauffolgenden Entwicklungen kümmert die alte BRD bis heute kaum. Der Osten dagegen ringt immer noch um sein Gleichgewicht. Viel, denke ich, muss in der DDR auf den privaten Raum beschränkt gewesen sein. Die DDR nahm den Menschen die Freiwilligkeit – und mit ihr auch ein Stück weit die Lebensfreude, vermute ich. Kippings ironische Schilderung der Freizeitgestaltung spricht Bände: «Es gibt viele Hobbys, und jeder kann sich ein passendes aussuchen. Er kann aber nur im Rahmen der betreffenden Sparte oder Betriebsgruppe auf einen grünen Zweig kommen. […A]lle sind irgendwie organisiert und außerdem noch dem allmächtigen Kulturbund unterstellt.» Die aufkeimende Öffentlichkeit vor der Wiedervereinigung wurde rasch von der Dynamik erstickt. Vielleicht ist auch das ein Mosaiksteinchen in der Erklärung von Verdrossenheit und Misstrauen in Ostdeutschland. Zivilgesellschaftliche Strukturen, die dem Abhilfe schaffen könnten, stehen immer noch auf wackligen Beinen.

Das weiss Lutz nur allzu gut. Beteiligt an zahlreichen Vereinsgründungen bemüht er sich etwa um die Einrichtung eines Geoparks in der Region, die dank der Rochlitz-Caldera mit ihren 54 Kilometern Durchmesser über eine der grössten weltweit verfügt, und um das Erbe des Spätaufklärers Johann Gottfried Seume. Mit diesen Initiativen, so hofft Lutz, kann die Region nicht nur wirtschaftliches Potenzial erschliessen, sondern vor allem auch den Stolz auf die eigene Einzigartigkeit zurückgewinnen – ein Motiv, das ich auch in Pobles wahrzunehmen meinte. Gerne würde er seine Projekte mit gesicherter Finanzierung übergeben. Aber strukturelle Förderung zu kriegen, die über Projektgelder hinausreicht, um nachhaltige Vereinsstrukturen aufbauen zu können, erweist sich als schwierig. Zu wenig privates Geld fliesst nach Ostdeutschland. Zu wenig Mittel kann das Bundesland für Bildungsprojekte freisetzen. Manchmal habe er zu seiner Frau gesagt: «Wir hätten nach dem Westen gehen sollen.» Die Müdigkeit nach all den Jahren pausenlosen Engagements ist dem umtriebigen Mann anzumerken.

 

Herzensbildung? Fehlanzeige.

 

«Der Kapitalismus macht auch nicht alles», ist eine ernüchternde Erkenntnis seit der Wiedervereinigung. Hatte Lutz den neuen Staat noch als vielversprechend wahrgenommen, betrachtet er die wiedervereinigte BRD heute skeptischer. Die Kehrseite der kapitalistischen Innovationskraft, die Lutz durchaus begrüsst, seien die mangelnde «Herzensbildung» und die «soziale Kälte». Die Wirtschaft unterstütze die Gemeinwohlpflege viel zu wenig, stellt Lutz denn auch ernüchtert fest. Die bürgerliche Welt von einst und den Sozialstaat der Sechziger, die zu DDR-Zeiten einen Sehnsuchtsort jenseits der Mauer darstellten, merke ich an, gibt es auch im Westen längst nicht mehr. Massnahmen zur Milderung sozialer Ungleichheit verschleppt der Staat. Und die Umweltbilanz erscheint bei allen technischen Errungenschaften nicht zuletzt deshalb besser als in der DDR, weil die BRD Umweltschäden besser in andere Weltregionen auslagert.

Mit dem Umweltschutz ist Lutz schon seit Jahrzehnten vertraut, arbeitete und engagierte er sich doch zeitlebens im Umwelt- und Baubereich. Das Klärwerk Grimma etwa habe zu DDR-Zeiten nur eine Kapazität von 10’000 Einwohner:innengleichwerten – einbezogen sind da auch industrielle Abwässer – gehabt. Nötig wären wohl 20’000 gewesen. Die Eingabe seiner kirchlichen Umweltgruppe «Schöpfungsverantwortung» zum Ausbau der Infrastruktur habe nichts gefruchtet. Aber auch der grüne Umbau der Energiewirtschaft gehe in der heutigen BRD viel zu langsam voran. Stillstandsmanagement, denke ich, ist nicht nur im ostdeutschen Kontext ein passendes Wort, – und die Ahnung, als Kleinstadt den grösseren Dynamiken bis hin zur kläglichen Selbstfindung Europas im erneuten Spannungsfeld zwischen Russland und den Vereinigten Staaten ausgeliefert zu sein. Wenn ich an Lutz’ Worte denke, merke ich: Es wird im Westen nur etwas länger als im Osten dauern, bis die Substanz des Staats zersetzt ist.

 

Verzweiflung? Aufbruch trotz allem!

 

Immerhin will die Seumegesellschaft das erste Teilstück eines Grossprojekts einweihen. Bekannt ist Seume nämlich für den sozialkritischen Bericht «Spaziergang nach Syrakus» seiner Reise im Jahr 1801/1802. Von Grimma aus führte Seumes Weg zu Fuss durch halb Europa bis nach Sizilien. Diesen Weg möchte die Seumegesellschaft gerne wiederbeleben, indem sie entlang der Strecke lohnende Ziele ausmacht, die Wanderlustigen im Geiste Seumes etwas zu bieten haben: seien das kulinarische Erlebnisse in ausgesuchten Gasthöfen, künstlerische Inspiration in Galerien oder historische Aufklärung in örtlichen Museen. Wie es der Zufall will, kam 2026 auch die Verfilmung der Geschichte eines Nachahmers mit der Schauspielikone Charly Hübner heraus. 1988 muss ein Rostocker inspiriert von Seume ebenfalls aufgebrochen sein.

Bis zur tschechischen Grenze soll es ab Dezember gehen. Ob ihn eine spezielle Beziehung mit den ehemaligen Ostblockstaaten verbinde, frage ich Lutz. Eher verbände sie der Zusammenbruch des Ostblocks, der aber in Tschechien und Ostdeutschland sehr unterschiedlich verlaufen sei, und die Grenznähe mit der weit zurückreichenden Geschichte. Mit der Univerzita Jana Evangelisty Purkyně in Ústí nad Labem auf der anderen Seite der Grenze arbeite die Seumegesellschaft zusammen. In diesem Rahmen sei er auch auf die grossartige Dauerausstellung über «Unsere Deutschen» zur «Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung in den böhmischen Ländern» des Collegium Bohemicum hingewiesen worden.

 

Grimma. Ein stilles Zentrum?

 

Mit seinen tschechischen Kooperationspartner:innen verstünde sich Lutz aufgrund der geteilten Geschichte manchmal auch besser als mit Menschen in Deutschland, an denen die Wiedervereinigung vorbeigegangen sei. Vor der Wiedervereinigung habe aber kaum Kontakt in andere Ostblockstaaten bestanden, obwohl das möglich gewesen wäre. Die Hoffnung kirchlich engagierter Niederländer:innen, die Kontakt mit Grimma aufgenommen hatten, sei nicht in Erfüllung gegangen. Den Versöhnungsgedanken nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem die Niederländer:innen über die innerdeutsche Grenze gekommen seien, hätten sie nicht weiter in den Osten getragen. Die Sehnsucht habe vielmehr dem Westen gegolten.

Mit der «Vision eines Europäischen Kulturweges» der Seumegesellschaft kommt unter den Vorurteilen der Berichterstattung dennoch ein ganz anderes Ostdeutschland zum Vorschein. Was wäre, wenn Grimma der Inbegriff Europas wäre und sein reiches Erbe öffentlichkeitswirksam wiederbelebte? In Göschens Verlag, wo Seume als Korrektor und Übersetzer arbeitete und bisweilen auch als Schriftsteller herausgegeben wurde, trafen sich vor gut zweihundert Jahren die Grössen der Zeit. Bernd Erhard Fischer schliesst sein Büchlein über «Göschen & Seume in Grimma» (2005) denn auch mit der Feststellung über Göschens Landsitz, es sei «… eines jener stillen Zentren, in denen die Fäden der Zeit zusammenlaufen.»

 

Der Zug fährt? Gerade noch geschafft!

 

Inzwischen sitzen wir längst nicht mehr in der alten Etuifabrik. Bei Kaffee und Kuchen setzen wir unser Gespräch über die Vergangenheit, den Kapitalismus und unsere unterschiedlichen Herkünfte fort und finden kein Ende. «Wie spät ist es denn», fragt Lutz unvermittelt. «Fünf vor fünf», sage ich. «Wann fährt dein Zug?» – «Um 17.04.» – «Das sind zehn Minuten.» – «Ich will es versuchen.» – «Es geht bergauf.» – «Trotzdem.» – Wir reichen uns herzlich die Hand und ich verschwinde im Laufschritt um die nächste Hausecke. Ich wehre mich mit allem, was ich habe, dagegen, den Zug zu verpassen. Mit brennender Lunge erreiche ich den Bahnhof. – Jetzt sitze ich im Zug und notiere die ersten Zeilen. Dabei ahne ich, trotz all meiner Bemühungen dem Verfallstourismus nicht entkommen zu sein und die Welt immer wieder auf den Aspekt des Stillstandsmanagements zu reduzieren. Hätte ich im Gespräch nicht gezielter nach den Errungenschaften und Hoffnungen fragen sollen, nach den unscheinbaren Keimen der Zukunft, statt mit der Flut der Wiedervereinigungsgeschichten zu schwimmen?

Die unablässigen Verfallserzählungen, die gerade in Ostdeutschland an jeder Ecke zu haben sind, üben eine zwiespältige Faszination aus. Dem setzt Lutz offenbar seit Jahrzehnten sein «trotzdem» entgegen und ich spüre, mit der Gegend, mit den Verhältnissen und mit den Menschen womöglich nie gleichermassen verbunden zu sein wie Lutz, der seine Projekte nicht erodieren sehen will. Fast schon bittend bekräftigt er: «Ich möchte, dass es weitergeht.» Ob ich das im gleichen Mass will? Vielleicht werde ich mich durch die Erweiterung meines Bekannten- und Freundeskreises mit zunehmender Zeit verbundener fühlen. Ich atme immer noch schwer. Dass mich Grimma am Ende noch ins Schwitzen bringen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber schwitzen muss wahrscheinlich, wer aus der Geschichte etwas machen will. Worum auch immer es dann gegangen sein wird: Gerade noch geschafft, will auch ich dereinst sagen können.

 

 

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