Nukleuswohnen: Die Zukunft der ostdeutschen Platten?
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Zum 50. Jubiläum des Baubeginns wartet das Leipziger Plattenviertel Grünau mit einem besonderen Architekturprojekt auf. Eine Forschungsgruppe erprobt das Nukleuswohnen unter fast realen Bedingungen und erinnert damit an das Probewohnen in ostdeutschen Kommunen. Nichts Geringeres winkt im Erfolgsfall als eine Zukunft für die gefährdeten und stigmatisierten Plattenbauten.
Wohnen als Erfahrungsfrage
«Jeder Pullover wird vor dem Kauf anprobiert, jedes Auto probegefahren – nur Wohnungen testen wir nicht vor dem Bezug!» Florian Fischer-Almannai redet sich in Fahrt. Der Architekturprofessor für Wohnbau an der Technischen Hochschule Aachen drückt sich pointiert aus, wenn es um innovative Wohnformen geht. Offensichtlich erklärt er das Vorhaben nicht zum ersten Mal. Im Leipziger Plattenviertel will er mit seiner Gruppe die neue Wohnform Nukleuswohnen ab Sommer 2026 mit Testbewohnenden erproben. Dafür passen sie einen leerstehenden Plattenbau des Typs WBS 70, den die Leipziger Wohnungsgenossenschaft Lipsia eG zur Verfügung gestellt hat, mit minimalen Eingriffen architektonisch an.

Fischer-Almannai fordert jedoch nicht nur die Erprobung von Wohnformen, sondern auch Architekten, die sich in die Bewohnenden ihrer Gebäude hineinversetzen können. So bezieht er Studierende ebenso in sein Projekt ein wie seine Forschungsgruppe. Im Testgebäude an der Liliensteinstraße besprechen sie anstehende Aufgaben. Zwischen Tassen, Gaskocher und Thermosflasche liegen Baupläne auf einem improvisierten Tisch. Im ungeheizten Gebäude ist es Anfang Jahr, als die Umbauarbeiten beginnen und ich mit den Architekt:innen spreche, empfindlich kalt. Zum Kern der Forschungsgruppe zählen neben seiner Lebenspartnerin Reem Almannai, ebenfalls Architektin, auch die Doktorierenden Nina Vollbracht, Yanik Wagner, Robert Saat, Marius Helten, Sophia Branz und Felix Schaller.
Woher kommt das Nuklueswohnen?
Entstanden ist das Nukleuswohnen im Rahmen der Gründung der Münchner Wohnungsbaugenossenschaft Kooperative Grossstadt eG, deren Mitinitiatoren Fischer-Almannai und seine Partnerin sind. Im Haus San Riemo, wo die beiden mit ihren Kindern leben, testen sie das Nukleuswohnen seit Ende 2020 selbst und zeigen sich zufrieden. In der Sendung mit der Maus erklären sie, wie sie als Familie gut auf ein Zimmer verzichten konnten, für das eine andere Wohnung Bedarf angemeldet hatte. Da das Zimmer Türen zu beiden Wohnungen hat, konnten sie es leicht abgeben.
Im Gegensatz zum geläufigeren Clusterwohnen, bei dem sich einzelne Zimmer um eine gemeinsame Küche gruppieren, werden beim Nukleuswohnen nicht mehr Küche oder Bäder, sondern vor allem Flure und einzelne Zimmer geteilt. So können Wohnungen gegebenenfalls auf ihren Kern reduziert werden, der aus einem Schlafraum sowie einer Küche und einem Bad besteht. Dieser sogenannte Nukleus soll umgekehrt jederzeit um zusätzliche Räume erweitert werden können.
Worum geht es beim Nukleuswohnen?
Am Ursprung des Nukleuswohnens steht ein bekanntes Problem: Eine fünfköpfige Familie zieht in eine Vierraumwohnung. Fünfzehn Jahre später belegen noch die beiden Eltern die vier Räume. Vorstellbar ist, dass irgendwann nur noch eine Person in der Wohnung lebt. Eine Über- führt fast zwangsläufig zu einer Unterbelegung. Trotz unterschiedlicher Lebensphasen der Bewohnenden – gerade Familienmodelle ändern sich immer häufiger – bleiben Wohnungen gleich.
Mit dem Nukleuswohnens arbeiten Fischer-Almannai und seine Gruppe daran, die Belegungsdichte von Wohngebäuden über die Zeit ausgeglichener zu gestalten, ohne dass Menschen dafür umziehen und ihr gewohntes Umfeld verlassen müssten. Im Gespräch fällt immer wieder das Wort Suffizienz. Wie lässt sich eine angemessene Auslastung von Wohngebäuden – über Zeit – gewährleisten? Eine Steigerung von über 60% gegenüber der angenommenen Belegung vor dem Leerzug soll in Grünau erzielt werden, rechnet Wagner vor.
Wohnen und Planen als Gemeinschaftsprojekt
Nina Vollbracht führt mich durch das Haus, wo Studierende – aufgeteilt in einzelne ‹Gewerke› – etwa Sanitäranlagen oder Fenster prüfen. Was noch brauchbar ist, soll weiterverwendet werden. Schließlich geht es beim Nukleuswohnen nicht zuletzt um Nachhaltigkeit. Kerzen erleuchten den Kellerflur notdürftig. Strom und Wasser sind abgestellt. Viele Plattenbauten an der Liliensteinstraße in Leipzig-Grünau sind unbewohnt – manche gar zurückgebaut. Zumindest für die Hauseingänge 29, 31 und 33 soll sich das nun ändern. Drei Studierende mit Stirnlampen begutachten in der Dunkelheit eines verrammelten Raums eine Tür, zwei andere demontieren eine Lampenfassung.

Rund 30 Studierende beteiligen sich an der Umsetzung und sammeln wertvolle Praxiserfahrung. Die Eigenleistung der Forschenden und Studierenden trägt auch zur Finanzierung bei, die neben grosszügigen Sach- und Materialspenden vor allem Forschungsgelder decken. Was die Studierenden nicht erledigen können, obliegt Baufirmen. Weil die Gebäude vor einer weiteren Nutzung totalsaniert werden müssen, ist derzeit offen, inwiefern die neue Wohnform Teil der Sanierung sein wird. Gegebenenfalls findet das Material in neuen Forschungsprojekten eine Wiederverwendung. Die Testbewohnenden beteiligen sich nur an den Nebenkosten.
Wohnen als erlernte Kulturtechnik
Leben werden sie in zwei weiträumigen Wohneinheiten, mit mehreren Kernen. «Im ersten und zweiten Obergeschoss haben wir fünf Wohnungen zu einer Maisonette-Wohnung verbunden und im dritten Obergeschoss vier Wohnungen zu einer Geschosswohnung zusammengelegt», führt Yanik Wagner aus. «Zwei herkömmliche Wohnungen im Erdgeschoss haben wir überdies als Gemeinschaftsraum sowie als Werkstatt oder Büro aktiviert.» Zur Projektvermittlung sollen auch Studierende aus der Forschungsgruppe als «kulturelle Hausmeister», wie sich Vollbracht ausdrückt, mit im Haus wohnen.
Erkenntnisse erhoffen sich die Forscher:innen nicht nur bezüglich des Umfangs der individuell bewohnten Fläche, sondern vor allem auch bezüglich der Struktur und Nutzung der Räume. Auch wenn etwa Brandschutzvorschriften den Spielraum beschränken, stehen soziale Überlegungen gegenüber baulichen im Vordergrund. Müssen alle Schlafzimmer einer Wohneinheit unmittelbar zusammenhängen oder kann ein angegliederter Raum auch eine Etage höher liegen und mittels gemeinsamer Flure und Treppenhäuser mit dem Kern verbunden sein? Wie eignen sich Bewohnende geteilten Wohnraum an, welche Funktionen erfüllt dieser? Die Kulturtechnik des Wohnens ist weit weniger selbstverständlich, als es angesichts der Unverrückbarkeit von Beton scheint.
Plattenbauten als prädestiniertes Versuchslabor
In Grünau, wo kein Neubau errichtet, sondern bestehende Bausubstanz umfunktioniert wird, stellen sich diese allgemeinen Fragen anhand besonderer Bedingungen. Einstige Wohneinheiten, sinniert Vollbracht, würden erkennbar bleiben, ob also der gemeinsame Flur noch wahrgenommen werde, als gehöre er zur alten Wohneinheit? Die neue Raumanordnung teilt das Gebäude nämlich entgegen seiner Struktur nicht mehr quer, sondern längs. Einfache Durchbrüche werden die Flure über zwei Treppenhäuser hinweg verbinden, sodass als Testfall ein langer Gang entsteht, über den alle Räume zugänglich sind.

Die Durchführung des Projekts in Leipzig ist kein Zufall. Obwohl Fischer-Almannai bei der Projektplanung nicht als erstes an die Plattenbauten dachte, spricht er mit Bewunderung über die DDR-Architekt:innen. Sie hätten angesichts des Materialmangels in der DDR eine verblüffende Fähigkeit zu sparsamem Bauen entwickelt. Auch wenn der entsprechend geringe Spielraum bei der Statik den Projektumbau erschwere, eigneten sich die Gebäude der WBS 70 aufgrund ihrer seriellen Konzeption besonders gut, um mittels minimaler Veränderung am Bau viele Wohnungen miteinander verbinden zu können. So entsteht die angestrebte Flexibilisierung der Raumaufteilung. Die sanierungsbedürftige Bausubstanz in einer Stadt wie Leipzig und der hohe Anteil an Wohnbaugenossenschaften, die meist experimentierfreudiger als private Investoren seien, senke die Hürden der Durchführung.
Probewohnen als ostdeutsches Phänomen
Die allgemeine Anfrage der Projektgruppe an den Verband Sächsischer Wohnbaugenossenschaften stieß bei Nelly Keding, Vorstand bei der Wohnungsgenossenschaft Lipsia eG in Leipzig, denn auch auf offene Ohren. Wirksamkeit entfalte das Projekt weit über Leipzig hinaus, ist sie überzeugt. Nicht nur bestehe Leipzig-Grünau ausschließlich aus Gebäuden der WBS 70, sondern diese seien ostdeutschlandweit in hoher Zahl errichtet worden. Die stabilen Betonbauten in die Zukunft zu führen, sei der Genossenschaft ein Anliegen, unterstreicht Keding. Die Forschung mit ihrem Gebäude, das ansonsten sicher bis 2028 leerstehen würde, zu unterstützen, sei ihr daher eine Freude.

Feiert Grünau 2026 das fünfzigjährige Jubiläum der Grundsteinlegung, sind verheißungsvolle Aussichten ein Geschenk. Denn wie in Grünau sind die Blocks der WBS 70 aufgrund der Abwanderung an vielen Orten schon abgerissen worden. So verwundert es nicht, dass in Ostdeutschland Probewohnen bereits praktiziert wird. Guben in Brandenburg etwa bietet Probewohnen an. Das sächsische Görlitz lässt das Probewohnen ebenfalls wissenschaftlich begleiten. Damit werben sie aber nicht für einzelne Wohnungen oder Gebäude, sondern wollen die Menschen gleich von der örtlichen Lebensqualität insgesamt überzeugen und den Bevölkerungsschwund aufhalten. Vielleicht helfen redimensionierbare Wohnungen in umfunktionierten WBS 70-Platten auch dabei. Die erste Testphase mit voraussichtlich 27 wechselnden Bewohner:innen von Juni bis September ist inzwischen jedenfalls angelaufen.
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