Die Natives meiner Karl-May-Kindheit
3’184 Wörter / ca. 16 Minuten
Karl May durchdringt den deutschsprachigen Raum. So verbindet er auch das sächsische Hinterland mit den Schweizer Tälern. Wer jedoch die Indianer sind, ist in der realen Welt weit weniger eindeutig als in Karl Mays Fantasiereisen in den Wilden Westen. Im Wilden Osten tun sich noch ganz andere Zusammenhänge auf.
Rapsidylle
Am ersten warmen Wochenende im Frühling blühen die Rapsfelder bereits leuchtend gelb. Keine Wolke am Himmel verrät Unstimmigkeiten, solange wir den Lärm der Autobahn so gekonnt ausblenden wie manche romantischen Dichter:innen Fabrikschlote oder abgeholzte Wälder, wenn sie in ihren Gedichten eine idyllische Natur und die mystischen Ruinen mittelalterlicher Klöster beschrieben. Wir schlendern der Strasse entlang, die im Leipziger Hinterland Naunhof mit Ammelshain verbindet. Eine Stunde müssen wir laufen, um den Wald des Naturschutzgebiets um die Ammelshainer Steinbrüche zu erreichen, wo wir die Nacht – ganz zulässig ist das wahrscheinlich nicht – unter freiem Himmel verbringen wollen. Ein vermeintliches Naturerlebnis, das gerade für Jungen im deutschsprachigen Raum seltsamerweise immer noch zu Kindheit und Jugend zu gehören scheint.
Tapfere Indianer und der Schmerz der Natives
Ein Abenteuer, das an die alten Indianergeschichten Karl Mays erinnert, die auch meine Jugend begleitet haben. Und Hohenstein-Ernstthal ebenso wie Radebeul, die Geburts- und die Todesstadt Karl Mays, liegen für deutsche Verhältnisse schliesslich um die Ecke. Da sassen Old Shatterhand und der Indianerhäuptling Winnetou nachts um ein Feuer, dessen brennende Äste so geschickt angeordnet waren, dass sie zwar brannten, aber weder zu stark leuchteten noch verräterischen Rauch erzeugten. Wir werden diese Fähigkeit im Naturschutzgebiet brauchen. Allzu ärgerlich wäre eine Begegnung mit den Ordnungshüter:innen und ein nächtlicher Umzug. «Native Americans», korrigiert mich mein achtjähriger Sohn, während er sich über schmerzende Füsse beklagt und ob der Hitze jammert. Die Bremsen unseres VWs klemmen, das Auto musste in der Garage bleiben. Wir kreuzen die Autobahn zu Fuss. Und ich verkneife mir die altbackene Weisheit: «Ein Indianer kennt keinen Schmerz».

Ohnehin ist das bei Native Americans vielleicht anders. Was weiss ich schon. Ich war noch nie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Bestimmt kennen Native Americans Schmerzen, mögen sie strapaziöse Initiationsriten für junge Männer gehabt haben oder nicht. Gut ist jedenfalls, dass die hiesigen «Indianer» mittlerweile Schmerzen kennen. Was nützte die körperliche Schmerzunempfindlichkeit, wenn die urbane Komplexität, in der wir leben, doch eher psychische Leiden verursacht? Längst ist die Natur keine physische Bedrohung mehr, wenn das Obst im Supermarkt wächst und das Fleisch im Kühlregal auch nicht mehr von gejagten Wildrindern stammt. Unser Leben in den Städten spielt sich fast ausschliesslich in einer gebauten Umgebung unter Menschen ab. Da sind die wenigsten physisch bedrohlich. Schliesslich unterbinden die Ordnungshüter:innen allzu gewalttätige Feindseligkeiten. Auch der Lebensunterhalt ist keine Frage körperlicher Geschicklichkeit oder Anstrengung beim Jagen, Sammeln und Anbauen mehr, sondern eine Frage des Sitzfleischs beim Geldverdienen an Bürotischen.
Wild-West-Feste im Osten
Und dennoch – oder gerade deswegen – werden in einer anderen Ecke des hiesigen Hinterlands die Weiten Nordamerikas gefeiert. Entlang einer ausrangierten Kohlebahn wurde eigens ein ganzes Dorf als Kulisse erbaut. Und so ziehen an den Haselbacher Westerntagen alljährlich die Cowboys und Indianer von Wildwestvereinen an dieser Kulisse vorbei und präsentieren historische Kostüme. Oder zumindest das, was wir dafür halten. Das Leben im Wilden Westen um 1870, heisst es dann etwa. Mancher dieser Nostalgievereine mag historisch bewanderter sein, mancher weniger. Stammgast ist auf jeden Fall der Karl May Verein Radebeul. Und dann gibt es auch noch die Kampf- und Reitkunstshows à la Buffalo Bill. Da schleichen sich auch schon mal Kosakenkunststücke ein und verfremden das Bild. Viel wird der Wilde Westen in Nordamerika, mit dem was die Menschen hier im Wilden Osten veranstalten, nicht zu tun gehabt haben. Aber das Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung – gegen all die DDR-Diktaturerfahrungen und BRD-Demokratieenttäuschungen – ist natürlich da. Wenigstens für die drei Tage, bevor der Bürotisch wieder ruft.

Vielleicht ist das gerade in Ostdeutschland nicht verwunderlich. Entgegen der wild wuchernden Welt des urbanen Globalkapitalismus kehrte die DDR zum Dorf zurück. Die Volkseigenen Betriebe mit ihrer «Rundumversorgung» (Ilko-Sascha Kowalczuk) gleichen im Rückblick einer Dorfgemeinschaft. Die Akademisierungsquote sank in der DDR entgegen dem Trend in den kapitalistischen Staaten. Hochqualifizierten Jobs in der Industrie standen Bewegungsrestriktionen wie aus einem anderen Jahrhundert gegenüber, wenn staatliche «Ordnungsvorstellungen, nach denen man sich nach Feierabend in der Nähe des Wohnorts aufzuhalten habe», herrschten. So begreifen sich gerade in Ostdeutschland manche Menschen im Hinterland in gewisser Weise – wahrscheinlich bis in die geduldete Indianerkultur der DDR hinein – als Natives, die sich von einer Umvolkung bedroht sehen und wehren sich gegen Zuwanderung und urbanen Kosmopolitismus. Dabei kehrt die real betriebene Umvolkung in den Kolonien – etwa in Namibia, wo das deutsche Kaiserreich die erste als Genozid bezeichnete Vertreibung einer indigenen Bevölkerung der Weltgeschichte verübte – als Gespenst in Form der Angst vor einer Umvolkung zurück.
In den Hinterländern
In einem ganz anderen – aber doch nicht so anderen – Hinterland östlich von Zürich stiegen diese Westerngestalten alljährlich als Plastikfiguren aus einer alten Holztruhe. Verpackt in einem Karton, auf dem «Fort Laramie» stand, harrten sie unserer Besuche bei den Grosseltern. Wenn wir kamen, Anfang der Neunziger, fügten sie sich willig unseren Inszenierungen von grausamen Schlachten und wagemutigen Heldentaten einzelner Soldaten und Indianer. Wie im Film ritten die Plastikindianer auf ihren Pferden um die Plastikpalisaden des Forts, hinter denen sich Soldaten in blauen Uniformen verschanzten. Ganz richtig, die Uniformen waren blau. Denn bevor das grosse Blutbad in den Prärien des Mittleren Westens seinen Lauf nehmen konnte, mussten die Yankees der industrialisierten Nordstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg von 1861-1865 die grauen Uniformen der antiquierten Sklavenhalter des Südens vom Spielfeld der Geschichte fegen. Erst danach konnte sich die kapitalistische Expansion in den Westen voll entfalten. Die Eisenbahn als stählernes Zugpferd folgte der Vorhut unablässiger Planwagenkolonnen der Siederler:innen und verdrängte die indigenen Gemeinschaften. Diese wehrten sich vergeblich, auch wenn sie die eine oder andere Konfrontation wie diejenige am Little Bighorn River im Jahr 1876 mit den legendären «Häuptlingen» Sitting Bull und Crazy Horse für sich entscheiden konnten. Für einmal ging die Schlacht – gegen das angreifende 7. Kavallerie Regiment unter Oberstleutnant George A. Custer – zugunsten der Lakota, Dakota, Arapaho und Cheyenne aus.

Wo Fort Laramie liegt, weiss ich bis heute nicht. Das ändert allerdings wenig daran, dass die Winnetou-Quartette, die neben der Schachtel mit den Plastikfiguren in der Truhe lagen, irgendwann zur Lektüre der Karl-May-Bücher führten. Die Verfilmungen mit Pierre Brice und Lex Barker vor der Kulisse der kroatischen Plitvicer Seen bei den Nachbarn zu schauen, stellte ein Highlight meiner fernseharmen Kindheit ohne Übertragungsgerät im Haushalt meiner Eltern dar. Und als mein Vater nach der Arbeit einmal mit einer grossen Kartonschachtel nach Hause kam, in der sich 33 rotleuchtende Bände befanden, erhielten Karl Mays Indianer endlich das reale Gewicht in meinem Leben, das sie symbolisch ohnehin schon hatten. Für bloss einen Franken das Stück seien die Bücher in einem Laden im Shopville des Zürcher Hauptbahnhofs zu haben gewesen, erklärte mein Vater halb mit kindlichem Stolz und halb mit dem Opportunismus eines Wildwestsiedlers, da habe er gleich alle genommen. Der Preis der Bücher war so unwiderstehlich gewesen wie ihr Inhalt. Noch heute liegen sie zusammen mit meinen Nachahmungsversuchen in Schulaufsatzheften irgendwo in einem Regal bei meinen Eltern. Ich habe sie alle gelesen.
Plastikspielzeug gegen die Schmerzen
Bereits mein Vater hat offensichtlich mit den Plastikfiguren gespielt und die Karl-May-Bücher von Winnetou und Old Shatterhand verschlungen. Und wahrscheinlich dürfte auch sein Vater schon in Kontakt gekommen sein mit Karl May. Mein Grossvater kam 1924 auf die Welt. Karl May war 1912 als berühmter Schriftsteller gestorben. Seine Bücher wurden millionenfach verkauft. Und auch wenn sich all das in den Tälern der Schweiz abspielte, irgendwo im Heidiland, so zeugten die Bücher und die Plastikfiguren unverkennbar vom Einzug eines bürgerlichen Lebensstils in die subsistenzbäuerliche Welt der Täler. Trotz bescheidener Verhältnisse – vom Ziegen- und Rinderhüten war die Rede gewesen, wenn es um die Jugend meines Grossvaters gegangen war, von einer Anstellung als Melker später – war zumindest in der Kindheit meines Vaters ausreichend Geld vorhanden gewesen, solches Spielzeug anzuschaffen. Immerhin hatte mein Grossvater, der dann Psychiatriepfleger wurde, eine Grossbauerntochter aus dem Unterland mit ordentlicher Mitgift und Schneider:innen-Ausbildung bei renommierten Modehäusern in Luzern und Zürich geheiratet. Das Indianerspielzeug – gerade im deutschsprachigen Raum besonders der Karl May-Bücher wegen – hat dabei wahrscheinlich neben Exotik und Abenteuer auch die Funktion, den Schmerz des eigenen Landverlusts und des damit verbunden Gangs in die – teils lukrative, teils weniger lukrative – Lohnabhängigkeit zu betäuben. Denn bei meinen anderen Grosseltern im Paralleltal fand ich kein solches Spielzeug. Überhaupt erinnere ich mich nicht an Spielzeug dort – lediglich an die Erzählung meiner Mutter, zum Spielen hätten den sieben Kindern in den Sechzigern ausser einer Puppe vor allem Tannzapfen, Stöcke und Steine gedient.
Leben vom Land
Die Absenz des Plastikspielzeugs, das verwundert bestimmt nicht, rückt die Grosseltern im Paralleltal weit näher an die Native Americans heran als die Grosseltern, bei denen ich ein Winnetou-Quartett fand. Der exotisierende Blick wird sofort bemerken, dass die Native Americans bestimmt nicht mit Plastikspielzeug hantiert hatten. Das ist, wenn es um die Zeit der Schlachten wie Little Bighorn geht, wahrscheinlich richtig. Weit wichtiger jedoch ist, dass sowohl die Native Americans als auch die Grosseltern im Paralleltal ihren Lebensunterhalt durch Subsistenzwirtschaft bestritten hatten. Sie hatten, was zum Leben nötig ist, noch Mitte des 20. Jahrhunderts grösstenteils auf dem eigenen Hof produziert, genauso wie die Cheyenne, Arapaho, Dakota und Lakota mit den Ressourcen des Lands, auf dem sie lebten, ihre Bedürfnisse gedeckt hatten. Wie die Bücher Karl Mays in meiner Kindheit gehört diese Wirtschaftsweise jedoch der Vergangenheit an. Und da begegnen sich meine Grosseltern im Paralleltal und die Native Americans, auch wenn sie kaum voneinander wussten. Einzig eine ausgewanderte Verwandte, so hiess es bisweilen, sie bei Indianerüberfällen um’s Leben gekommen. In den Resten der überlieferten Briefe Katharina Oderichs an ihre Tochter in der Schweiz jedoch steht nichts dergleichen. Vielmehr hatte sie im Bestreben, ihre uneheliche Tochter mit Geld zu versorgen, ein einsames und ärmliches Leben geführt, ohne je die Möglichkeit gehabt zu haben, in die Schweiz zurückzukehren, um ihre Tochter – und das Tal ihrer Herkunft – wiederzusehen. Die Kämpfe aber, auf dem eigenen Land zu bleiben, gleichen sich in ihrer Vergeblichkeit in den Vereinigten Staaten wie in der Schweiz.

In den Neunzigern, als ich mit den Plastikindianern spielte, wiesen die Ökofeministinnen Maria Mies und Vandana Shiva darauf hin, dass die Erfahrung des Landverlusts auch die Bauern der Industrieländer betrifft:
Nachholende Entwicklung bedeutet für die Bauern in den Industrieländern, dass sie versuchen, den Lohnarbeitern oder den Unternehmern gleichgestellt zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen, waren/sind sie bereit, sich zu verschulden, die Grundlage ihres Wirtschaftens – den Boden – durch Chemie so weit zu verseuchen, dass sie selbst, ihre Tiere und die Nahrung, die sie herstellen, krank werden. Aber ‹gleich› werden sie dadurch dennoch nicht. Die Agrarpreise sind so berechnet, dass die Lohn- und Gehaltsabhängigen in den Städten nicht allzu tief in die Tasche greifen müssen, um das tägliche Brot bezahlen zu können. Der Löwenanteil ihrer Einkommen soll ja nicht für so ‹Nebensächliches› wie Nahrung ausgegeben werden, sondern für ‹hochwertige› Industrieprodukte wie Autos, Fernseher, Videos, Urlaubsreisen. Der Anteil der Ausgaben für Nahrung ist in den Industrieländern in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Das, wovon wir leben, die Nahrung, soll möglichst wenig kosten.
Von einer nachholenden Modernisierung wiederum war auch bei der Angliederung der neuen Bundesländer an die BRD die Rede.
Der – kindliche? – Wunsch, Indianer zu sein
Müssten wir da nicht merken, dass der «Wunsch, Indianer zu werden» sich nicht allein auf eine nostalgische Kindheitsfantasie und ihre gekonnte Enttäuschung durch Franz Kafka, den Meister der Moderne, bezieht?
Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.
Diese Prosaskizze aus Kafkas Betrachtungen, bei Rowohlt erschienen im Todesjahr Karl Mays, hat jüngst der Zürcher Literaturwissenschaftler Cédric Weidmann zum Anlass genommen, über die Kindheitsnostalgie hinauszublicken: Es ist die galoppierende Moderne, die jede Rückkehr zum Indianer, der einst zu Fuss durch die Prärie streifte, verunmöglicht. Das heroische Bild des reitenden Indianers ist bereits auf den Einfluss der europäischen Kolonialmächte zurückzuführen. Die Einfuhr von Pferden durch spanische Kolonisator:innen erst siedelte die berühmten Mustangs in Nordamerika an: verwilderte Nutzpferde aus Europa. Und von der Prärie ist heute auch nur noch die «gemähte Heide» der industrialisierten Landwirtschaft übrig. Das kindliche Wünschen aber, das sowohl durch das Erwachsenwerden als auch durch die wirtschaftliche Entwicklung zwangsläufig enttäuscht wird, bleibt. In der Lektüre Weidmanns verbindet Kafka die «Kindheit als urbanisierten Ersatz des Vorkapitalismus» mit dem «Vorkapitalismus der ‹Indianer›», sodass es scheint, als hätte die zunehmend urbanisierten Gesellschaften Europas schon damals ihre internalisierten Verlusterfahrungen – vor allem im deutschsprachigen Raum – auf die weitentfernten Indianer projiziert, statt sich mit den übriggebliebenen Subsistenzbäuer:inne hierzulande zu solidarisieren.
Die Kavallerie des Kapitalismus
Tragisch ist freilich, dass die vertriebenen Native Americans und die enteigneten Subsistenzbäuer:innen eben kaum voneinander wussten – und auch die Wissenschaft, so der Globalhistoriker Sven Beckert, betrachtete diese Ereignisse und die damit einhergehenden Revolten oft bis in unsere Tage noch «als voneinander unabhängig». Der Verweis auf Kafka und die subtile Lektüre dieses einen Satzes mögen das verdeutlichen: Wie viel Bildung und Wissen sind nötig, um all diesen Verbindungen rund um die Welt überhaupt auf die Spur zu kommen? Wer heute von Native Americans spricht, bewegt sich mit grösster Wahrscheinlichkeit in den gebildeten Kontexten linksalternativer Urbanität. Aus der Stadt heraus eignet sich diese soziale Gruppe – etwa in der solidarischen Landwirtschaft – wieder subsistenzähnliche Praktiken an. Und was die linksurbane Mittelschicht an Gentrifizierung – und eben auch ihrer eigenen Verdrängung – beklagt, hat seinen Ursprung bei der Vertreibung der Subsistenzbauern von ihrem Land. Ob die Abnehmer:innen des lokal und biologisch angebauten Gemüses um die Geschichte des Lands wissen, von dem sie ihr Gemüse beziehen?
Der Hof, auf dem ich als Kind meinen Grossvater im Paralleltal noch habe arbeiten sehen, ist längst an seinen Sohn übergegangen, der sich das Leben als Bauer nur noch aufgrund eines Hauptjobs im Angestelltenverhältnis leisten konnte. Einige Unfälle und Herzinfarkte später führt mein Cousin den Hof. Ob Bio-Nischen und Direktverkauf diese kleinbäuerliche Lebensweise über die Zeit retten werden? Peer Steinbrück hätte zwar gerne einmal die «siebte Kavallerie» aus «Fort Yuma» geschickt, um die Schweizer «Indianer» in Sachen Bankgeheimnis zum Einlenken zu zwingen. Die Kavallerie Custers lauert glücklicherweise dennoch nicht, um die Menschen mit unmittelbarer Gewalt von ihrem Land weg und in Reservate zu treiben. Der Verlust des Lands unter dem Druck der kapitalistischen Produktionslogik jedoch ist für die Menschen immer und überall eine Tragödie.
Eine globale Wanderschaft
Die Ökofeministinnen Mies und Shiva betonten, dass dieser Prozess der Enteignung, den der Kolonialismus dann in die ganze Welt hinaustragen sollte, seinen Anfang in Europa genommen hatte. Das Kapital für aufwendige Produktionsweisen fiel nicht vom Himmel, sondern musste akkumuliert werden. Frühe Beispiele dafür finden sich im 16. Jahrhundert in Spanien und England, als die voraussetzungsreiche – um nicht zu sagen kapitalintensive – Textilproduktion aufkam. Das Gemeingut der Dörfer – die Allmende – wurde systematisch der Wollproduktion zugeführt. Wiesen, auf denen die Subsistenzbauern ihr Vieh weiden konnten, fielen der monokulturellen Schafzucht anheim. Die Dorfbauern aber, die mit Mischkulturen und der Haltung unterschiedlicher Tiere gewirtschaftet hatten, verloren ihre Lebensgrundlage und wichen in die Städte aus. Bis heute beschäftigt uns das Problem einer mangelnden Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Monokulturen von der Massenviehhaltung über den Getreideanbau bis zur Waldwirtschaft. Aber solange sich an einem schönen Tag die Endlosigkeit des blauen Himmels in der leuchtenden Endlosigkeit der gelben Rapsfelder spiegelt, glauben wir uns im Paradies oder wenigstens in einer Landidylle.

Durch Zufall – aber eigentlich auch nicht – bin ich in Sachsen, dem Land Karl Mays, gelandet. Zufällig: Es hätte auch ein anderer Ort sein können. Aber weil es ein anderer Ort sein musste, ist es gar nicht so zufällig. Die akademische Berufswelt sieht – und das ist genauso Teil dieser globalen Vertreibungs- und Umsiedlungslogik – Auslandaufenthalte vor, die manchmal zum Bleiben führen. Dass wir mittlerweile jedoch in Leipzig leben, hat uns mehr und mehr von der Herkunft entfernt. Und während mein Sohn, der nun in den linksurbanen Kontexten Leipzigs aufwächst, mich zurecht in Sachen Native Americans belehrt, frage ich mich, wie viel dieser Familiengeschichte ihn noch berühren wird. Werden ihm seine Verwandten, so er dann überhaupt noch Kontakt zu ihnen hat, rückständig vorkommen wie mir manchmal? Der soziale Aufstieg hatte seinen Preis, nicht zuletzt eine Entfremdung. Oder wird er sich wie für exotische Orte anderswo auf der Welt irgendwann auch für Schweizer Folklore zu interessieren beginnen? Sein Grossvater spielt immerhin noch Alphorn.
Das Kreuz mit der Emanzipation
Seltsam überkreuzen sich die emanzipativen Bestrebungen. Während die eigene Familiengeschichte sich ausdifferenziert und der subsistenzbäuerliche Teil der Herkunft zugunsten urbanen Wohlstands in Vergessenheit zu geraten droht, schwappen die Wellen antikolonialer Kämpfe nach Europa zurück und fordern noch dann zur Sensibilität auf, wenn die betroffenen Menschen gar nicht anwesend sind. Von Native Americans jedenfalls keine Spur in den sächsischen Rapsfeldern. Trotzdem breitet sich ein Interesse an der Stammesfolklore weit entfernter Menschen gerade da aus, wo die eigenen Familienbeziehungen eine zusehends geringere Rolle spielen. Die notwendige «Entwertung und Herabsetzung des bisher Eigenen» in einem Paradigma des Fortschritts ist auch Mies und Shiva nicht entgangen. Und ich frage mich wieder, wie das mit der Rückständigkeit und der Entwicklung genau ist.

Der international agierende Kapitalist, der andernorts mit Gewalt die materiellen und geistigen Rohstoffe seiner Produkte abbauen lässt, verkauft diese Rohstoffe dem Schweizer, der gerade eben seiner «Hämath» (Cédric Weidmann), dem Subsistenzbauernhof, entlaufen ist. So kommt mein Grossvater zu den Plastikfiguren, mit denen mein Vater in seiner Kindheit Indianer spielte. Die linksalternative Urbanität wird schon dazu übergegangen sein, dies kritisch zu reflektieren, während der weniger reflektierte Teil der Bevölkerung Westerntage abhält und zusehends mehr dazu neigt, andere Menschen aus dem Land zu jagen. In Radebeul jedenfalls erhält das Karl-May-Museum eine millionenschwere Erweiterung. Und Menschen verdienen mit der Vermarktung des Einfallsreichtums eines verurteilten Betrügers bis heute ihren Lebensunterhalt. Von den Einnahmen des Karl-May-Museums, so nehme ich an, fliesst kein Cent in die Reservationen der indigenen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten. Zwar bietet das Museum immerhin einer indigenen Künstlerin Raum, einige Werke auszustellen, und klärt unter den Augen einer Wachsfigur des Anführers Sitting Bull über die allmähliche Vertreibung der indigenen Bevölkerung und die Etablierung von Reservationen in den Vereinigten Staaten auf. Was dieser Prozess jedoch mit der Geldwirtschaft Radebeuls zu tun hat, weiss wahrscheinlich nicht einmal die Museumsleitung – geschweige denn die Verantwortlichen der Radebeuler Wirtschaftspolitik.
Weisst du jetzt, wo Fort Laramie ist?
Derweil ist es dunkel geworden. Anstelle der Rapsfelder leuchten endlich die Sterne. Das penetrante Rauschen und Röhren des Verkehrs auf der nahen Autobahn lullt uns in den Schlaf. Ist es vielleicht ein Glück, diesen Lärm nicht ausblenden zu können? Ich werde mich hüten, die Winnetou-und-Old-Shatterhand-Indianerromantik meinem Sohn weiterzugeben und dafür die Kosten unseres Wohlstands auszublenden. Dieser Kriegsheroismus mit Plastikspielzeug ist ohnehin ein unnötiges Männerproblem. Da will ich ihm doch lieber von Maria Mies und Vandana Shiva erzählen, denke ich im Halbschlaf gerade noch, bevor der Traum die Geräusche der Autobahn mit dem Rauschen des Little Bighorn Rivers am Bozeman-Trail überblendet. Ausgehend von Fort Laramie in Wyoming führte der Trail über 800 Kilometer zu den Goldfeldern Montanas. Wo einst die Schlacht war, ist seit 1999 immerhin ein Denkmal in der Crow Reservation. Auf einem symbolischen Grabstein steht: «Hahpehe Onahe, Geschlossene Hand: Ein Cheyenne Krieger fiel hier am 25. Juni 1876, während der die Lebensweise der Cheyenne verteidigte.»
Danke für deine Aufmerksamkeit. Das Feuilleton F. kannst du per Paypal, per Banküberweisung oder per Patreon unterstützen, wo du die künstlerische Evolution der fünfzeiler in Text, Ton und Bild mitverfolgen kannst.