Die Kleinmesse und das grosse Ganze

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Fenster in die Vergangenheit gehen an unscheinbaren Orten auf. Ausgerechnet die Leipziger Kleinmesse gibt mir Anlass zu einem Versuch, mich in die ostdeutsche Gefühlswelt hineinzuversetzen. Dabei hebt sie ein Niemandsland zwischen Antiamerikanismus und Westfanatismus hervor.

 

Im Niemandsland

 

Ein Niemandsland teilt Leipzig in Ost und West, als spiegelte sich darin, mehr noch als die jüngste Vergangenheit des Kalten Kriegs, die uralte Geschichte menschlicher Sinnsuche. Wo sein Wasser das Palmengartenwehr hinunterstürzt, mündet der Fluss in ein ausgedehntes Flutbecken zum Schutz der Stadt vor Hochwasser. Mögen solche Anlagen im Katastrophenfall auch ihren rettenden Sinn haben, liegen sie doch die meiste Zeit über nutzlos da und reissen eine verstörende Schneise in die Landschaft.

Viel zu breit ist der Fluss, viel zu gerade sind seine Ufer, als dass er sich zwanglos in die Landschaft fügen könnte. Beständig weisen diese Reissbrettufer auf ihre Unvollständigkeit hin. Die Leere des Flutbeckens verlangt nach Wassermassen wie die Unermesslichkeit des menschlichen Geists nach Sinn. Ein Niemandsland aber – die sukzessive Aneignung jedes bewohnbaren Flecken Lands durch die Menschen legt Zeugnis davon ab – ist schwer zu ertragen.

 

Sintflut oder Hochwasserschutz

 

Dieses urbane Niemandsland bildete sich allerdings erst, nachdem Ende des 19. Jahrhunderts anstelle von Wasser die Stadt selbst die Landschaft zu überfluten begann. Sie wuchs seit 1870 rapide und vervierfachte ihre Bevölkerung innerhalb von gut zwanzig Jahren. So verleibte sich die damalige Weltstadt, nachdem sie zahlreiche Vorstadtgemeinden östlich der Weissen Elster innerhalb von zwei Jahren aufgenommen hatte, auch nach und nach die Gemeinden am westlichen Flussufer ein. Die Industrieviertel Plagwitz, Schleußig und Lindenau bildeten zusammen mit dem Gut Kleinzschocher den ersten Brückenkopf Leipzigs auf dem Westufer.

Seither teilt sich Leipzig, dessen Stadtkern auf einer Erhebung am östlichen Ufer liegt, in zwei deutlich voneinander getrennte Teile. Zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil liegt die Auenlandschaft der einst weitverzweigten Flüsse Weisse Elster und Pleisse. Zwar wurde so viel Auwald wie möglich erhalten, ihre Natürlichkeit hat die Auenlandschaft aber längst zugunsten der Stadt verloren. Anfang des 20. Jahrhunderts setzte die wachsende Stadt endlich die Hochwasserschutzpläne um, die seit über fünfzig Jahren in den Amtsschubladen gelegen hatten. Seither markiert das Niemandsland von Flutbett und Flutbecken mit ihren Dammanlagen eine befremdliche Grenze, die mitten durch die Stadt führt.

 

Kleine Trostlosigkeit

 

Vielleicht liegt ein Grund, warum sich ein freier Platz an dieses Flutbecken schmiegt, auf dem sich unter anderem zweimal jährlich das Spektakel der Kleinmesse abspielt, nicht nur in der Weitläufigkeit des Geländes, sondern auch in der Unerträglichkeit des Niemandslands. So nackt der Festplatz Cottaweg oft daliegt, so verzweifelt wirkt dessen wiederkehrende Belebung. Degradieren ihn Veranstaltungen in der Redbull-Arena auf der anderen Flussseite bisweilen zum Parkplatz für 1’000 Autos, wirkt die Kleinmesse wie die verlorene Schwester des Freizeitparks Belantis südlich von Leipzig. Dort schrauben sich in der neuen Naherholungslandschaft zwischen ehemaligen Kohlegruben verwegene Achterbahnen in den Himmel. Die Kleinmesse im Niemandsland dagegen bleibt bodenständig.

 

 

 

Besonders an einem kalten und regnerischen Herbstabend ist die Trostlosigkeit dieses Vergnügens unübersehbar. Missmutig stehen die Schausteller:innen hinter ihren Tresen. Sie frieren und das Geschäft läuft schlecht. Das Sicherheitspersonal lungert unmotiviert vor den Toren herum. Der Wind fegt durch die Bäume. Vor dem düsteren Abendhimmel wirkt die blinkende Kulisse mit ihren brachialen Klängen, die krampfhaft die harte Realität der Maschinengeräusche zu kaschieren versuchen, lächerlich.

 

Sehnsucht Amerika

 

Und genauso lächerlich erscheint die Aufmachung der Attraktionen. Als würde mit der Kleinmesse dem american way of life gehuldigt, referieren die Buden überall auf Uncle Sam. Die stars and stripes zieren nicht nur den «Breakdance». Und der Klischees nicht genug, reicht eine Karikatur des Freiheitssymbols schlechthin, die New Yorker Freiheitsstatue, den Inbegriff der amerikanischen Konsummarken, eine Dose Coca-Cola, in die Runde. Aber die Bahn dreht sich an diesem Abend fast leer.

Auf dem Kiesplatz haben sich am verregneten Nachmittag riesige Pfützen gebildet, als träumten sie davon, sich mit Wassern zu verbinden, die über die Ufer des Flutbetts treten, um sintflutartig all diese menschengemachte Sinnlosigkeit vergessen zu machen. Und während ich die Pfützen zugunsten trockener Füsse vorsichtig umgehe, frage ich mich, wie es Menschen zumute ist, die hier einst mit mehr oder weniger Überzeugung am sozialistischen Projekt arbeiteten und in den Vereinigten Staaten von Amerika den Klassenfeind sahen oder sehen mussten?

 

Kleinmesse in der DDR

 

Mit der Wende warfen sie sich dem Klassenfeind an die Brust und erhielten im Gegenzug ihre Kleinmesse in amerikanischer Verkleidung zurück. Die Kleinmesse blickt auf eine Tradition, die noch vor die Weltkriege zurückreicht. Im Schatten des Leipziger Messebetriebs entwickelte sich bald eine Messe für die kleinen Leute. Gaukler und Krämer, die wie das Leipziger Original Oscar Seifert ihre Waren wortgewandt verhökerten, sorgten für ein Volksfest. Auch zu DDR-Zeiten hatte sich die Kleinmesse grosser Beliebtheit erfreut und Kleingewerbetreibenden ein Betätigungsfeld eröffnet, das in der staatlichen Planwirtschaft selten war. 1978 soll die «durchschnittliche Besucherzahl der Kleinmesse mit 600’000 beziffert» worden sein, schreibt Sophie Weinhold im Bildlexikon Leipzig.

Die Anfälligkeit für derlei Attraktionen verband offenbar die Menschen in Ost und West. Wussten das die Architekt:innen der Wiedervereinigung im Grossen, kommt mir die Kleinmesse wie eine Karikatur der Wiedervereinigung vor. Der 1886 gegründete Schaustellerverein erlebte nach der Wende eine Auferstehung. Manche seiner Mitglieder – wie die Nachfahren des berühmten Oscar, die heute den «Breakdance» betreiben – blicken auf eine Schaustellergeschichte von sechs Generationen zurück. Ziehen die unternehmerischen Schausteller:innen auch den kleinen Leuten aus den Plattenvierteln am Rand der Stadt das Geld aus der Tasche, spielt sich doch alles auf dem niedliche Niveau der Kleinmesse ab. Dass sich die Kleinmesse ihrerseits gegen die Interessen des Grossvereins RB Leipzig wehren muss, steht auf einem anderen Blatt.

 

Wahlfreiheit und Waffelfreiheit

 

Manche Ostdeutsche, die am 18. März 1990 bei der ersten freien Volkskammerwahl kurz vor dem Verschwinden der DDR mit der CDU Helmut Kohls die wohlstandsverheissende D-Mark wählten, erlebten im wiedervereinigten Deutschland, so male ich mir aus, ein böses Erwachen. Den leeren Regalen in der DDR hatten sie zugunsten von Westprodukten entfliehen wollen. Das Konsumversprechen der BRD allerdings wird sich nach der Verflüchtigung der sozialistischen Ideale nicht selten als Kleinmesse herausgestellt haben, wo der persönliche Entfaltungsspielraum sich in begrenztem Raum auf die Wahl zwischen unterschiedlichen Mitteln zur Erzeugung desselben Schwindels beschränkt.

Dass sich die Beteiligten der Wiedervereinigung in Ost und West gerne in dieser Situation einrichteten, ist nicht unwahrscheinlich. Der ostdeutsche Schriftsteller Jakob Hein wiederholt in seinem Text «Der im Osten erfundene Westen» eine naheliegende Vermutung: «So bastelten wir von beiden Seiten an einem Westen, den es nie gab. Gern spielten uns die Westler vor, sie lebten tatsächlich in dem Land, das wir uns vorstellten.» Viele wollten vielleicht gar nicht mehr als diesen Schwindel, aber ein Schwindel ist ein Schwindel und fliegt irgendwann auf, ob der nun selbst- oder fremderzeugt ist.

 

Der Streit im Osten

 

Heins Text ist Teil des jüngst erschienen Lesebuchs «Der Westen – eine ostdeutsche Empfindung» (2026). Das Lesebuch, von den Herausgeber:innen bewusst als Lesebuch und nicht als systematische Untersuchung konzipiert, reagiert auf Dirk Oschmanns wütende Abrechnung «Der Osten – Eine Erfindung des Westens» (2023). Die Auseinandersetzung, die sich in diesen Büchern widerspiegelt, bestätigt noch heute, was der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch «Freiheitsschock» schon über 1990 sagt: «Auch damals wurden die kontroversesten Debatten nicht zwischen Ost und West, wie immer wieder behauptet wird, sondern zwischen Ostdeutschen ausgetragen.»

Kowalczuk geht mit vielen seiner ostdeutschen Mitbürger:innen, die nun dem Westen vorwerfen, mit falschen Versprechungen geködert worden zu sein, hart ins Gericht: «Sie erfanden einen Westen, den es nie gab. So konstruierten sie eine Idylle, die sie am 18. März herbeiwählen wollten, eine Fehlwahrnehmung, die fast niemand dem eigenen Unvermögen anlastete, sondern dem Westen selbst, der sie angeblich getäuscht, betrogen, belogen hätte.» Verantwortung für die eigene Situation würden – bis heute – die wenigstens übernehmen. Auf der Kleinmesse allerdings blinken die Lichter, als wäre nichts gewesen, und die Bahnen drehen sich.

 

Die grossen Ideale auf der Kleinmesse

 

Ungeachtet dieser grossen Verantwortungsfragen, rechne ich aus, müsste die lächerliche Freiheitssymbolik auf der Kleinmesse, wenn sie denn bemerkt wird, ein mulmiges Gefühl hinterlassen. Die individualistische Konsumfreiheit, die sie anpreist, muss in grellem Kontrast zu Sätzen stehen, die ich in Ostdeutschland bisweilen höre: Im Sozialismus hätten die Menschen noch an die Idee geglaubt, alles gehöre allen, und sich in den Dienst des grossen Ganzen gestellt. Sinnstiftend musste nicht nur dieser ideologische Anspruch gewirkt haben, sondern auch seine lebensweltliche Konkretisierung.

In der Arbeitsgesellschaft der DDR konnte sich fast alles mit der Arbeitsstelle verbinden, wie Kowalczuk immer wieder betont: «Einkommen, Freizeit, Urlaub, Gesundheitsvorsorge, Krankenbetreuung, Kultur, Sport, Vereine, Rentnerbetreuung, Freundschaftsbeziehungen, Familie, Feierkultur, Kinderbetreuung.» Dank der Integration all dieser Lebensbereiche durch die Betriebe, musste sich das Leben weniger fragmentiert angefühlt haben als im Westen, wo das Leben sich weit mehr in Politik, Wirtschaft und Freizeit als vermeintlich voneinander unabhängige Sphären aufteilte.

 

Eine graue Müdigkeit

 

Der Verlust dieser Lebenswelt muss eine Leere hinterlassen haben. Sie hatte wahrscheinlich einmal – für manche besser, für manche schlechter – das Gefühl verbürgt, im grossen Ganzen aufgehoben zu sein. Mag dieses grosse Ganze auch nicht besonders lebensfroh gewesen sein, so war es eben doch ein grosses Ganzes. Und die «Würde», wie sich Lars Reyer kürzlich in der TAZ ausdrückte, der Menschen in der DDR habe darin gelegen, auszuhalten, als «wandelnde Sollgrösse» in den sozialistischen «Produktionsplan» eingezwängt zu sein.

Allein «Opfer der Geschichte» seien sie keinesfalls gewesen, sondern eben auch «ihre Komplizen». Schon damals – ihrer heutigen Wahrnehmung vielleicht nicht unähnlich – hätten sie gewusst, «dass etwas nicht stimmte», fürchteten aber ob der dauernd aufgeschobenen Versprechungen des Sozialismus desillusioniert, «was danach kommen konnte». So hätten sie sich mit ihren «Gesichtern», die «grau von Arbeit» waren, in ihrer kollektiven «Erschöpfung» der «Müdigkeit» ergeben. «In dieser Mischung aus Resignation und Stolz», so Reyer, habe aber etwas gelegen, «das man vielleicht ostdeutsche Würde nennen könnte – eine Würde, die nicht auf Erfolg, sondern auf Ertragen beruhte. Eine Würde des Untertanen vielleicht, aber immerhin mehr als nichts.»

 

Farbenlehre der DDR

 

Zum erschöpften Grau der DDR, das Reyer selbst in den Gesichtern der Menschen wiederzufinden meint, steht die blinkende Aufgeregtheit der Kleinmesse in grellem Kontrast. Überall leuchten verführerische Angebot und laden farbenfroh zu einem flüchtigen Vergnügen ein. Die Symbole der Vereinigten Staaten von Amerika suggerieren derweil eine Freiheit, die es auch auf der anderen Seite des Atlantiks – der Wendesituation, wie sie Hein beschrieben hat, nicht unähnlich – vor allem noch im Selbstbild gibt. Inzwischen nähert sich in den USA der reichste Mensch der Welt mit seinem Vermögen von über 800 Milliarden Dollar zum ersten Mal der Billion, während weltweit ein Schattenarbeitsmarkt ohne jegliche Absicherung der Arbeiter:innen wächst.

 

 

An die penetrante Konsumaufforderung haben sich Menschen, die im Westen aufgewachsen sind, schon vor Jahrzehnten gewöhnt. Sie gehört zu ihrer Art des Ertragens. Mag die Erzählung einer Freundin, die in den Achtzigerjahren mehrfach in Leipzig war, zunächst verblüffend wirken, so passt sie doch erstaunlich gut ins Bild. Grau sei ihr die Welt nämlich vorgekommen, weil die Werbung im öffentlichen Raum gefehlt habe – ihr habe die Werbung gefehlt. Spazierten dagegen «die Männer von damals», stellt sich Reyer vor, durch die heutigen Strassen, würden sie die «neuen Fassaden» ebensowenig wiedererkennen wie «die Werbeflächen».

 

Freiheit und Enttäuschung

 

Der Gerechtigkeit des Umstands, dass in der DDR kaum ein Mensch – auf westlichem Niveau – konsumieren konnte, steht, so will es mir erscheinen, die Freiheit des Umstands gegenüber, dass in der BRD alle – zum Wohle der Wirtschaft – konsumieren sollen. Die sozialistische DDR versprach eine Freiheit, die auf – erzwungene – Gerechtigkeit baut. Die BRD dagegen spricht bis heute von einer Freiheit, die – vergeblich – auf Gerechtigkeit hofft. Darüber, wie sehr das eine oder andere Versprechen eingelöst worden und welche Logik schlüssiger ist, mag sich jede:r selbst Rechenschaft ablegen.

Projektionen allerdings erzeugen – ob im Westen oder im Osten – mit der Zeit zwangsläufig eine Enttäuschung, in deren Licht die Vergangenheit leicht wie das verlorene Paradies erscheint. Das Ende der sozialistischen DDR liegt zwar bereits über fünfunddreissig Jahre zurück. Das Ringen um ihre Deutung steuert jedoch spätestens seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine auf seinen Höhepunkt zu. Und die politischen Entwicklungen lassen zumindest befürchten, dass der Osten im Kampf um die Geschichte gewinnen könnte. Was an Freiheitsidealen einmal staatstragend war, schluckt allmählich auch im Westen die illiberale Demokratie, wie sie Viktor Orban entworfen hat, auch wenn Orban inzwischen mit Zweidrittelmehrheit aus Amt und Würden gewählt worden ist.

 

Sowjetunion und Waffenfreiheit

 

Bereits 2005 bezeichnete Putin den Zerfall der Sowjetunion als «grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts» und zog seine furchtbaren Konsequenzen aus dieser Einsicht. Dabei erinnert er sich weniger der sozialistischen Ziele als der sowjetischen Machtpolitik. Die Rückgewinnung der sowjetischen Einflusssphäre ist keine Frage von verlockenden Ideen, sondern von militärischer Gewalt gegen innen wie gegen aussen. Und die ideologische Legitimierung dieser Gewaltexzesse ist nicht etwa der sozialistische Internationalismus, sondern ein rassistischer Nationalismus.

Leicht geraten angesichts der Vehemenz dieses Ringens um die Geschichte die Bezugspunkte durcheinander. Geht es jetzt um den Sozialismus als Gesellschaftsform? Geht es um die Sowjetunion als ‹Schutzmacht› des Ostblocks? Und was ist eigentlich der Unterschied? Was hat das mit der DDR zu tun? Das Spektrum der Erinnerung an die DDR – zwischen Stasi, Arbeitssicherheit, Mauer, Gesundheitsversorgung, Todesstreifen und Sinnstiftung – ist weit.

 

Parteinahme

 

Dreissig Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs scheint der Krieg in der Ukraine wieder zu einer Parteinahme zwischen Ost und West zu nötigen – eine Parteinahme, die gemäss Kowalczuk charakteristisch für die DDR-Gesellschaft war: «In der DDR gab es im Prinzip zwei Lager: Die einen verherrlichten den Westen und insbesondere die Bundesrepublik und die USA. […] Das Gegenlager war vom leninistischen Ideologiebazillus erfasst und hasste den Westen, war vom Antiamerikanismus in allen Poren durchdrungen.»

Erinnern sich manche angesichts dieser Gegenwart nur an die Vergangenheit des Kalten Kriegs, fühlen sich andere im Antiamerikanismus endlich wieder aufgehoben. Dagegen greifen wieder andere für die USA Partei. Die Bevölkerungsdichte im «Niemandsland dazwischen» nimmt zunehmend ab. Schon für die Zeit der DDR stellt Kowalczuk fest: «Es war jedenfalls sehr dünn besiedelt, wie ich bezeugen kann, denn dort hielt ich mich auf.» Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist das einst mächtige Europa der Kolonialreiche zum Niemandsland geworden, um das die Mächte in Ost und West ringen. Nach der Wende Ende des 20. Jahrhunderts formierten sie sich im 21. Jahrhundert erstaunlich schnell wieder.

 

Geistige Freiheit

 

Dass es oben im Stadtzentrum eine Oper und ein Gewandhaus gibt, die Kleinmesse jedoch verschämt auf einem bedrohten Parkplatz im Niemandsland stattfindet, illustriert die Tragweite des Problems. Der soziale Status bestimmt den Geschmack. An diesen tradierten Unterschieden mit ihren entsprechenden Präferenzen scheiterte auch die DDR – trotz gewaltiger Anstrengungen, die Arbeiter und Bauern aufzuwerten. Die Kühe dieser Bauern waren schon mit dem Bau der Hochwasserschutzanlagen – unwiederbringlich – verschwunden.

Wenn sich die gebildeten Besucher:innen von Opern und Gewandhäusern egal welcher politischen Gesinnung jedoch anschicken – und sie tun das fast immer –, die kleinen Leute zu instrumentalisieren, droht die Welt unterzugehen. Manchmal, das ist eine bittere Einsicht der Geschichte, keimt erst nach dem Katastrophenfall wieder Hoffnung auf. Seit einigen Jahren quere ich das Niemandsland fast täglich und stelle mir das Chaos der einstigen Auenlandschaft vor. Ständig wechselnde Flussläufe, sich bildende und verschwindende Seen, der Sumpf der – geistigen – Freiheit zwischen Ost und West. Immerhin mehr als nichts.

 

 

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